Der leitende Pfarrer der künftigen Großpfarrei im Kinzigtal benötigt viel Weitblick, um die etwa 36 000 Katholiken zwischen Kaltbrunn und Zell a.H. nicht aus den Augen zu verlieren. Foto: Störr

Auch im Kinzigtal wird sich die Organisation der katholischen Kirche verändern. Fast 36.000 Katholiken sollen in einer neuen, riesigen Seelsorgeeinheit zusammengefasst werden. Was sagen die Pfarrer dazu?

Haslach - Die neue Großpfarrei im Kinzigtal entspricht in etwa dem ehemaligen Dekanat Kinzigtal und umfasst vom Kloster Wittichen bis nach Zell 22 Pfarreien.

Pfarrer Helmut Steidel

Bereits in der September-Sitzung des Pfarrgemeinderats in der Seelsorgeeinheit Haslach hatte sich Pfarrer Helmut Steidel für den Entwurf ausgesprochen. "Wenn es schon sein muss, dann so", hatte er es auf den Punkt gebracht. Jetzt hofft er, dass die Bedürfnisse und Interessen der Menschen vor Ort im Blick behalten werden und nicht alles vom "grünen Tisch" aus geplant werde.

Pfarrer Hannes Rümmele

Pfarrer Hannes Rümmele hat in der Leitung mehrerer Seelsorgeeinheiten mit "An Wolf und Kinzig", "Oberes Wolftal" und "Kloster Wittichen" bereits Erfahrung. "Ich habe in den letzten Monaten viel gelernt, was ›Leitung‹ angeht", erklärte er im Gespräch mit unserer Zeitung. Für ihn bedeute das unter anderem, Verantwortlichkeiten zu teilen und zu delegieren. In dieser Hinsicht werde sich in der künftigen Großpfarrei vieles von allein ergeben.

Die aktuelle Kirchenentwicklung verglich Rümmele mit der Bewirtschaftung eines Waldes, in dem vieles im Umbruch sei. "Die Kirche befindet sich in einem Läuterungsprozess und wir haben die Talsohle noch nicht durschritten", weiß der Geistliche aber auch und zitiert: "Wenn Gott ein Geschenk macht, verpackt er es in eine Krise." Jetzt gelte es zu schauen, welches Geschenk sich verberge.

Die neue Raumordnung habe von Anfang an gepasst und es sei keine Überlegung gewesen, eine der Seelsorgeeinheiten woanders zuzuordnen. Dass Menschen in Beziehung mit Jesus Christus kämen sei oberstes Ziel und ginge auch in einer Großpfarrei. Die Nutzung digitaler Möglichkeiten müsse viel stärker mit einbezogen werden.

Er habe manchmal den Eindruck, die Bischöfe wollten an einer Kirche festhalten, die es schon lange nicht mehr gebe. "Die Kirche geht weiter, egal wie", ist sich Hannes Rümmele sicher. Er sieht seine Seelsorgeeinheiten gut aufgestellt, kommt über das große Engagement der Gläubigen fast ins Schwärmen.

Pfarrer Christoph Nobs

Dass die Kirchenentwicklung 2030 ein Stück weit auch ein Trauerprozess um das Gewohnte werden wird, sieht auch Pfarrer Christoph Nobs aus der Seelsorgeeinheit Hausach-Hornberg. "Was vielen nicht klar ist: Ab 2025/2026 ist mit Pfarrei etwas anderes gemeint, als das, was bisher darunter verstanden wurde und wie es die Leute immer noch verstehen", schreibt er in seiner Stellungnahme. "Künftig ist ›Pfarrei‹ ein territoriales Verwaltungsgebiet. Das, was bisher Pfarrei war, wird künftig Gemeinde heißen."

Die jeweiligen Gemeindeteams und die Gläubigen selbst würden dafür zu sorgen haben, dass das kirchliche Leben vor Ort gestaltet und gelebt werde. "Diejenigen, die die traditionelle Form von Pfarrei gewohnt waren, sind sich teilweise immer noch nicht im Klaren, dass die Form jetzt ›stirbt‹ und sie können oder wollen sich momentan die zukünftigen Vergemeinschaftungsformen nicht vorstellen", ist weiter zu lesen.

Überlegt und entschieden werden müsste auch, welches Profil von Kirche und Christsein überhaupt in die Zeit und in die Gesellschaft passe. Für den derzeitigen Pfarrgemeinderat und vor allem den Stiftungsrat sei die Zeit bis zur Errichtung der Großpfarrei nebulös. Gerade das Gebäudemanagement stelle die Gremien vor sehr große Herausforderungen.

Katja Witt

Dekanatsratsvorsitzende Katja Witt steht der Kirchenentwicklung 2030 im Gesamten positiv gegenüber. "Die Großpfarrei ist nicht wie die jetzige Seelsorgeeinheit und einfach nur sehr viel größer, der Zusammenschluss ist sehr viel mehr und bietet viele Chancen", erklärte sie. Dass der leitende Pfarrer künftig von den Verwaltungsaufgaben befreit werde und ein Team aus pastoralen Mitarbeitern um sich habe, könne Ressourcen für neue Angebote frei setzen. "Trotzdem wird die Kirche vor Ort lebendig bleiben, wenn die Gemeinde aktiv ist. Da ist jeder wichtig, jeder kann sich mit seinen Fähigkeiten einbringen", blickt Witt voraus. Etwa 200 Personen wären in der Projektgruppe und den Fachgruppen mit der Kirchenentwicklung 2030 beschäftigt, mit nächsten Ergebnissen rechne sie im Herbst.

Info: Das steckt dahinger

Rund zwei Jahre nach Beginn des Prozesses der Kirchenentwicklung hat die Erzdiözese Freiburg die strukturellen Voraussetzungen für eine grundlegende und zukunftsweisende Neugestaltung der Seelsorge geschaffen. Am 4. März wurde der abschließende Entwurf einer Neuordnung der Pfarreien bekanntgegeben. Aus den 224 Seelsorgeeinheiten zwischen Odenwald und Bodensee werden 36 neue, kirchenrechtlich eigenständige Pfarreien, die zugleich Kirchengemeinden sind. Geplant ist, den Entwurf nach einer weiteren Konsultation in den diözesanen Gremien und Räten zum 1. Januar 2022 als verbindliche Planungsgröße in Kraft zu setzen. Die Errichtung der neuen Pfarreien ist dann für die Jahre 2025/2026 vorgesehen.