Wann wird Kunst Propaganda? Das Kunstmuseum Stuttgart stellt sich mit der Schau „Grafik für die Diktatur“ den eigenen Ursprüngen im Nationalsozialismus.
Der Blick durch die geöffneten Flügelfenster zeigt herbstliches Grün. Zu groß für einen Garten, zu dicht bewachsen für einen Park. Die tief stehende Sonne fällt auf einen Stuhl – darauf eine sorgsam abgelegte Maschinenpistole, über der Lehne ein Pistolenholster. Vor dem Stuhl stehen in Anspruch genommene, aber sauber geputzte Stiefel. „Landsers Sonntagmorgen“ betitelt Martin Sternagel 1941 dieses Aquarell.
Sternagel spielt mit der interpretatorischen Breite einer schussbereiten Erotik – und lässt den deutschen Frontsoldaten in Gutshof-Szenerie erwachen.
Propaganda durch Verschleierung ist eine Beschreibung, die auf die überwiegende Zahl der zwischen 1933 und 1945 für die Kunstsammlung der Stadt Stuttgart angekauften grafischen Werke zutrifft. Man sieht Menschen bei betont körperlicher Arbeit, stets von sanften Hügeln umfangene Landschaften oder Frauen in eigenwilliger Alterslosigkeit, die die Mühen der Umsorgung ihrer Kinder nicht verbergen. Inhaltlich gesehen sollte der zentrale Punkt der Ankäufe für eine gedachte künftige NS-Vorzeigesammlung gewesen sein: Die Kunst sollte nicht selbst glänzen, sondern die Betrachter quasi teilhaben lassen an ihrem direkten Lebensumfeld, an unterstellter ländlicher Idylle, an scheinbaren Selbstverständlichkeiten im Soldatenalltag. Es ist ein leises Werben für eine Volksgemeinschaft, die es in der unterstellten „Reinheit“ freilich nur unter dem Banner der Ausgrenzung geben kann – mit allen staatskriminellen und mörderischen Konsequenzen.
Provinziell statt großspurig
160 grafische Arbeiten – Aquarelle, Zeichnungen, Radierungen, Holzschnitte und Lithografien – versammelt die Ausstellung „Grafik für die Diktatur“ im Erdgeschoss des Kunstmuseums Stuttgart. Künstlerisch von Interesse sind nur sehr wenige Blätter, etwa das kühle, das Konkrete streifende, kleine Tempera-Blatt „Panzerschiff Deutschland“ von Gerth Biese. Bereits 1934 entstanden, könnte es Biese den Weg zu späteren Auftragsbildern geebnet haben. Belegen aber lässt sich dies nicht. Überhaupt tun sich bei den 160 Werken viele schwarze Löcher auf. Kai Artinger heißt der Kunsthistoriker, der sich aufgemacht hat, diese in Kärrnerarbeit zu identifizieren und nach Möglichkeit zu verkleinern oder gar zu schließen. Seit zehn Jahren durchforstet der Provenienzforscher die Sammlung des Kunstmuseums und lässt dem Ausstellungserstling „Das Kunstmuseum Stuttgart im Nationalsozialismus. Der Traum vom Museum ,schwäbischer’ Kunst“ von 2020 nun den Blick auf die zwischen 1933 und 1945 gesammelte Grafik folgen.
Schien das Projekt 2020 von manch schriller Beweisführung des vorgeblich noch nie Gesagten überlagert, zeigt sich die Schau „Grafik für die Diktatur“ spektakulär unspektakulär. Die Souveränität der Ausstellung selbst kann Artinger im umfassenden Begleitbuch nicht ganz halten. Dafür zieht dessen fast atemloser Erzählton das Publikum noch ein gutes Stück tiefer in die Sehnsucht, das für das Regime eher unbedeutende Stuttgart über den Hebel Kunst doch nationalsozialistisch glänzen zu lassen. Nicht aber mit sechsspurigen Ringstraßen durch das Zentrum wie es Paul Bonatz bereitwillig vorschlug, sondern über eine betont kleinstädtische Sichtweise.
So werden die geforderten Bildnisse zugleich zu Kronzeugen dafür, dass die NS-Schergen ungeachtet ihrer erträumten Größe mit allem wirklich Urbanen zugleich fremdelten und nicht nur politisch den Heimatgeist betonten.
Eine überdimensionale Karte empfängt das Publikum bereits im großen Vorraum des Kunstmuseums. Sie zeigt Europa Anfang April 1944, kurz vor den sowjetischen Großoffensiven und noch zwei Monate vor der Landung der Alliierten in der Normandie.
Kai Artinger hat in dieses Europa unter dem Hakenkreuz die Entstehungsorte von Landschaften und Städtebildnissen eintragen lassen, die links und rechts der Karte sowie in den kabinettartigen Ausstellungsräumen zu sehen sind. Die Botschaft: die im Nationalsozialismus gezielten und deutlich hoch gefahrenen Ankäufe für die Fortschreibung des städtischen Kunstbesitzes zum Museum dokumentieren über ihren Entstehungsort das schiere Ausmaß deutscher Gewaltherrschaft.
Macht aber der Ankauf eines Werkes zwischen 1933 und 1945 dieses schon zur NS-Kunst? Für Kai Artinger ist dies eine rhetorische Frage, formulierten doch die um die Gunst von Adolf Hitler buhlenden Macht-Statthalter sehr klar, welche Kunst sie erwarteten. Eigentümlich aus der Zeit gefallen und in vielerlei Weise verkürzt wirkt denn auch das Meiste, was nun zu sehen ist. Und was in der Landschaft und im Städtebild noch als bemühte Idylle durchgeht, wird im Porträt der Frau vollends zu künstlerischen Bankrotterklärung. Leere Gestalten sind dies, bindungslos zum umgebenden Raum, aber auch zu ihnen eher beigestellten Kindern.
Aufklärung und Heilung
Dies alles sollte einer grafischen Abteilung eines künftigen städtischen Kunstmuseums dienen – wie auch ein Konvolut von 23 Werken des 1913 gestorbenen Stuttgarter Akademieprofessors Carlos Grethe. Sie tragen auf der Rückseite einen Sammlerstempel von Max Rosenfeld, 1867 in Stuttgart geborener Kaufmann, der am 18. März 1943 im deutschen Konzentrationslager im niederländischen Westerbork starb. Vertrieben, verfemt und aller Wertgegenstände inklusive einer 1906 von Bernhard Pankok erbauten und eingerichteten Villa am Herdweg beraubt. 1937 kam Rosenfelds Grethe-Block in die städtische Kunstsammlung. Kai Artinger vermutet, dass der (Zwangs-)Verkauf die Flucht des Sohnes Paul in die USA mitfinanzierte. Nun, 87 Jahre später, werden die Blätter zu den Urenkeln von Max Rosenfeld in die USA nachreisen – als offiziell restituierte, vertraglich zurückgegebene Raubkunst.
Bleibt die Frage nach einem möglichen Neuanfang beziehungsweise nach der Kontinuität nach 1945. Die Zerstörung eines Großteils der städtischen Kunstsammlung verkürzt diese Frage. Kai Artingers Blick bleibt auch im Ausblick kritisch, ja, nervös. Seine wesentlich von der Ernst von Siemens Kunststiftung finanzierten und ebenfalls von den Freunden des Kunstmuseums Stuttgart unterstützten Untersuchungen sollen fortgeführt werden. Denn um dieses Doppel wird es weiter in seinen Untersuchungen gehen: Aufklärung der Herkunft wie der Ankaufswege – und Heilung noch immer offener, in deutschem Namen geschlagener Wunden.
Wer? Wo? Wann?
Ausstellung
„Grafik für die Diktatur. Die Geburt der Grafiksammlung des Kunstmuseums Stuttgart im Nationalsozialismus“ ist bis 14. September 2025 im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen – Di bis So 10 bis 18 Uhr, Fr 10 bis 21 Uhr. Der Eintritt kostet 6 Euro (ermäßigt 4 Euro, unter 18 Jahren frei).
Das Buch
Das empfehlenswerte Begleitbuch (VDG Weimar) kostet in der Ausstellung 19 Euro.
Der Macher
Kai Artinger arbeitet seit 2014 als Provenienzforscher im Kunstmuseum Stuttgart. Am 21. November (19 Uhr) stellt er im Kunstmuseum sein neues Buch „Raubkunst – Kunstraub“ vor. Monatlich führt Artinger durch die Ausstellung.