Fünf Minuten fürs Waschen, drei fürs Kämmen, null für Zuwendung und Zuhören: Pflege ist zeitlich eng getaktet. Für Zwischenmenschliches bleibt wenig Zeit.
Zeit wollen sie sich nehmen, gerade dann, wenn ein Mensch einen schlechten Tag hat. Die beiden Frauen, 40 und 33 Jahre alt, sind überzeugt: „Pflege kann menschlich sein.“ Bei ihrem gemeinsamen, nun ehemaligen, Arbeitgeber hätten sie schlechte Erfahrungen gemacht: ständiger Zeitdruck, Mehrarbeit, kaum Zeit für ein kleines Pläuschchen mit den Kunden.
Die Bürokratie war „Wahnsinn“
Als Melanie Pellizzari erfuhr, dass Jessica Hielscher die Weiterbildung zur Pflegedienstleitung absolviert hatte, fragte sie die Kollegin: „Kann man sich damit selbstständig machen?“ Man kann – im April starteten die beiden mit den Planungen für ihre „Pflege-Engel“. *
„Das war ein Wahnsinn“, erinnert sich Melanie Pellizzari. Zahllose Anträge bei Krankenkassen und Versorgungsverträge galt es auszufüllen. Manche davon hatten hundert Seiten.
„Pflege ist anstrengend“
Mittlerweile ist die bürokratische Hürde genommen, die Mitarbeiter sind eingestellt. Acht Pflege-Engel samt einer Hauswirtschafterin gehen im April an den Start.
In der Pflege zu arbeiten ist für beide ein Traumjob – wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Als Unternehmerinnen können sie die selbst feststecken. Unter anderem wird die wöchentliche Arbeitszeit für die Pflege-Engel bei 36 Stunden liegen. „Pflege ist anstrengend, sowohl körperlich, als auch psychisch.“
Rechnet sich das dann überhaupt? „Aber ja“, sagen die beiden Frauen. Sie kooperieren mit einem hauswirtschaftlichen Dienst. Miteinander, sagen sie, sei es durchaus möglich, wirtschaftlich zu arbeiten. Sie wollen die Versorgung für ihre Patienten verbessern und gleichzeitig die Arbeitsbedingungen.
Basislager ist in Engstlatt
Die notwendigen Dokumentationen nach den Fahrten zu den Patienten sollen auch im Homeoffice möglich sein. Das nehme besonders jungen Müttern viel Druck, meinen die frisch gebackenen Unternehmerinnen.
Das „Basislager“ haben die Pflege-Engel in Engstlatt aufgeschlagen, Anfragen von Kunden kommen aber aus dem gesamten Zollernalbkreis. Darum geht es bei Weitem nicht nur um Senioren. Der jüngste Patient ist vier Jahre jung.
Bei den Beratungsgesprächen nehmen sich die Frauen Zeit für die Krankengeschichte, klar, aber besonders auch für die Lebensgeschichte. Neulich, erinnert sich Melanie Pellizzari, habe sie von einer alten Dame zum Abschied Luftküsschen zugeworfen bekommen. Als sie das erzählt, strahlen ihre Augen.
Versorgungslücken in den Dörfern
Ab August werden die Autos der Pflege-Engel auf den Straßen zu sehen sein – besonders in den kleineren Ortschaften. „Dort gibt es riesige Versorgungslücken“, berichtet Melanie Pellizzari. Deswegen hoffen die beiden, bald Zweigstellen eröffnen zu können, damit nicht allzu viel Zeit mit langen Fahrten verbraten werden muss. Diese Zeit wollen sie den Patienten schenken.
„Wir versuchen, die Menschen möglichst viel alleine machen zu lassen und sie zu mobilisieren“, berichten die beiden Frauen. „Das dauert vielleicht länger, macht aber beide Seiten zufriedener.“
*Anmerkung der Redaktion: Melanie Pellizzari und Jessica Hielscher legen Wert auf die Feststellung, dass sich ihre Kritik an den Zuständen in der Pflege nicht gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber richtet. An der gekennzeichneten Stelle waren versehentlich die Namen vertauscht.