Zu Beginn der Coronapandemie beklagte Großbritannien die meisten Todesopfer in Europa. Nun steigt die Infektionsrate erneut steil an. Forscher warnen, dass das britische Gesundheitssystem überforderter ist denn je.
In Großbritannien ist ein Streit entbrannt über die Frage, ob das Land ausreichend gerüstet wäre für neue Pandemien – nun, da offenbar die nächste Coronawelle auf die Insel zurollt. Viele Forscher sind skeptisch und befürchten, dass der Regierung die erforderlichen Daten fehlen, um drohende Gefahren rechtzeitig erkennen zu können – und dass das angeschlagene Gesundheitswesen der Insel dieses Jahr noch weniger widerstandsfähig ist als im Jahr 2020.
„Nahezu im Blindflug“ steuere man gegenwärtig auf neue Krisen im Herbst und Winter zu, deren Dimension niemand abschätzen könne, meint etwa Professorin Christina Pagel vom University College London, eine der prominentesten Stimmen der Covid-Forschung im Vereinigten Königreich. Wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen beanstandet Pagel vor allem, dass die britische Regierung mehrere landesweite und verlässliche Studien zur aktuellen Covid-Verbreitung eingestellt hat. Den Experten fehlen vor allem die Massentests des Nationalen Amtes für Statistik, die immer als besonders guter Gradmesser des Infektionsstandes galten. Ohne kontinuierliche Tests und Auswertungen säße man, in Erwartung der nächsten Pandemie, ganz einfach „im Dunkeln“, meint Pagel – und wisse letztlich nicht, was zu tun ist.
Omikron-Variante Eris mitverantwortlich für raschere Verbreitung
Neuen Alarm ausgelöst haben Schätzungen in Fachkreisen, denen zufolge sich die Zahl der täglichen Covid-Neuinfektionen von Juni auf Juli um über ein Drittel erhöht hat. Die insgesamt nachlassende Immunität gegen das Virus und regnerisch-kühles Wetter mit mehr Aufenthalt in geschlossenen Räumen als normalerweise im Sommer sollen gleichermaßen dazu beigetragen haben. „Diese Welle“, fürchtet Pagel, „werden wir wohl schon im September anschwellen sehen“ – nach erneutem Schulbeginn.
Die neue Omikron-Variante Eris – offiziell EG.5.1 – soll mitverantwortlich sein für die raschere Verbreitung des Virus. Sie werde schon bald, vermutet Pagel, die neue dominierende Variante im Königreich darstellen. Bisher liegt die Gesamtzahl der Neuinfektionen zwar noch vergleichsweise niedrig. Aber bei den Klinikeinlieferungen mit Covid ist den Gesundheitsbehörden zufolge eine klare Kurve nach oben zu sehen.
Nur noch die über 65-Jährigen sollen geimpft werden
Unterdessen hat die Regierung nun für den Herbst eine weitere Impfrunde gegen Covid und Grippe angekündigt. Außer besonders gefährdeten Personen sollen dabei allerdings nur noch die über 65-Jährigen zum Zug kommen. Im vorigen Herbst schloss das Angebot noch alle 50- bis 65-Jährigen ein.
Das britische Gesundheitsministerium streitet erwartungsgemäß nachdrücklich ab, dass es nicht gewappnet sei für den Kampf gegen neue Epidemien. Gesundheitsminister Steve Barclay beharrt darauf, dass im Bedarfsfall – zum Beispiel bei gefährlichen neuen Covid-Varianten oder anderen Virus-Erkrankungen – ein geeigneter Impfstoff binnen 100 Tagen bereitgestellt werden kann.
Früher konnte so etwas immerhin jahrelang dauern. Und auch das Serum, das 2020 unter dem Eindruck der Covid-19-Pandemie in höchster Eile erarbeitet wurde, brauchte von den ersten Versuchen bis zum Einsatz nur ein Jahr.
Impfstoffe sollen in Rekordzeit entwickelt werden
Dass das alles nun noch schneller geht, dafür soll ein just eröffnetes britisches Forschungszentrum sorgen, mit dem Großbritannien nach Ansicht von Minister Barclay erneut international glänzen kann.
Das Vaccine Development and Evaluation Centre (VDEC, Zentrum für Impfstoff-Entwicklung und -Auswertung) ist auf dem Gelände der abgeschotteten Forschungsanlage Porton Down in der englischen Grafschaft Wiltshire eingerichtet worden. Es hat 65 Millionen Pfund gekostet. 280 wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten dort. Das Zentrum soll eng mit britischen Universitäten, der Pharmaindustrie und globalen Gesundheitsorganisationen kooperieren. Sein Zweck ist es, Prototypen von Impfstoffen zu entwickeln, die in kaum mehr als drei Monaten auf neu erkannte Gefahren abgestimmt werden können. Aufgabe der VDEC-Forscher sei es somit, die nötigen Impfstoffe in Rekordzeit zu modifizieren und so eine sich neu anbahnende Pandemie frühzeitig an der Ausbreitung zu hindern, erklärt Barclay. Es geht offenbar nicht nur um Anti-Covid-Impfstoffe. Von der Vogelgrippe bis zum Krim-Kongo-Fieber werden im VDEC unterschiedlichste Abwehrmöglichkeiten gegen neue Pandemierisiken untersucht.
„Arbeiter mit Long Covid sind im Stich gelassen worden“
Man könne nur hoffen, meinen dazu Forscher landesweit, dass die Regierung auch im statistischen Raum wieder vom „Blindflug“ abkomme, für eine entsprechende Produktionsbasis für neu entwickelte Impfstoffe sorge und das Gesundheitswesen auf eine solidere Basis stelle als bisher.
Zusätzliche Forschungsgelder und gesetzliche Maßnahmen erhoffen sich Covid-Experten von den Regierenden auch in Sachen Long Covid. Über zwei Millionen Briten sollen inzwischen an hartnäckigen Corona-Langzeitfolgen leiden, die Hälfte davon seit mindestens einem Jahr und ein beträchtlicher Teil seit zwei Jahren oder mehr. Viele Erwerbstätige darunter fühlen sich oft benachteiligt. Eine neue Studie des britischen Gewerkschaftsbundes TUC hat ergeben, dass zwei Drittel aller von Long Covid befallenen Beschäftigten davon berichten, dass ihre Vorgesetzten ihnen schlicht nicht glaubten und sie häufig auch einzuschüchtern versuchten. „Arbeiter mit Long Covid sind im Stich gelassen worden“, meint dazu TUC-Generalsekretär Paul Nowak. Jeder siebte habe bereits seinen Job verloren. Neue Gesetzgebung sei vonnöten, um Long-Covid-Patienten zu schützen in dieser Situation.
Eine Studie sagt eine schwere Krise voraus
Für Dame Jenny Harries, die Chefin der britischen Gesundheitsbehörde, steht jedenfalls fest, dass die Wahrscheinlichkeit einer neuen Pandemie stetig wächst – schon wegen Klimawandels, Urbanisierung der Welt und globaler Migration. „Covid-19 war die größte öffentliche Gesundheitskrise seit einem Jahrhundert“, meint Harries. „Aber ich glaube nicht, dass irgendjemand von uns davon ausgeht, dass es ein weiteres Jahrhundert dauert, bis die nächste kommt.“
Tatsächlich hat Anfang dieses Monats eine vom Kabinettsamt der Regierung erarbeitete und von Vize-Premier Oliver Dowden vorgelegte Auflistung der 89 größten Gefahren der Zukunft für Großbritannien eine katastrophale neue Pandemie bislang unbekannten Charakters als die Gefahr Nummer eins bezeichnet.
Die Chancen betrügen zwischen fünf und 25 Prozent, heißt es in der Analyse, dass man eine derartige Krise bereits in den kommenden fünf Jahren erleben werde – und dass dabei im schlimmsten Fall allein auf den Britischen Inseln mit mehr als 800 000 Toten zu rechnen sei.