Nach drastischem Mitgliederschwund ist der Sulzauer Golfclub insolvent. Sparen ist nicht die Lösung, sagt der Vorstand Michael Kraus. Er setzt auf einen Neuanfang.
Dorthin muss der Golfball: gut 100 Meter weiter aufs Grün – jenseits des Neckars. Wer hier abschlägt, sagt Michael Kraus, darf nicht auf den Fluss schauen, in dem der Ball bei falschem Abschlag landen könnte. Er muss seine Gedanken aufs Ziel lenken. „Das ist die psychologische Komponente beim Golf“, sagt Kraus. „Wir sehen oft nur die Probleme. Man muss seine Gedanken aber aufs Ziel lenken.“ Und wenn der erste Versuch schiefgeht, muss man sich der Aufgabe gleich noch mal stellen.
Das Ziel, das Michael Kraus anvisiert, ist die Zukunft des Spielbetriebs auf dem Gelände des Golfclubs Schloss Weitenburg bei Sulzau. Wobei der erste Ball jetzt doch im Neckar gelandet ist. Der Golfclub musste vor einer Woche Insolvenz anmelden. Sonderlich überraschend kam das für Kenner des Clubs nicht. Denn der Club, der als Aktiengesellschaft eingetragen ist, fährt seit Jahren rote Zahlen ein, mal 77.000 Euro (2015), mal 190.000 Euro (2023). Das jährliche Defizit konnte seit einigen Jahren nur über ein Darlehen finanziert werden.
Die Lage sah düster aus, als Michael Kraus 2023 als Vorstand des Golfclubs engagiert wurde. Der gebürtige Heidenheimer und Wahl-Gomaringer ist seit vielen Jahren in der Geschäftsführung von Golfclubs tätig, meist „im Change Management“, wie er sagt. Sprich: Er ist Profi darin, die oft überkommenen Strukturen der Clubs so zu verändern, dass sie unter neuen Rahmenbedingungen besser wirtschaften oder überhaupt erst überleben können.
Deutlich zu wenige Golfer Das Ruder ließ sich im Sulzauer Golfclub jedoch nicht mehr rechtzeitig herumreißen, um die Insolvenz zu vermeiden. Für die laufenden Kosten hat der Club mittlerweile deutlich zu wenig Golfer an Bord. Zu den besten Zeiten hatte der Golfclub Schloss Weitenburg 1200 Mitglieder. Nach einem Aderlass noch vor der Coronazeit hatte sich die Zahl fast halbiert.
Neue Golfer für Sulzau zu gewinnen war deshalb eines der wichtigsten Ziele, das Kraus ins Visier nahm, als er zum Club kam. Mit Erfolg. Mittlerweile sind es wieder 800 Mitglieder, 60 Prozent davon kommen aus dem Großraum Stuttgart. Der Club hat zudem den kleinen 9-Loch-Kurs in den Tal-Auen an den neu gegründeten Golfclub Stuttgart-Weitenburg verpachtet. Er gehört zum Verein „Sportkultur Stuttgart“ in Cannstatt. Dieser hat vor der Haustür in Stuttgart-Wangen nur eine sogenannte „Driving Range“, also einen Platz, auf dem man Bälle abschlagen kann. Die Kooperation mit den Sulzauer Golfern ermöglicht den Hauptstädtern nun, auf einem richtigen Platz zu spielen. Durch die Kooperation hat der Sulzauer Club Pachteinnahmen. Zudem wechseln manche Spieler auch auf den großen Platz – und in den Sulzauer Golfclub. Was Kraus besonders freut: Die meisten dieser Spieler sind deutlich unter 40 Jahre alt.
Warum viele Spieler abgewandert sind Dass in den vergangenen Jahren so viele Golfer auf andere Plätze abwanderten oder ganz aufhörten, hatte – neben der Altersstruktur im Club – viel mit dem damaligen Zustand des Platzes zu tun, ist Kraus überzeugt. Zum Beispiel im Hitze-Sommer 2022. Das 70 Hektar große Areal wird mit Neckarwasser bewässert. Im Sommer 2022 gab es wegen der Dürre ein Entnahmeverbot aus dem Neckar – der Rasen dörrte vor sich hin. Mittlerweile gibt es einen Speicherteich neben dem Neckar, mit dem das Green über etwa vier bis fünf Wochen grün gehalten werden könnte, falls der nächste Hitze-Sommer kommt. Das Sulzauer Golfareal liegt in den Neckarauen, erstreckt sich den Hang des Kapfs hoch und jenseits dieses Hügels entlang des Neckars bis zur Börstinger Kläranlage. 70 Hektar groß ist das Gelände, auf dem ein 18-Loch- und ein 9-Loch-Kurs angelegt sind. Die Pacht des vom Weitenburg-Chef Max-Richard Freiherr von Rassler angemieteten Geländes sei „moderat“, sagt Kraus. „Mehr als für Ackerland, weniger als für Bauland. Andere Golfclubs zahlen mehr.“
Teures „Greenkeeping“ Schon seit vielen Jahren hat der Golfclub die Pflege des Areals an eine Firma vergeben. Die früher zuständige Firma sei „etwas gefühllos“ zugange gewesen, sagt Kraus. Auch das habe wohl dazu beigetragen, dass manche Mitglieder zu anderen Clubs abgewandert sind.
Die Pflege für das „Greenkeeping“ ist auch gleichzeitig der größte Ausgabenposten des Golfclubs: 500.000 Euro pro Jahr.
Pflege der Areale und Zukunftsperspektive
Intensive Rasenpflege
Umgerechnet vier Vollzeitkräfte sind rund ums Jahr damit beschäftigt, den Rasen zu pflegen. Das ist eine Wissenschaft für sich. Die unterschiedlichen Areale brauchen unterschiedlich intensive Pflege – vom Bereich um die Putting-Löcher (wird täglich auf 4 bis 5 Millimeter gemäht) über den Fairway und das Vorgrün (10 Millimeter) bis zum Second Cut und den Wildwuchs-Flächen, die nur ein bis zweimal im Jahr gemäht werden. Kurz nach Sonnenaufgang beginnen die Greenkeeper täglich mit der Rasenpflege und arbeiten gegen die Spielrichtung, damit sich Spieler und Greenkeeper nicht ständig in die Quere kommen. Derzeit sind die Greenkeeper mit herbstlichen Arbeiten beschäftigt. Die Rasenflächen rund um die Putting-Löcher werden belüftet und gesandet, um den Untergrund aufzulockern. Das Laub wird unter den alten Bäumen gesammelt. Die Golf-Hauptsaison ist vorbei. An einem schönen Sommer-Wochenende findet man hier um die 150 Spieler auf dem Platz. Das ist freilich immer noch kein Vergleich zu anderen Plätzen, wo die Spieler-Slots fürs Wochenende binnen Minuten ausgebucht sind, sobald sie online abgerufen werden.
Wie geht es weiter mit dem Golfclub?
Insolvenzverwalter Steffen Beck hatte sich auf Anfrage zuversichtlich gezeigt, dass eine Lösung für den Weiterbestand des Spielbetriebs gefunden werden kann. Es gebe bereits Gespräche mit einer Investorengruppe, die Interesse bekundet habe. Vorerst kann der Spielbetrieb weitergehen. Auch das Restaurant Dimples bleibt geöffnet. Und der Pachtvertrag mit Eigentümer von Rassler läuft ebenfalls noch einige Jahre. Um einen Neustart zu ermöglichen, wird die Aktiengesellschaft Golfclub Schloss Weitenburg aber wohl abgewickelt.