Drei Monate sind seit Eröffnung des Grand Egyptian Museums in Kairo vergangen. Jeden Tag strömen rund 15 000 Besucher hierher in die Wüste. Doch lohnt sich der Besuch wirklich?
Wer einmal das bisherige Ägyptische Nationalmuseum am Tahrir Platz im Zentrum Kairos besucht hat, einen typischen historistischen Museumsbau des späten 19. Jahrhunderts, dem ist eindrücklich in Erinnerung, wie hunderte von Sarkophagen in altmodischen Glasschränken gestapelt mehr aufbewahrt als präsentiert waren – und dies immer noch sind. Das buchstäblich verstaubte Museum ist inzwischen selbst ein Ausstellungsobjekt der Museologie von vor 100 Jahren.
Doch längst sind viele Exponate nach Gizeh gewandert. Seit November vergangenen Jahres residieren sie in Sichtweite der Pyramiden im Grand Egyptian Museum.
In Kontakt mit den echten Pyramiden
Es ist ein epochaler Bau geworden, ein Milliarden-Dollar-Kraftakt, der kaum etwas zu wünschen übrig lässt. Zur Verfügung stand ein weitläufiges, 50 Hektar großes Wüstengrundstück nördlich der Pyramiden und südlich des neuen Flughafens Sphinx International. Den weltoffenen Architektenwettbewerb hatten die Dubliner Architekten Heneghan Peng 2002 in einem Verfahren mit 1557 Teilnehmern gewonnen. Ihnen ist es gelungen, die geforderte Baumasse zu gliedern und ihr trotzdem eine Erscheinung von Gewicht zu geben, die mit den zwei Kilometer entfernten Pyramiden kommuniziert. Hinzu kommen dreieckige Anbauten mit direkten formalen Analogien zu den Pyramiden. Das Dreieck als Gliederungs- und Dekormotiv beherrscht den Bau sowohl innen und außen und setzt ihn in Bezug zu den Pyramiden.
Nach Überwindung einer verwirrenden Peripherie aus vielspurigen Autopisten, U-Bahnbrücken, weitläufigen Bus- und PKW- Parkplätzen sowie rigiden Absperranlagen und Kontrollpunkten erreicht man den Vorplatz und den Haupteingang an einem der seitlichen Anbauten in Pyramidenform.
Man tritt in die Eingangshalle und wird von Ramses II. begrüßt. Seine 83 Tonnen schwere, elf Meter hohe Kolossalstatue kann in dem weiten, hohen Raum großartig Wirkung entfalten. Sie wurde bereits 2006 hierher gebracht und das Museum ab 2008 gewissermaßen drumherum gebaut. Zur Linken steigt die Halle stufenweise an. Die 180 Meter lange „Große Treppe“ ist das architektonische Rückgrat des Ausstellungsbereichs und verbindet alle Ebenen miteinander.
Auf den Podesten stehen 90 Großskulpturen, Hieroglyphenstelen, monumentale Granitsarkophage und Architekturfragmente wie an einer Prozessionsstraße Spalier. Der sich nach oben verjüngende Raum strebt auf eine Glaswand vor dem obersten Podest zu. Genau inszeniert ist der Blick hinüber zu den zwei Kilometer entfernt liegenden Pyramiden.
Es geht darum, Geschichten zu erzählen
Zur Linken geht es in den ersten der zwölf Dauerausstellungsräume, die sich in den drei Riegeln matrixartig abtreppen und in Schlangenlinie begangen werden. Querbezüge sind möglich, die Orientierung fällt erstaunlich leicht. Unten angelangt quert man über eine gläserne Brücke die Prozessionsstraße und gelangt in die 7500 Quadratmeter umfassende Tutanchamun-Galerie, das Prunkstück des Museums.
Für das Stuttgarter Atelier Brückner war der Wettbewerbsgewinn für die Szenografie des Museums 2016 natürlich ein Glücksgriff. Das Team um Shirin Frangoul-Brückner hatte es sich zur Aufgabe gemacht, anhand der Exponate Geschichten zu erzählen. Am Beispiel Tutanchamuns, dessen Grab und alle Grabbeigaben erstmals komplett zu sehen sind, heißt das, der Besucher erlebt, wie Howard Carter vor hundert Jahren das Grab entdeckt und betreten hat. Mit ihm öffnet man nacheinander die Grabkammern, Schreine und Sarkophage, entdeckt die Grabbeigaben, die Schätze, Streitwagen, Modelle und Figuren, die Prunkgewänder und, als Höhepunkt, die berühmte goldene Maske.
Der Besucherstrom wird gut geleitet
Sie ist natürlich hinter Panzerglas besonders inszeniert, umgeben von genügend Raum für das staunende Publikum. Im nächste Raum „Identity“ wird die Mumie Lage für Lage ausgewickelt, man erfährt als Ergebnis von DNA-Untersuchungen, wie der Pharao ausgesehen hat und lernt seine Herkunft und Familie kennen.
Clou der Präsentation: Der Rundgang funktioniert wahlweise auch andersherum, die Geschichte erzählt sich dann chronologisch, von der Vermählung über Leben, Tod, Totenkult und Begräbnis des Pharaos bis hin zur Entdeckung des Grabes in unserer Zeit.
Dieses „Storytelling“, das sich auch durch die anderen Bereiche und natürlich auch durch das Kindermuseum zieht, ist die die große Stärke des Ateliers Brückner. So greifen Themen, Abläufe und Erzählungen ineinander und fesseln die Besucher derart, dass kaum einer vor Ablauf von drei Stunden das Haus verlässt und viele hier den halben Tag verbringen. Nach dem Eröffnungsboom im November hat sich das Besucheraufkommen auf 15 000 pro Tag eingespielt, eine Zahl, mit der die Verantwortlichen gerechnet hatten und auf die man eingestellt ist. Bis auf ein wenig erwartbares Gedränge bei Tutenchamun funktioniert die Führung des Besucherstroms gut und konnten inzwischen einige Leitmaßnahmen und Absperrungen wieder zurückgebaut werden.
Das schönste archäologische Museum der Welt
Heneghan Peng ist es gelungen, an die Bruchkante des Niltals einen respektablen Museumsbau zu positionieren, der durch seine Dimension en face der Pyramiden bestehen kann, aber gar nicht erst versucht, durch historisierendes Auftreten oder gar eigene Monumentalität mit den Altertümern mithalten zu wollen. Organisatorisch und in der Besucherführung funktioniert der Bau tadellos; gestalterisch-atmosphärisch gelingt es ihm spielend, die Balance zwischen eigenem architektonischem Anspruch und Präsentation der Exponate zu halten. Die Szenografie von Atelier Brückner trägt das ihre dazu bei, wenngleich es den Designern leicht gefallen sein wird, die fast durchweg wunderschönen Exponate buchstäblich ins rechte Licht zu rücken. Die Besucher sind sich sicher: Das bedeutendste archäologische Museum der Welt ist auch das schönste.