Studenten aus ganz Deutschland waren in den vergangenen sechs Wochen bei der Grabung dabei. Foto: Niklas Ortmann

Die archäologische Grabung in Waldmössingen kann nicht nur aufgrund des Besucherinteresses als Erfolg gewertet werden: Die Studenten lösten auch das Rätsel um ein Römer-Bauwerk.

Dunkle Wolken bedecken den Himmel über Waldmössingen und bringen strömenden Regen mit sich. Glaubt man den Römern, meint es Jupiter, der mächtigste aller Götter, an diesem Tag nicht gut mit den Studenten. Vielleicht, weil die in den vergangenen Wochen bei ihrer Grabung so manches Geheimnis der Römer gelüftet haben.

 

Jetzt ist aber erst mal Warten angesagt: Die Studenten haben die Grabungsfläche mit Planen abgedeckt und sich unter die Pavillons zurückgezogen, wo Grabungsleiterin Lena Regetz sie mit Klausurfragen beschäftigt. Regetz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Abteilung für provinzialrömische Archäologie der Universität Freiburg, einem der beiden Kooperationspartner der Lehrgrabung. Den anderen Teil, das Landesamt für Denkmalpflege (LAD), repräsentiert als Grabungsleiter vor Ort Christoph Wulfmeier. Er hat im Bauwagen neben der Grabungsfläche Platz genommen, wo er unserer Redaktion zunächst über die Ergebnise des Projektes berichtet – denn seit dem Spatenstich Anfang August haben die Studenten aufschlussreiche Entdeckungen gemacht.

Eines der Rätsel zu Beginn der Grabung: Wofür nutzten die Römer das ungewöhnliche Gebäude, das vor einigen Jahren im Gesteinsreich entdeckt worden war? Erste Funde ließen Professor Alexander Heising schon nach wenigen Tagen vermuten: „Für mich riecht das schon ein bisschen nach Fabrica.“ Gemeint war eine Werkstatt, in der unter anderem Schuhnägel für römische Militärsandalen gefertigt wurden – denn von solchen fanden die Studenten schnell eine Menge.

1000 Quadratmeter große Werkstatt

Die Vermutung habe sich immer weiter bestätigt, berichtet Wulfmeier nun. „Es ist ein Werkstattgebäude – und zwar ein relativ großes. 50 an 20 Metern etwa, also eine Fläche von rund 1000 Quadratmetern.“ Die Größe deute wiederum darauf hin, dass sich in Waldmössingen eine zentrale Fertigung für Metallgegenstände befunden habe, durch die umliegende Lager wie Sulz oder Rottweil versorgt wurden.

Die Schuhnägel für die Römersandalen sollen in einer Werkstatt im Kastell hergestellt worden sein. Foto: Universität Freiburg/L. Regetz

Mittlerweile hat es aufgehört zu regnen, und Wulfmeier kann die Entdeckungen im Gelände veranschaulichen. Optisch hat sich die Fläche im Vergleich zur ersten Woche nicht gewaltig verändert – die Studenten haben kein metertiefes Loch gegraben, sondern den Boden bis auf etwa 30 Zentimeter unterhalb der Oberfläche fein bearbeitet.

Wie tief man in die Erde gehen müsse, hänge ganz davon ab, wo man grabe, erklärt Wulfmeier. „Unten im Tal hinter dem Sportplatz haben wir archäologische Befunde in erst zweieinhalb Metern Tiefe.“ Oben auf dem Schafbühl müsse man nicht so weit graben: „Neues Sediment fällt ja nicht vom Himmel.“

Darum hätte die Grabung ein „Desaster“ werden können

Und doch hatte Wulfmeier anfangs die Sorge, dass die Grabung aus wissenschaftlicher Sicht zu einem „Desaster“ werden könnte. Denn im ersten Schritt stießen die Studenten nur auf einen Felsen – „archäologisch völlig irrelevant“, unterstreicht Wulfmeier.

In den folgenden Wochen häuften sich aber die Funde – und die für die Wissenschaft noch wichtigeren Befunde. Wulfmeier deutet auf den Boden. Während der Laie dort bestenfalls leichte Verfärbungen erkennt, sieht der Experte dort lineare Strukturen, die er als Gebäude deutet. „Man muss natürlich ein Auge dafür haben“, erklärt Wulfmeier.

Christoph Wulfmeier deutet auf die Strukturen im Boden, die Hinweise auf die Bebauung durch die Römer geben. Foto: Ortmann

Durch die Funde und Befunde haben die Studenten bei der Grabung auch erstmals nachgewiesen, dass es innerhalb des Kastells Holzbebauung gab, demzufolge eine Holzbauphase in der Römerzeit in Waldmössingen. Bislang waren nur Steinbauten erfasst worden. „War es vielleicht auch eine Fabrika, nur in Holz?“, mutmaßt Wulfmeier zu dem Holzgebäude, das womöglich ähnliche Dimensionen wie die Fabrica aus Stein hatte.

Fortsetzung geplant

Nicht nur aufgrund der Erkenntnisse bezeichnet Wulfmeier die Grabung, die noch bis Ende dieser Woche andauert, als vollen Erfolg. Auch das Interesse der Bevölkerung hat die Erwartungen übertroffen: Mehr als 1500 Besucher schauten den Studenten in den sechs Wochen über die Schulter und stellten Fragen. „Ich war jetzt auf mehreren Grabungen, und das ist die erste Grabung, bei der sich wirklich auch Zeit genommen wurde, uns alles zu erklären“, sagt Juan Rothenhäusler, der im Master an der Universität Kiel studiert. Gleichzeitig sei es eine der spannendsten Grabungen gewesen.

Kein Wunder also, dass eine Fortsetzung geplant ist: Wie Wulfmeier verkündet, soll es im kommenden Jahr wieder eine Grabung mit Studenten in Waldmössingen geben. Dann sollen die noch offenen Rätsel um das Römerkastell gelöst werden.