Die Green-Tech-Branche gilt als Zukunftshoffnung im Land. Welche Rolle spielt der Bereich für den Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg bereits heute?
Das derzeitige Kriseln der Autobranche droht, dem baden-württembergischen Selbstbild als Industrieland ernste Risse zuzufügen. Umso dringlicher versuchen politische Entscheidungsträger nun, andere Sparten als wirtschaftliche Hoffnungsträger in Stellung zu bringen. Während Ministerpräsident Winfried Kretschmann Potenzial in der Rüstungsindustrie sieht, sollen Projekte wie der IPAI-Campus in Heilbronn das Land zum Zentrum für Künstliche Intelligenz machen. Ein weiterer Bereich, mit dem sich enorme Erwartungen verbinden: „Green Tech“, also ökologisch nachhaltige Technologien.
„Der Green-Tech-Bereich hat sich wahnsinnig entwickelt“, lobte Thekla Walker, Landesministerin für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft, bei einem Branchenkongress in der Stuttgarter Liederhalle. Wie wichtig ist dieser Industriezweig inzwischen für den Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg?
Green-Tech-Branche wächst in Baden-Württemberg
Einer aktuellen Studie der Landesagentur Umwelttechnik BW zufolge ist die ökonomische Bedeutung von Green Tech in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Demnach erwirtschaftete die Branche im Land 2023 eine Bruttowertschöpfung von 23,1 Milliarden Euro, mehr als doppelt so viel wie noch 2010 (11,2 Milliarden Euro). „Das ist keine kleine Nische mehr, sondern ein großer wirtschaftlicher Faktor“, kommentierte Walker die Zahlen.
Ein weiteres Indiz für diesen Trend: Bei dem Kongress in der Liederhalle waren rund 2000 Teilnehmende vor Ort, bis hin zu Vertretern aus Slowenien. Vor allem aber prägten neben den Ständen der Landesregierung regionale Unternehmen das Bild im Hegel-Saal: mittelständische Anbieter von Wärmepumpen, Energieberater aus dem Raum Stuttgart oder eine Industriedesign-Agentur aus Schwäbisch Gmünd.
Arbeitsplätze und ökologischer Nutzen
Diese kleine Auswahl lässt erahnen, in welch unterschiedlichen Betrieben sich Green-Tech-Arbeitsplätze finden. 201 000 Personen arbeiteten laut der Studie von Umwelttechnik BW 2023 landesweit in der Branche, das waren zu dieser Zeit drei Prozent aller Erwerbstätigen in Baden-Württemberg. Grüne Technologie spielt damit bereits annähernd in einer Liga mit Schlüsselbranchen wie dem Fahrzeugbau (3,7 Prozent) oder der Elektroindustrie (3,3 Prozent). Besonders aussagekräftig: Zwischen 2010 und 2023 stieg die Zahl der Green-Tech-Erwerbstätigen jährlich im Schnitt um 2,5 Prozent – deutlich stärker als die Gesamterwerbstätigkeit (1,4 Prozent pro Jahr).
Freilich ist die Sparte nicht nur aufgrund von wirtschaftlichen Kennziffern bedeutsam. Zumindest, wenn es nach Thekla Walker geht. Green Tech sei „natürlich auch aus ökologischer Sicht wichtig“, sagte die Grünen-Politikerin. So verwies sie auf eine neue Anlage zur Biogasaufbereitung in Leonberg, deren Eröffnung für Frühjahr des kommenden Jahres geplant ist. Sie soll künftig Bioabfälle aus den Landkreisen Böblingen und Esslingen in Biomethan umwandeln. Dieses wiederum kann dann anschließend in städtische Gasnetze eingespeist werden.
„Bioabfall aus der Region wird dadurch in der Region verwertet“, sagte Wolfgang Bagin. Er ist Geschäftsführer der Vergärungsanlage, die 2019 abgebrannt war und nun mit neuem Konzept wiederaufgebaut wurde. „Das Projekt passt in die Zeit, weil wir uns damit auch ein Stück weit unabhängig machen von ausländischem Gas.“ Die Anlage stehe damit beispielhaft für die Vorzüge grüner Technologien über den reinen Wirtschaftsfaktor hinaus.
„Die Produkte und Dienstleistungen [der Branche] vermeiden Klimaemissionen, filtern Schadstoffe oder erhöhen die Energieeffizienz“, heißt es in der Studie von Umwelttechnik BW außerdem. 2023 seien dadurch in Baden-Württemberg umgerechnet 18,2 Milliarden Euro an Umweltschäden verhindert worden.
Konkurrenz in der Branche schläft nicht
Zwar bezweifeln kritische Stimmen die Annahme, Wirtschaftswachstum und Umweltschutz ließen sich langfristig wirklich verbinden. Doch für Walker überwiegt derzeit die Zuversicht beim Blick auf nachhaltige Technologien. Die Ministerin ist sich sicher: „Green Tech wird auf jeden Fall ein Wachstumsmarkt bleiben.“
Für Baden-Württemberg sieht sie gute Chancen, auch weiterhin davon zu profitieren. Das Land sei aufgrund der hiesigen Fortschritte in diesem Bereich in einer guten Ausgangsposition. Gleichzeitig mahnte die Ministerin: „Wir müssen jetzt schauen, dass wir da vorne bleiben.“ Denn die globale Konkurrenz – etwa aus China – schlafe nicht.