Der neue Grundschulleistungstest Kompass 4 steht in der Kritik, auch von Schulleitungen in Rottweil. Wir haben sie und das Kultusministerium befragt, wie sie den kürzlich stattgefundenen Test bewerten und wie er nächstes Jahr stattfindet.
Am ersten Tag Deutsch, am zweiten Tag Mathematik, jeweils 45 Minuten um 9 Uhr – das ist der Kompass 4 Test. Das Ergebnis davon ist eines von drei Kriterien, das darüber entscheidet, welche weiterführende Schule ein Kind besucht. Er hat potenziell maßgebliche Auswirkungen auf die schulische Laufbahn eines Kindes.
Doch Lehrer, Schulleitungen, Schüler und Verbände melden zurück: Das erste mal Kompass 4 lief nicht wie erhofft.
Während des Kompetenztest habe es laut Justina Firnkes, stellvertretende Schulleiterin der Konrad Witz Schule (KWS), Probleme nicht nur bezüglich der Tests an sich gegeben. Da in Baden-Württemberg alle Prüfungen, auch Abitur und mittlere Reife, einheitlich um 9 Uhr starten, fiel diese an der KWS direkt in die große Pause. „Da die Kinder sowieso schon gestresst und aufgeregt waren, wollten wir sie nicht in einen neuen Raum schicken.“ Daher seien Schüler während der Bearbeitungszeit vom Pausenlärm teilweise abgelenkt gewesen. Die Lehrkräfte hätten zurückgemeldet, dass auch Tränen geflossen seien.
Besonders der Mathematik-Test sei sehr schlecht ausgefallen. „Wir haben nur ein Kind auf dem höchsten Niveau, das ist sehr überraschend“, so Firnkes. Das dies nicht nur an der KWS ein Problem war, bestätigen Recherchen des SWR. So hätten nur sechs Prozent der Schüler das Gymnasialniveau und nur acht Prozent das mittlere Niveau erreicht.
Von Tränen berichtet Andrea Haunstetter-Mössinger, Schulleitung der Grundschule am Dissenhorn in Göllsdorf, zwar nicht, aber von knapper Zeit. Schüler, die sehr langsam lesen, hätten zu wenig davon gehabt. Auch seien der Inhalt der Aufgaben theoretisch machbar gewesen für die Schüler, das Format habe aber Schwierigkeiten bereitet.
Grundsätzlich könne ein solcher Test, so Firnkes, die Lehrkräfte unterstützen, wenn er gut durchdacht sei. Den Aktuellen sehe sie aber als „ Hau-Ruck-Aktion.“ Haunstetter-Mössinger stimmt zu: „Die Kompetenztests können als zusätzliche Rückmeldung und ergänzende Einschätzung für die Grundschulempfehlung genutzt werden. Als alleiniges Ergebnis sehen wir es nicht als aussagekräftig genug an.“ In einer Umfrage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bei über 1000 Lehrkräften, sagten vier von fünf Lehrern zudem aus, dass die Testergebnisse nicht mit ihrer Einschätzung der Kinder übereinstimmen würden.
Nach dieser massiven Kritik kündigte Kultusministerin Theresa Schopper an, die Leistungstest weiterentwickeln zu wollen. Wie genau diese dann aussehen, lässt sich auf Nachfrage beim Kultusministerium noch nicht erfahren. „Dies zu klären wird Aufgabe der Evaluation sein. Wir erwarten die Gesamtrückmeldung aller Schulen im Januar. Eine vollständige Analyse durch das Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg wird voraussichtlich im Februar vorliegen“, ein Pressesprecher des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport.
Ein wenig Selbstkritik gibt es jedoch auch: „Kompass 4 bildet sicher im Mathematikteil in diesem Jahr nicht das tatsächliche Bild an den vierten Klassen in Baden-Württemberg ab“, so der Sprecher. „Gleichwohl lässt sich feststellen, dass die Kompetenzen in Mathematik nicht zufriedenstellend sind. Das Kultusministerium wird deshalb leistungsfähige Instrumente für den Mathematikunterricht entwickeln, vergleichbar, wie es im Fach Deutsch durch die Einführung der Lesebänder gelungen ist.“