Grüne, SPD und Linke verlassen X mehr oder weniger geschlossen und tun das auch noch mit Stolz. Das ist kurzsichtig und feige, kommentiert Reporter Sascha Maier.
„Im Chaos“ sei X versunken, die Plattform fördere „zunehmend Desinformation“, analysieren Grüne, SPD und Linke dieser Tage messerscharf. In einem gemeinsam geteilten Statement haben die drei Parteien verkündet, das soziale Netzwerk verlassen zu wollen. Ausgeheckt wurde der Plan in Berlin.
Es stimmt natürlich, dass X seit der Übernahme durch Elon Musk ziemlich abscheulich geworden ist, der Algorithmus hat das einst sehr informative Twitter komplett auf Krawall gedreht.
Aber welcher politische Nutzen darin bestehen soll, eine Plattform zu verlassen, die für politische Meinungsbildung nach wie vor relevant ist, sie pauschal als Feindland zu markieren, weiß man wahrscheinlich nur in den Social-Media-Abteilungen der Parteizentralen.
Die Abgehobenheit schadet den Parteien nur
Zwischen den Zeilen steht: Man bleibt lieber unter sich, als sich länger mit den mutmaßlich überproportional vertretenen AfD-Sympathisanten auf X weiter abzugeben. Und dafür will man Applaus aus der eigenen Bubble. Konsequent zuende gedacht bedeutet das, dass man Haustürwahlkampf eigentlich auch gleich bleiben lassen kann. Wer weiß, wer der da aufmacht. An jeder vierten bis fünften Tür wird es ein AfD-Wähler sein, der nach dieser Logik sowieso nicht zu retten ist.
Diese Abgehobenheit bricht der SPD gerade Wahl um Wahl langsam das Genick. Und dass es bei den Grünen gerade besser läuft, verdanken sie nicht dem Haltung-Zeigen aus Berlin, sondern der bodenständigen Politik, für die etwa die Grünen in Baden-Württemberg stehen.
Cem Özdemir und Ricarda Lang bleiben auf X
So hat auch der designierte Ministerpräsident Cem Özdemir ganz richtig erkannt, wenn er sagt, über X könne man Menschen noch erreichen, „die wir über andere Kanäle kaum noch erreichen“. Er stellt sich übrigens gegen die Parteilinie und bleibt auf der Plattform.
Es steht Politikern natürlich frei, soziale Netzwerke zu bespielen oder eben nicht. Und der unterirdische Ton, der auf X bisweilen herrscht, würde zum Beispiel einer Ricarda Lang gute Gründe geben, sich das nicht länger anzutun. Was die sich dort über ihre Statur anhören musste, bevor sie den Sport für sich entdeckte.
Nur: Ricarda Lang gehört wie Cem Özdemir zu den wenigen, die nicht mitmachen beim Boykott. Sie postet weiterhin auf X – allerdings wird es dort um sie und andere Politiker links der Mitte jetzt ziemlich einsam, wenn es darum geht, die Stellung gegen den Populismus zu halten.