Im Dreiländermuseum Lörrach erzählt die neue Ausstellung „Legal – Illegal“ die Geschichte von Graffiti und Street Art im Dreiländereck.
Schon die großformatige Aufnahme gleich am Eingang saugt den Betrachter förmlich ins Geschehen: Ein Sprayer presst sich an eine Mauer, während keinen Meter von ihm entfernt ein Zug vorbeirast. Festgehalten hat diese Szene, wie auch die restlichen knapp 300 Bilder der Schau, der weit gereiste Lörracher Fotograf Martin Schulte‑Kellinghaus. Seit 50 Jahren begleitet er die Szene im Dreiländereck und darüber hinaus, sieht in der Sprühkunst einen klaren „Ausdruck von Lebensfreude“, aber auch „ein Konzept gegen Dummheit, Hass und Engstirnigkeit“.
Mit der neuen, in intensiver Teamarbeit mit zahlreichen Partnern entstandenen Ausstellung „Legal – Illegal“ öffnet das Dreiländermuseum seine Pforten für eine Kunst‑ und Lebensform, die dem Randerscheinungsdasein längst entwachsen ist. Museumsleiter Jan Merk verweist darauf, dass man – ähnlich wie bei der Karikaturenschau von Peter Gaymann – ganz bewusst nicht nur historisch‑politische Themen bespiele. Das Museum stelle sich vielmehr gerne dem kontroversen Diskurs um eine Kunst, die bei unterschiedlichsten Menschen gleichermaßen starke Identifikation wie tiefe Ablehnung hervorruft und deren hohes, oftmals noch immer verkanntes Potenzial mittlerweile einen eigenen Kunstmarkt befeuert.
Wie der Titel erahnen lässt, bewegt sich das Sujet fortwährend auf einem schmalen Grat: Die Rechtslage ist in Deutschland, Frankreich und der Schweiz gleich – abseits ausgewiesener „Free Walls“ bleibt das Besprühen von Wänden eine Straftat. Ein Umstand, den Graffiti‑Pionier Wolfgang Krell, selbst seit mehr als 40 Jahren aktiv und intimer Kenner der Szene, scharf kritisiert: „Es kann nicht angehen, dass die Kids für Farbe an der Wand kriminalisiert werden.“
Erinnerung an die Anfänge in der Illegalität
Krell, der Ikonen wie Banksy persönlich kennt und für die Gestaltung der Läuger‑Fassade am Neuen Marktplatz verantwortlich zeichnet, erinnert an die zumeist illegalen Anfänge all jener, die sich heute tagtäglich mit dieser Ausdrucksform auseinandersetzen.
Um die überbordende Fülle an Material, die nur einen Bruchteil der Street‑Art‑Facetten abbilden könne, stimmig zu gliedern, hat Ausstellungsgestalterin Aurea Hardt alle Register gezogen. Graue und schwarze Hintergründe lassen die Farben nicht nur leuchten, sondern evozieren auch das Flair urbaner Unterführungen. Mitten im Raum aufragende, quaderförmige Ausstellungsflächen zitieren die Pfeiler der Lörracher Autobahnbrücke und der dortigen „Open Bridge“, die – mit dem Fokus auf die trinationale Region – ebenso ausführlich gewürdigt werden wie „The Line“ am Basler SBB. Ihren Platz finden auch das Schänzli‑Areal zwischen Pferderennbahn und St. Jakob‑Park sowie die Wandgemälde‑Vielfalt im elsässischen Mulhouse, wo vom monumentalen Mural bis zum zierlichen Mini‑Graffiti alles vertreten ist. Begleitet von der Kunsthistorikerin Jeannette Gutmann, spannt die Schau den Bogen von politischen Wandmalereien in Mexiko bis zu den Anfängen der Bewegung Ende der 1960er Jahre in New York, als Pioniere wie „Cornbread“ begannen, ihre „Tags“ zu hinterlassen.
Historie wird durch 3D-Objekte greifbar
Greifbar wird diese Historie durch dreidimensionale Leihgaben: Neben Sprühköpfen, farbverklecksten Sweatern und wuchtigen Musikgeräten der 70er und 80er Jahre rücken vor allem die Spraydosen in den Fokus – die ohnehin in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag feiern. Eine solch dichte Auseinandersetzung verfehlt ihre Wirkung nicht: „Ich gehe jetzt mit ganz anderen Augen durch die Stadt“, schmunzelt Aurea Hardt.
Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm mit Führungen, Workshops und Fotospaziergängen. Und wer den Finger nach dem Rundgang selbst an den Sprühkopf legen möchte, darf dies ab kommender Woche an einer eigens vor dem Museum errichteten hölzernen „Free Wall“ völlig legal und ohne Verhaftungsgefahr ausprobieren.
Die Ausstellung wird am Dienstag, 21. April, um 19 Uhr im Dreiländermuseum, Basler Straße 143, eröffnet.