Zwei Kippenheimer haben sich dem Transvulcania in La Palma gestellt – mit mehr als 70 Kilometer und 4350 Metern Steigung. Klemens Jörger berichtet von einer Grenzerfahrung.
Transvulcania. Meine erste Assoziation war Transsilvania, also das Land der Vampire und der wilden Bären. Weit gefehlt. Oder doch nicht? Ja und Nein.
Während Corona wurde ich auf das Trailrunning aufmerksam und nahm zum ersten Mal beim Crêtes Vosgiennes, einem Lauf über die Vogesenhöhen, an einem Wettkampf teil. Mein Sohn Jakob teilte bald meine Leidenschaft und erzählte mir vom Transvulcania – einem Lauf einmal über die gesamte Kanareninsel La Palma mit 73,06 Kilometern Länge, 4350 Metern Steigung und 4057 Meter wieder abwärts.
In der Folge ließ uns der Gedanke nicht mehr los. 2024 war es dann so weit. Der Start war morgens um 6 Uhr in der Dunkelheit beim Leuchtturm an der Südspitze der Insel. Eine Wahnsinnsstimmung verursachte Gänsehaut. Dann folgten die ersten 25 Kilometer mit grandiosem Sonnenaufgang, durch lichte Kiefernwälder und ein Feld von erloschenen Vulkanen. Traumhaft – wenn da nicht dieser Lavasand gewesen wäre. Es fühlte sich an wie drei Schritte vor und zwei Schritte wieder zurück.
Im Vorjahr noch 20 Minuten zu spät auf dem Roque de los Muchachos
Die erste Selektionsrunde nach fünf Stunden – wer länger braucht wird aus dem Wettkampf genommen – erreichten wir gerade so in 4:58 Stunden. Danach ging es 27 Kilometer in alpinem Gelände, gnadenlos der brühenden Hitze ausgesetzt, weiter.
Beim nächsten Selektieren, nach elf Stunden, auf dem Roque de los Muchachos, war das Rennen dann aber für uns zu Ende. Wir waren 20 Minuten zu spät dran.
Das war es dann wohl. Den Lauf, so schwer es fällt, strich ich von meiner „Löffelliste“. Meine Frau war erleichtert.
Doch zwei Tage später machte ich diesen Entschluss rückgängig. Nach dem Lauf ist vor dem Lauf. 2025 haben wir uns wieder angemeldet und diesmal besser sowie intensiver vorbereitet.
Was dann kam, hat uns eiskalt erwischt. Aufstehen morgens um 2.30 Uhr, Start wieder um 6 Uhr mit Wolkenbruch, jedoch angenehmen 13 Grad. Es hatte die Tage davor auch geregnet, der Lavasand hatte Grip. Dieses Mal ist das Ziel drin, dachten wir uns.
Ab Kilometer 15, auf dem Grat des Vulkankraters, war ich mir da aber nicht mehr sicher. Orkanböen, Graupelschauer, eisige Temperaturen und die Sicht war gleich Null. So ging es die nächsten 40 Kilometer weiter. Beißen, kämpfen, frieren, nur nicht stehen bleiben, sich immer wieder neu motivieren. Um uns herum gaben viele Läufer auf. Die Abgründe rechts und links der Strecke waren durch den dichten Nebel zum Glück nicht zu sehen.
Es war reine Kopfsache. Zehn Minuten vor der Selektionsrunde schafften wir den Roque de los Muchachos. Fast geschafft. Nur noch 2 500 Höhenmeter abwärts. Nur nicht stolpern, ausrutschen oder fallen. Die holprigen Trails wollten kein Ende nehmen. Die letzte Selektion nach 15 Stunden bei einbrechender Dunkelheit schafften wir locker. Jetzt folgten noch die letzten 350 Höhenmeter und der 1,5 Kilometer lange Zieleinlauf nach Los Llanos unter dem tosenden Beifall Tausender Zuschauer. Völlig erschöpft waren wir im Ziel. Was für ein Gefühl. Man sollte es nicht meinen, aber es war wunderschön.