Fahnder haben im Sommer 2023 Kokain im Wert von 2,6 Milliarden Euro sichergestellt. Wie das bundesweite Rekordverfahren in Mannheim seinen Anfang genommen und in Stuttgart das LKA zur Festung gemacht hat.
Dieses Unternehmen kommt den Ermittlern komisch vor. Firmensitz soll der Mannheimer Kaiserring sein. Eine 660 Meter lange Promenade, die zwischen Hauptbahnhof im Süden und dem berühmten Mannheimer Wasserturm im Norden Clubs, Restaurants, Mode und Nippes beherbergt. Aber eine Firma für den Import ökologisch hergestellter Kernseife aus Kolumbien? Die finden die Kriminalen nur an einem Briefkasten.
Warum auch sollte die in Europa im 18. Jahrhundert erfundene Naturseife heute aus Südamerika nach Deutschland eingeführt werden? Wo doch Europa das Produkt in die ganze Welt exportiert. Die Ermittler haben den richtigen Riecher: Eigner des Mannheimer Briefkastens ist ein windiger ostdeutscher Geschäftsmann, der ein ebenso einträgliches wie kriminelles Geschäftsmodell entwickelt hat: Mehr als 100 Unternehmen finden sich heute noch in Wirtschaftsdatenbanken, die nur aus einem Posteinwurf bestehen – und die der Mann entweder vermietete oder verkaufte. Viele scheinen wie geschaffen für kriminelle Geschäfte, die in diesem Fall mit einer der größten Mengen Kokain enden sollten, die jemals in Europa von Fahndern gefunden worden ist.
Das Misstrauen der Ermittler der Gemeinsamen Ermittlungsgruppe Rauschgift (GER) aus Zoll und Polizei in Karlsruhe und Stuttgart führt schnell zu einem zwischen Kolumbien und Hamburg kreuzenden Frachter und zu zwei Containern auf ihm: Zwischen Ananas, in Sesam- und Mehlsäcken versteckt befinde sich eine ungeahnt große Menge Kokain. Geordert von mehreren sogenannten Chaptern, also lokalen Niederlassungen, von Rockern der Hells Angels in Nordrhein-Westfalen.
Eigentlich zuständig wäre die Mannheimer Staatsanwaltschaft für die Ermittlungen. Aber Hamburger Hafen, Hells Angels vor allem am Rhein und ein wenig an der Ruhr – das Verfahren geht an die Staatsanwälte in Düsseldorf. Die Ermittlungen werden unter dem Tarnnamen Plexus zusammengefasst. Dem lateinischen Wort für Geflecht, neudeutsch Vernetzung. In der Medizin steht das Wort für ein Netzwerk aus Nerven oder Blutgefäßen. Bei den Plexus-Ermittlern für ein verflochtenes System aus kolumbianischen Drogenbossen, skrupellosen Rockern und meist unschuldigen und unwissenden Transporteuren.
Kokainpakete in Schiffscontainern
Wie jenen, die die Container mit wegsteinplatten- bis ziegelgroßen Drogenpaketen vom Hamburger Hafen ins Rheinland kutschieren sollen. Dem Plan kommen Zöllner und Polizisten zuvor: In der Nacht zum 7. Juli 2023 schlagen sie im drittgrößten Hafen Europas zu. Beschlagnahmen die Container. Und transportieren sie über die Autobahn 7 nach Stuttgart.
Darauf hat gleich nach dem Zugriff der Präsident des die Ermittlungen führenden Landeskriminalamtes (LKA)Baden-Württemberg in einer Videokonferenz gedrängt. Andreas Stenger, so erzählen Ermittler, habe die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als ernsthaft diskutiert wurde, die Container im für jedermann offenen Hamburger Hafen zu belassen. Denn: Drogenbarone spicken ihre Ladungen in der Regel mit sogenannten Trackern. Winzigen Sendern, die metergenau und satellitengestützt melden, wo sie sich gerade befinden. Damit wollen sie sichergehen, dass auf dem Weg zum Kunden niemand Drogenpakete abzweigt.
„Das Zeug muss zu uns!“
„Das Zeug muss zu uns“, soll Stenger gesagt haben. Es wird alles in Marsch gesetzt, was die Polizei im Südwesten zu bieten hat: vom Spezialeinsatzkommando (SEK) über Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten (BFE) bis hin zu Hubschraubern, alles zum Schutz der Drogen. Nicht ohne Grund: Im Juli 2014 hatten Drogenbarone über einen bezahlten Fahnder 52 Kilo Kokain aus dem Hauptsitz der Pariser Kriminalpolizei zurückgeholt.
In der Nacht zum 8. Juli vergangenen Jahres rollt ein weißer 40-Tonner vor die inzwischen hermetisch abgeriegelte und gesperrte LKA-eigene Tiefgarage in Stuttgart-Bad Cannstatt. Heben Ermittler mit einem Gabelstapler das Kokain palettenweise auf ein Parkdeck. Fahren gepanzerte Sonderwagen der Polizei auf, patrouillieren maskierte Polizisten rund um die Taubenheimstraße. Eigens werden Überwachungskameras installiert, deren Bilder bis ins ständig besetzte Lagezentrum der Polizei übertragen werden. SEKler und BFEler als Eingriffstruppe im LKA. Das, sagt ein Kriminaler, sei „gesichert wie Fort Knox“. Tagelang geht das so – bis die Drogen am 12. Juni 2023 zur Vernichtung abtransportiert werden.
Fotos für den Minister
Im kriminaltechnischen Institut analysieren derweil Wissenschaftler und Experten mit Hochdruck die in der Tiefgarage gelagerten Substanzen, um deren Zusammensetzung und Wirkstoffgehalt zu bestimmen. Gleichzeitig besorgen die Düsseldorfer Staatsanwälte richterliche Beschlüsse, mit denen Telefone, Computer, Clubräume überwacht, Beschuldigte observiert werden können. Nordrhein-Westfalens Rockerszene wird für die Ermittler gläsern.
Schon am Morgen des 10. Juli meldet sich hoher Besuch an – wie immer, wenn Ermittler einen Volltreffer landen und der Glanz ihres Erfolges auf die Politik abstrahlen soll: Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) schreitet wenig später zwischen den Koks-Paletten einher, um die geschäftig Kriminaltechniker wuseln und für Fotos so tun, als suchten sie nach Fingerabdrücken. Ihre Arbeit ist eigentlich längst getan: Stichproben nehmen, analysieren, wiegen, fertig. Aber zur selben Zeit beschäftigen sich ein paar Kilometer entfernt im Stuttgarter Landtag Abgeordnete in einem Untersuchungsausschuss mit den Vorgängen rund um den vom ihm protegierten Inspekteur der Polizei.
Angeschlagene Politiker
In Düsseldorf präsentiert jetzt ein angeschlagener Justizminister den „großen Schlag gegen die organisierte Betäubungsmittelkriminalität“: Auch der Grüne Benjamin Limbach ist ins Gerede gekommen. Er soll eine Wunschkandidatin mit einer Traumbeurteilung zur Präsidentin des Oberverwaltungsgerichts Münster gemacht haben. Am 16. Mai setzte der Landtag in Düsseldorf dazu einen Untersuchungsausschuss ein. Bei den Ermittlungen zu den Cum-Ex-Geschäften soll er die zuständige Kölner Staatsanwaltschaft durch eine neue Struktur geschwächt haben.
Im Morgengrauen des 12. Juli 2023 tut sich auf dem Gelände des Landeskriminalamts Baden-Württemberg in Stuttgart-Bad Cannstatt Außergewöhnliches. Unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen werden Paletten in blau-weiße Lastwagen der Polizei verladen. Inhalt: tonnenweise Kokain im Milliardenwert aus dem bislang größten Kokain-Verfahren der deutschen Polizeigeschichte.
Der Konvoi mit der brisanten Fracht formiert sich: Vorweg ein Panzer-, dann ein Mannschaftswagen, drei mit Drogen befüllte Lastwagen, wieder ein Mannschaftswagen, ein weiterer Lastwagen, Transporter mit Beamten der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten (BFE) und Bereitschaftspolizisten. Über dem Konvoi kreist ein Hubschrauber. Fahrt über die Autobahn bis zu einer Müllverbrennungsanlage in der Region.
Auf diese Verbrennungsanlage ist die Wahl aus einem besonderen Grund gefallen: Sie hat – anders als eine Anlage in Stuttgart-Münster – keine Sicherungsklappe vor dem Ofen. Über die hatten vor Jahren Mitarbeiter einmal bei einer Drogenverbrennung Haschischpakete abgezweigt. Das soll jetzt verhindert werden.
Zwei Tonnen Restmüll auf 500 Kilo Kokain
Zunächst lautet der Plan, eine Tonne Restmüll mit einer Tonne Kokain zusammen in den Ofen zu werfen. Aber: So verbrennen die Drogen offenbar nur unzureichend. Erst die Mischung von zwei Tonnen Restmüll auf 500 Kilo Kokain führt zur vollständigen Vernichtung. Ungezählte Bereitschaftspolizisten in weißen Maleranzügen, mit Masken vor dem Mund und Taucherbrillen vor den Augen transportieren in einer Menschschlange von Arm zu Arm die Pakete mit dem weißen Pulver von den Lastwagen zu den stählernen Schächten und werfen sie in die Flammen. Abgesichert von der maskierten Elite der Polizisten am Tor der Anlage, auf Gängen und Fluren der Müllverbrennung. Stundenlang lodert das mit Kokain genährte Feuer.
Bis heute sind weitere Tonnen Kokain beschlagnahmt worden. „Im Gegensatz zu anderen Großsicherstellungen ist die Sicherstellungsmenge im Verfahren Plexus nicht auf Zufallsfunde im Rahmen von Kontrollen zurückzuführen, sondern ausschließlich auf gezielte Ermittlungen. Insgesamt konnten wir im Gesamtverfahren unglaubliche 35,5 Tonnen Kokain sicherstellen – mit einem Straßenverkehrswert von über 2,6 Milliarden Euro“, sagt LKA-Sprecher David Fritsch.
Zehn Seecontainer, sieben Festnahmen
Es ist der größte bekannte Kokainfund in Europa. Und ein empfindlicher Schlag gegen die Drogenkartelle, die Deutschland und den ganzen Kontinent mit Koks zu überschwemmen versuchen. Die beteiligten Ermittler von LKA, Zollfahndungsamt und die Staatsanwaltschaft haben inzwischen acht Hauptbeschuldigte mit deutscher, aserbaidschanischer, bulgarischer, marokkanischer, türkischer und ukrainischer Staatsangehörigkeit. Sie sollen gemeinsam mit noch unbekannten Mittätern zwischen April und September 2023 über Scheinfirmen den Transport von zehn Seecontainern mit Kokain aus Lateinamerika nach Europa organisiert haben. Drei Tonnen wurden in Ecuador sichergestellt, acht Tonnen in Rotterdam und knapp 25 Tonnen im Hamburger Hafen.
Seit dem Fund arbeiten die Polizeibehörden verdeckt – bis vor wenigen Wochen. Dann schlagen sie zu: 150 Polizisten und Zöllner durchsuchen im Frühjahr 2024 zahlreiche Objekte in sieben Bundesländern. Sie vollstrecken sieben Haftbefehle, finden eine Schusswaffe, eine Schreckschusswaffe, Mobiltelefone, Laptops und weiteres Beweismaterial. Sie beschlagnahmen fünf Goldbarren, Bargeld, einen Porsche 911 Turbo S im Wert von 250 000 Euro und viele Luxusartikel. Der Erfolg wird von Politikern präsentiert. Zu verdanken ist er dem kriminalistischen Spürsinn von Zöllnern und Polizisten: Warum sollte Kernseife aus Kolumbien über eine Mannheimer Firma nach Deutschland importiert werden?