Auf der Suche nach einer Alternative: Thomais Katsiavolou Foto: Batzoglou

Trauriger EU-Rekord: 60 Prozent der Griechen unter 25 sind arbeitslos. In der Region West-Makedonien sind es sogar über 70 Prozent. Eine ganze Generation muss nach Alternativen suchen.

Grevena - Thomais Katsiavalou tippt mit dem Zeigefinger flink auf dem Bildschirm ihres Tablet-PC eine Internetadresse ein. „Sehen Sie: Ich präsentiere hier meine Ideen und Arbeiten“, sagt sie. Wer Interesse daran habe, könne sich einfach bei ihr melden. „Telefon- und Handynummer und E-Mail-Adresse gebe ich an. Ich habe auch eine professionelle Facebook-Seite erstellt.“ Wie ist die Resonanz? Die junge Frau lächelt. „Bisher hat sich keiner gemeldet“, sagt sie.

Es ist noch nicht lange her, da hat Thomais Katsiavalou eine Ausbildung in Innenarchitektur abgeschlossen. Zwei Jahre hat sie an einer privaten Schule in Thessaloniki gebüffelt. Kostenpunkt: 2800 Euro Studiengeld pro Jahr. Den Schritt bereut sie nicht. „Das ist mein Traumberuf. Für mich zählt, das zu tun, was ich tun will.“ Dennoch: Die junge Frau musste wieder zurück in die Stadt Grevena, zurück zu ihren Eltern. Notgedrungen.

Grevena, 534 Meter über dem Meeresspiegel gelegen, 15 000 Einwohner. Die Stadt ist umgeben von saftigen Wiesen, dichten Fichten- und Buchenwäldern und hohen Bergen. Seit 2007 ist sie die selbst ernannte Stadt der Pilze. Das kommt nicht von ungefähr: Mehr als 1700 wilde Pilzarten findet man hier. Das schmucke Grevena gehört zur griechischen Region West-Makedonien. Landschaftlich eine Perle Griechenlands. Eine pure Augenweide.

Hier ist Katsiavalou vor zwanzig Jahren auf die Welt gekommen. Hier ist sie aufgewachsen, zur Schule gegangen, hier kennt sie jeden. Sie sagt: „Ich würde schon gerne in Grevena leben. Aber hier gibt es keine Per­spektive.“ Sie habe Ideen, Lust auf Arbeit. Doch: „Wer will mir hier schon Arbeit geben? In Grevena haben die Menschen kein Geld mehr. Schon gar nicht für das, was ich gelernt habe.“

Jung, qualifiziert und voller Elan – aber arbeitslos. In Griechenland, im Epizentrum der Euro-Krise, ist Katsiavalou kein Einzelfall. Laut offiziellen Angaben haben mittlerweile 28 Prozent der Griechen keine Arbeit. Besonders hart trifft es die jungen Hellenen: 60 Prozent der Griechen im Alter von 15 bis 24 Jahre sind ohne Job. In der Region West-Makedonien sind es sogar 72,5 Prozent – in Europa ist das ein trauriger Rekord.

Und Besserung ist nicht in Sicht. „Ich liebe meine Heimat“, sagt Katsiavalou. „Aber wenn ich nichts zu essen habe: Was bleibt mir anderes übrig, als Grevena zu verlassen?“ Wohin sie gehen wird? Nach Thessaloniki, nach Athen? Sie schüttelt den Kopf: „Nein. Da gibt es auch keine Arbeit. Ich werde wohl nach Italien gehen, um dort mein Glück zu versuchen.“ Mailand statt ­Grevena.

Die 20-Jährige sieht ihre Zukunft fernab der Heimat, auch damit steht sie im heutigen Griechenland nicht alleine da. Ob nach Deutschland, in die USA oder nach Australien: Anders als bei früheren massiven Auswanderungswellen erlebt Griechenland gerade einen Exodus ausgerechnet seiner besten Talente. Schon 150 000 griechische Hochschulabsolventen sind in den vergangenen fünf Jahren ausgewandert. Trotz der gebetsmühlenartigen Durchhalteparolen der Athener Regierung macht sich das Gros der jungen Griechen im eigenen Land keine Hoffnung auf einen baldigen Berufseinstieg, eine Karriere oder auch nur eine angemessene Bezahlung.

Kein Wunder: Das Euro-Sorgenkind Griechenland steckt seit stattlichen sechs Jahren in der Rezession. Seit Herbst 2008 ist die griechische Wirtschaftsleistung um ein Viertel eingebrochen. In einer Umfrage des Instituts Kapa Research im Dezember 2013 sagten 56 Prozent der Befragten, sie würden Griechenland verlassen – wenn sie nur die Möglichkeit dazu hätten. 46 Prozent erklärten, schon einmal konkret über eine Auswanderung nachgedacht zu haben. Der brachiale Sparkurs, den die Athener Regierung auf Druck der Gläubiger-Troika aus Europäischer Union, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds betreiben muss, lässt Griechenland buchstäblich ausbluten.

Was wird aus Grevena? Früher verdienten sich die meisten Leute in der Region ihren Lebensunterhalt mit Landwirtschaft und Viehzucht. In dieser Ecke Griechenlands mit seinen harten, langen Wintern ist das bis heute kein Zuckerschlecken.

Seit ein paar Jahrzehnten lockt das Skizentrum Vassilitsa Touristen an. In Hellas finden Skiliebhaber nichts Besseres. So finden die Bewohner Grevenas, ob jung oder alt, zumindest für ein paar Monate im Jahr ein überschaubares Einkommen. Die Bilanz auch in dieser Saison ist jedoch mager. Das Gros der krisengebeutelten Griechen hat schon längst kein Geld mehr, um sich den Luxus eines Winterurlaubs zu leisten. Und für Ausländer ist Vassilitsa buchstäblich ein weißer Fleck auf der Landkarte, sie kennen es nicht.

Auch eine ausgeprägte Industrie sucht man in Grevena vergeblich. Nur drei nennenswerte Betriebe zählt die Stadt. Sie bieten zusammen etwas mehr als 100 Menschen Arbeit. In der Job-Wüste Grevena ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Eine Traditionsfirma in Grevena ist der Holzverarbeiter Giotas. Die Krise hat die Firma mit voller Wucht erwischt. Die Geschäfte seien seit dem Krisenbeginn Anfang 2010 um mehr als 70 Prozent zurückgegangen – wie im gesamten griechischen Bausektor, erklärt Firmenvertreter Georgios Noutsos. Obwohl die Regierung in Athen den Mindestlohn für junge Griechen mittlerweile auf 511 Euro brutto pro Monat für einen Vollzeitjob gedrückt hat, um der grassierenden Jugendarbeitslosigkeit Herr zu werden: „Neueinstellungen? Das ist reine Utopie“, sagt Noutsos.

Reelle Arbeitsmöglichkeiten bieten sich in Grevena kaum. Die Stadt hat zwar seit zehn Jahren eine Fachhochschule. In dem hellenischen Naturparadies kann man aber weder Agrarökonomie noch Forstwissenschaft oder Tourismus studieren. Die hiesige Hochschule bietet lediglich drei Studiengänge in Informatik an. Allerdings hat in Grevena kein einziges Informatik- oder Technologieunternehmen seinen Sitz. Das Beispiel Grevena zeigt: Die Bildungspolitik in Griechenland ist ein Desaster.

Ob in der Regionalverwaltung, dem Krankenhaus oder dem Gefängnis: Offene Staatsstellen sind absolute Mangelware. So bleibt den jungen, arbeitsuchenden Menschen in Grevena nur eines, um den Eltern nicht ständig auf der Tasche zu liegen: kellnern, wann immer es geht – zum Dumpinglohn. Denn mehr als 25 Euro für acht Stunden Schufterei sind in Grevena für das Servieren nicht drin.

Einer, der sich dafür nicht zu schade ist, ist Antonis Karagiannis. Sein Marketingstudium in Thessaloniki hat der 23-Jährige abgebrochen. „Das war ohne Perspektive“, sagt er. In seiner Heimatstadt Grevena wolle er aber bleiben. Seine Augen funkeln. „Meine Familie hat etwas Land. Ich glaube, ich werde es mit der Landwirtschaft versuchen“, sagt er mit fester Stimme. Konkreter könne er nicht werden. Noch nicht. „Mein Vater war Englischlehrer, meine Mutter arbeitet am Gericht. Ein Bauer zu sein, habe ich nicht gelernt.“ Aber Antonis will kämpfen – in seiner Heimatstadt.

So arbeitet Antonis Karagiannis auch an diesem Samstagabend in einer Bar in Grevena. Die Cafés in der Alexander-der-Große-Straße im Herzen der Stadt sind zumindest voller junger Gäste. Sie haben eines gemeinsam: Sie sind arbeitslos.

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