Ein gutes Team kann auffangen, was den Einzelnen überfordert. Foto: Adobe Stock/Vasyl

Deutschland hat unbestritten ausgezeichneten wissenschaftlichen Nachwuchs. Aber er gründet vergleichsweise selten Unternehmen. Das liegt weniger am Geld als an der Psychologie, erklären Münchner Forscher in einer Studie.

München - Holger Patzelt sinniert über Deutschland. „Innovationsweltmeister, eine führende Patentnation, aber bei Gründungen bestenfalls Mittelmaß“, zählt der Leiter einer Studie am Entrepreneurship Research Institut der Technischen Universität München (TUM) auf. Dieses forscht an demGründungsgeschehen hierzulande und dessen Hemmnissen. Nur 7,6 Prozent aller erwerbsfähigen Bundesbürger waren in den vergangenen dreieinhalb Jahren in Deutschland an Unternehmensgründungen beteiligt, hat das Institut ermittelt. In Südkorea waren es knapp und in Lettland über 15 Prozent, in Kanada sogar gut 18 Prozent. Vor allem Ausgründungen aus der Wissenschaft gelten in Deutschland als selten. Lange dachte man, das liegt vor allem am fehlenden Risikokapital. Das ist ein Irrtum, wie sich nun herausstellt.

 

„Gründen ist eine emotionale Achterbahnfahrt“

„Die Risikokapitalszene in Deutschland entwickelt sich“, stellt Patzelt klar und benennt das eigentliche Haupthemmnis, das er und Forscherkollegin Nicola Breugst nach drei Jahren Arbeit ermittelt haben. „Es sind psychologische Faktoren“, sagt Patzelt. Das fange beim Einzelnen an und gehe in die Gruppendynamik von Wissenschaftlerteams hinein, erklärt Breugst. „Es gibt oft einen großen gefühlten Rollenkonflikt zwischen perfektionistischem Wissenschaftler und eher pragmatischem Unternehmer“, weiß die Psychologin nach Untersuchung von 281 Forscherteams aus München, Berlin, Hamburg und Köln.

Wissenschaftler könnten oft nicht aus ihrer Haut oder glaubten das zumindest, hat Breugst beobachtet. Bisweilen gelte es unter ihresgleichen gar als anrüchig, über ihre Erfindungen in kommerziellen Dimensionen nachzudenken. Auch ein zweites Gründungshemmnis, das sie und ihr Kollege ermittelt haben, liegt im Kopf der Forscher. „Gründen ist eine emotionale Achterbahnfahrt“, sagt Breugst. Mit den Tiefs und Abstürzen kämen potenzielle Gründer aber oft nicht klar. Diese sind nicht selten. „Einmal die Woche geht mindestens etwas schief“, hat ihr ein Jungforscher versichert. Folge von Rückschläge seien oft endlose Grübeleien, ein Unvermögen abzuschalten und totale Erschöpfung. „Stressmanagement ist wichtig“, betont Breugst. Auch ein gutes Team könne vieles auffangen, was den Einzelnen überfordere. Interdisziplinäre Teams, die ein breites Spektrum an Expertise abdecken – vom Ingenieur über den Betriebswirt bis zum Sozialwissenschaftler –, seien ideal, weil das unterschiedliche Herangehensweisen an ein Problem verbürge und so leichter Wege aus Sackgassen gefunden werden könnten. Breugst empfiehlt eine darauf ausgerichtete Suche nach Co-Gründern. Aber auch das sei kein Allheilmittel. „Am meisten hat mich überrascht, wie schwer die Zusammenarbeit in einem interdisziplinären Team fallen kann“, räumt die Psychologin ein. Sie musste oft Defizite in puncto Teamfähigkeit beobachten. Lernen, aufeinander zu hören, fällt auch Akademikern oft schwer. Wenn die unterschiedlichen Fähigkeiten der einzelnen Experten aber nicht abgerufen werden, werden Entscheidungsprozesse quälend, oder es droht gar Stillstand. „Gründungen scheitern, weil es im Team nicht klappt“, stellt Breugst klar.

Psychologische Beratung für Gründer in spe sei sehr ratsam

Psychologische Beratung für Gründer in spe sei sehr ratsam, betont Patzelt. Sonst blieben Konflikte am Schwelen. Auch bei Stressbewältigung helfe Psychocoaching. Diese psychologische Komponente fehle heutzutage bei klassischer Gründerberatung.

Rollenkonflikt zwischen Wissenschaftler und Unternehmer

Um den empfundenen Konflikt zwischen Wissenschaftler und Unternehmer aufzulösen, empfiehlt das Forscherduo eine spielerische Herangehensweise und sogenannte Makeathons. Das Kunstwort meint Studienprojekte über mehrere Fakultäten hinweg, wo gemischte Studententeams binnen weniger Tage, aber ohne Erfolgsdruck ein Problem lösen sollen – indem dafür ein funktionierender Prototyp oder eine Dienstleistung entwickelt wird. Dadurch würde unternehmerischer Geist spielerisch aufgesaugt und würden Vorurteile gegen das Unternehmerische abgebaut, sagt Patzelt.

Der Präsident der Erasmus-Universität in Rotterdam, Hendrik Brinksma, ist vom psychologischen Ansatz der Gründerbetreuung überzeugt. „Gründen hat mit Risikoappetit zu tun, und der ist Kultursache“, sagt er. Schnell sei so etwas nicht zu ändern. In den Niederlanden hätten erste Unis schon in den 80er Jahren einen unternehmerischen Ansatz in der Wissenschaftsausbildung verfolgt. Dort wird im Vergleich zu Deutschland heute um die Hälfte mehr gegründet.