Das Holz sieht fast aus wie neu – zumindest nicht, als ob es Jahrhunderte alt ist. Ist es aber, und es war Teil einer Latrine, die Archäologen bei Grabungen an der Schwanenstraße entdeckt haben. Ist es das älteste bisher bekannte stille Örtchen Balingens?
Balingen - Knatter, knatter: Michael Schneider vom Landesamt für Denkmalpflege (LAD) wirft die Motorsäge an. Vor dem Fachmann für Dendrochronologie – der Methode, mit der das Alter von Holz bestimmt wird – liegt auf dem großen Areal an der Schwanenstraße ein dicker Balken. Schneider setzt an und sägt eine Scheibe heraus. Diese geht nun ins Labor in Hemmenhofen, wird dort untersucht.
Holz kommt nun ins Labor
Wie alt das Holz ist, kann Schneider noch nicht sagen, ebenso wenig wie Mathias Hensch, beim LAD der für Balingen zuständige Gebietsreferent operative Archäologie. Ersten Schätzungen wurde es wohl im 15., vielleicht eher im 16. Jahrhundert an der Schwanenstraße direkt neben der dort verlaufenden, wohl im 14. Jahrhundert errichteten Stadtmauer verbaut. Als Teil der spätmittelalterlichen Latrine, auf die die Mitarbeiter der Fachfirma Archaeo BW dort im Zuge der Grabungen gestoßen sind, die auf dem Areal im Vorfeld des Neubaus der Volksbank Hohenzollern-Balingen durchgeführt wurden.
Man könnte sagen: eine Latrine, ausgerechnet. Passt irgendwie genau zum künftigen Hauptmieter, dem Drogeriemarkt Müller: Wo früher das stille Örtchen war, wird künftig unter anderem Klopapier verkauft.
Holzaufbau, mit Ton verfüllt
Fest steht nach den ersten Erkenntnissen der Archäologen, dass die Latrine in mehren Phasen gebaut worden ist. Darauf deute die Konstruktion hin, sagen Hensch und Grabungsleiter Petru Ciocani von ArchaeoBW. Aus dem nassen Boden bargen die Archäologen ein rechteckiges Fundament, bestehend aus massiven Holzbalken. Der Boden war aus Planken montiert. Der seitliche Holzaufbau wurde, so Hensch, mit Ton verfüllt, damit keine Flüssigkeiten aus der Latrine fließen konnten – das war eine Frage der Hygiene.
Latrinenfeger holen menschlichen Mist ab
Dieser Aspekt sei, anders als man heute vielleicht annehme, auch im vermeintlich schmuddeligen Mittelalter von enormer Bedeutung gewesen: Auch wenn es noch keine Kanalisation im heutigen Sinne gab, so hätten die damaligen Balinger bereits darauf geachtet, dass Fäkalien sich nicht im Boden verbreiten konnten. Und an dieser Stelle – auf dem Grundstück direkt neben der Stadtmauer – auch darauf, dass sie nicht in die nahe Steinach fließen.
Geleert wurde die Mittelalter-Toilette regelmäßig, dafür zuständig waren laut Hensch sogenannte Latrinenfeger: Sie holten den "Mist" heraus und verbrachten ihn als Dung auf die Felder.
Zwei Haushalte, eine Latrine
Die aufwändige Konstruktion deute auch darauf hin, dass die Latrine lange Zeit in Benutzung war. Vermutlich haben sich, so Hensch, zwei Haushalte das stille Örtchen geteilt. Diese parzellenübergreifende Nutzung sei durchaus üblich gewesen, für einen Haushalt alleine wäre eine solche Konstruktion zu aufwändig gewesen. Zumal an dieser Stelle, am Rande der Stadt, wo nach den Erkenntnissen der Forscher wohl eher nicht so wohlhabende Menschen gelebt haben.
Auch Ofen gefunden
Untersucht haben die Forscher auf dem Areal zudem fünf der ehemals neun Bürgerhausparzellen. Vier Grundstücke wurden laut Hensch bereits im 20. Jahrhundert durch moderne Überbauungen und Unterkellerungen "ihrer historischen Strukturen beraubt". Gleichwohl gewannen die Archäologen einen umfangreichen Einblick in die spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Entwicklung in diesem Teil der Balinger Altstadt vor dem großen Stadtbrand von 1809 und in die anschließende Wiederaufbauphase: Neben Kellern unter den straßenseitigen Vorderhäusern, die zum Teil bis ins Spätmittelalter zurückreichen, konnten auch ebenerdige Gebäude- und Baustrukturen erfasst werden, die von einer handwerklichen oder ökonomischen Nutzung des Areals vom 14./15. bis in das 19. Jahrhundert zeugen. Die Forscher stießen auch auf einen Ofen, in dem vermutlich Keramik gebrannt wurde.
Neue Erkenntnisse zur Stadtmauer
Die Grabungen brachten zudem neue Erkenntnisse zur Stadtmauer: Obertägig war auf dem Areal ein rund zehn Meter langes, einsturzgefährdetes Teilstück erhalten. Diese hat die Stadt mittlerweile sanieren lassen. Nach dem Abriss der Gebäude – vor allem des einstigen Spielwaren-Jetter – habe man Überreste der Stadtmauer auf einer Länge von 30 Metern im Boden gefunden, insbesondere auch des Fundaments.
Mauer-Fundament soll in Neubau integriert werden
Teile der untertägigen Stadtmauer-Reste sollen nun in den Neubau integriert werden, den die Volksbank Hohenzollern-Balingen auf dem Areal errichtet. Nun, da die Grabung soweit abgeschlossen ist und die Forscher das Areal freigegeben haben, werde man die vorbereitenden Arbeiten weiterführen, sagte Andreas Holz vom Architekturbüro Schairer und Partner. Zur Friedrichstraße hin etwa habe man bereits Bohrpfahlgründungen ausgeführt, damit die Straße nicht abrutscht.
Die Baugenehmigung erwarte man bis Herbst, so Holz – dann könne man auch mit dem Neubau beginnen.