Der Schwarzwald-Baar-Kreis brauche in 20 Jahren 8800 Seniorenwohnungen, prognostiziert die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt. Foto: © pikselstock –stock.adobe.com

Die IG Bau schlägt Alarm. Senioren im Schwarzwald-Baar-Kreis drohe eine Wohn-Altersarmut. Sie warnt vor „grauer Wohnungsnot“.

Wohnungs-Annoncen, auf die sich ganze Heerscharen von Mietwilligen melden, oder Besichtigungstermine, die angesichts der Masse in strenge Zeitfenster unterteilt werden – Phänomene, wie man sie in Studentenstädten längst kennt, sind auch in der Region keine Seltenheit mehr.

 

Es ist eng auf dem Wohnungsmarkt. Und das spüren vor allem jene mit schmalerem Geldbeutel, weshalb die Städte und Gemeinden in der Region jetzt besonders großen Wert auf den sozialen Wohnungsbau legen. Dabei gilt es aber noch etwas ganz anderes im Blick zu haben: Die so genannte Baby-Boomer-Generation, für die es immer enger wird.

Mietwohnung statt Eigenheim

Wie groß die Herausforderungen auf dem Wohnungsmarkt aktuell sind, wird auch im Geschäftsbericht der Wohnungsbaugesellschaft wbg in Schwenningen deutlich. „Die Nachfrage nach Wohnraum in Villingen-Schwenningen hat aufgrund der wachsenden Bevölkerung weiter zugenommen. Einen Nachfrageverstärkenden Effekt hatten auch die massiv gestiegenen Finanzierungs- und Baukosten. Diese führen zu einer Verschiebung der Nachfrage vom Eigentumswohnungsmarkt hin zu den Mietwohnungsmärkten.“ Kurzum: Auch viele, die sich eigentlich gerne ein Eigenheim gegönnt hätten, drängen jetzt auf den Mietwohnungsmarkt.

Und blickt man auf die Zahlen, welche die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt, kurz: IG Bau, jetzt vorlegt, wird manchem bange: Der Schwarzwald-Baar-Kreis brauche in 20 Jahren 8800 Seniorenwohnungen, prognostiziert die Gewerkschaft und prophezeit eine „Graue Wohnungsnot“.

67 und älter – schon jetzt 55 400 Menschen

In 20 Jahren gehören laut ihren Berechnungen im Schwarzwald-Baar-Kreis rund 55 400 Menschen zur Altersgruppe „67plus“ – „gut 10 600 mehr als heute“. Die IG befürchtet durch die kommende Rentnergeneration der Baby-Boomer einen zunehmenden Mangel an altersgerechten Wohnungen und beruft sich dabei auf Zahlen, die das Pestel-Institut bundesweit für Städte und Kreise ermittelt hat. Für diese Erhebung haben die Wissenschaftler die Bevölkerungsentwicklung im Rahmen einer Studie zur künftigen Wohnsituation von Senioren für den Bundesverband des Deutschen Baustofffachhandels (BDB) untersucht.

„In den kommenden Jahren werden im Schwarzwald-Baar-Kreis immer mehr ältere Menschen eine barrierearme Wohnung brauchen – ohne Treppenstufen, dafür mit bodengleicher Dusche und genügend Platz für das Rangieren mit Rollator und Rollstuhl“, so Ilse Bruttel, die glaubt, diese Zahlen müssten den Wohnungsbaupolitikern „schon jetzt Kopfzerbrechen bereiten“. Nach Angaben des Pestel-Instituts benötigen bereits heute mehr als 7600 Haushalte im Schwarzwald-Baar-Kreis eine Seniorenwohnung, weil in ihnen Menschen im Rentenalter leben, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. In 20 Jahren werden im Schwarzwald-Baar-Kreis nach Berechnungen der Wissenschaftler über 8800 Wohnungen gebraucht, in denen Menschen mit einem Rollator oder Rollstuhl klarkommen.

Die Gewerkschaften ächzen schon 2021

Doch die Herausforderungen im Wohnungsbau sind selbst für die Wohnungsbaugenossenschaften nur noch mit größter Mühe zu stemmen. Die Wohnungsbaugesellschaft Schwarzwald-Baar beispielsweise ächzte schon 2021 unter verschärften Bedingungen. So seien die Preise für den Neubau konventionell gefertigter Wohngebäude in Baden-Württemberg von 2020 bis 2021 (jeweils im November) um 14,5 Prozent gestiegen. Holzbauarbeiten waren sogar um 47,2 Prozent teurer geworden. Und selbst die Kosten für Instandhaltungsarbeiten an Wohngebäuden erhöhten sich mit plus 14 Prozent gravierend.

Die Konsequenz, die die Genossenschaft aus diesen Rahmenbedingungen bereits Ende 2021 gezogen hat: „Das Bauen mit genossenschaftlichem Grundgedanken Wohnraum zu schaffen ist dagegen für uns aufgrund der insgesamt schwierigen Lage momentan nicht möglich. Dafür wird weiterhin intensiv unser Bestand energetisch saniert und modernisiert. Und auch hier blickt man aufmerksam auf den demografischen Wandel in Baden-Württemberg: „Der Anteil der Personen, die älter als 60 Jahre sind, soll sich von 3,05 Millionen Personen im Jahr 2020 auf 3,68 Millionen Personen im Jahr 2035 erhöhen (plus 20,6 Prozent). Damit wird der Anteil dieser Altersgruppe an der Gesamtbevölkerung von derzeit 27,3 bis 2035 auf voraussichtlich 32,4 Prozent ansteigen.“

Altersarmut kommt noch hinzu

Das prallt unschön auf die Gegebenheiten im Schwarzwald-Baar-Kreis, wo die IG Bau „auch jetzt schon“ einen massiven Mangel an Seniorenwohnungen ausmacht. „Dann steuern wir sehenden Auges auf eine ‚graue Wohnungsnot‘ zu“, sagt die Bezirksvorsitzende der IG BAU Südbaden, Ilse Bruttel.

Neben dem Mangel an altersgerechten Wohnungen befürchtet die IG BAU auch eine zunehmende Altersarmut durchs Wohnen. So drohten bei der Boomer-Generation künftig zwei Dinge „fatal aufeinander zu treffen“: Erstens die Gefahr eines sinkenden Rentenniveaus. Und zweitens steigende Kosten fürs Wohnen. Mieter seien hier genauso betroffen wie Menschen mit Wohneigentum, wenn beim Einfamilienhaus oder bei der Eigentumswohnung Sanierungen fällig würden. „Wenn die Wohnkosten weiter in dem Tempo der letzten Jahre steigen, werden viele Senioren, die damit heute längst noch nicht rechnen, ihren Konsum einschränken müssen. Ältere Menschen werden die hohen Mietpreise oft kaum noch bezahlen können. Für viele wird es dann finanziell richtig eng. Deshalb werden auch im Schwarzwald-Baar-Kreis künftig deutlich mehr Menschen als heute auf staatliche Unterstützung angewiesen sein, um überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben“, so Bruttel.

Das fordert die IG Bau

Die IG Bau die Schaffung von mehr preiswertem, vor allem aber auch altersgerechtem Wohnraum. Zusätzlich schlägt die IG Bau eine Selbstverpflichtung für große Wohnungskonzerne vor. Ilse Bruttel: „Mit Blick auf den eklatanten Mangel an Seniorenwohnungen sollten sich die Wohnungsunternehmen verpflichten, einen bestimmen Anteil freiwerdender Wohnungen altersgerecht umzubauen.“ Dieser sollte bei mindestens 20 Prozent liegen.