Wer Lotto spielt, hofft auf den Millionengewinn, so unwahrscheinlich das auch ist. Drum ist kaum zu glauben: Mancher 6-Richtige-Glückspilz möchte das gewonnene Geld dann lieber doch nicht haben. Und der Chef der Lotto-Zentrale in Stuttgart hat noch viele andere kuriose Sachen erlebt.
Wer in diesem Raum einen Kaffee angeboten bekommt, den hat Fortuna so richtig lieb. Drum heißt das Besprechungszimmer in der Stuttgarter Lottozentrale in der Nordbahnhofstraße auch „Fortuna“. Der Ort, an dem Glücksspieler meist erst so richtig begreifen, dass sie jetzt Millionäre sind. Ein Raum, in dem Millionen Menschen gerne mal sitzen würden, aber nur ein gutes Dutzend Spieler tatsächlich einen Kaffee angeboten bekommen. Was ist das für ein Raum? Was passiert da? Ein Ortsbesuch bei Georg Wacker, dem Lotto-Chef des Landes im Millionen-Raum.
Wie viele Menschen macht Lotto Baden-Württemberg pro Jahr zum Millionär?
Im Schnitt der vergangenen zehn Jahre waren es 23 Spieler, die Millionen abräumten. In den letzten drei Jahren gab es mindestens 30 Riesentreffer und 2021 sogar 39.
Was waren die höchsten Gewinne im Land?
90 Millionen Euro holte sich ein Schwarzwälder vor sieben Jahren, der absolut höchste Lottogewinn aller Zeiten. Knapp 64 Millionen kassierte ein Ortenauer vor zwei Jahren und eine Spielerin aus dem Zollernalbkreis gewann rund 43 Millionen vor drei Jahren. Platz vier ging mit 38 Millionen in den Kreis Ludwigsburg und Platz fünf mit 32 Millionen in den Raum Heilbronn. Wohin im Jahr 2020 die fettesten Gewinne in der Region flossen, lesen Sie hier. Fast schon Mitglied muss man da mit einem Gewinner aus Rottenburg haben, der „nur“ 1,4 Millionen Euro vor zwei Jahren gewann.
Wie kommen die Neu-Millionäre an ihr Geld?
Wer mit Registrierung Lotto oder andere Glücksspiele spielt, wird von der Lotto-Gesellschaft direkt informiert, wenn er einen Großgewinn abgeräumt hat. Wer an einer Annahmestelle getippt hat, wird von dieser an die Lotto-Gesellschaft verwiesen und bekommt dann zügig einen Anruf, sagt Georg Wacker, der Geschäftsführer.
Wie geht es dann für die Großgewinner weiter?
„Wir laden alle ein, die mehr als eine Million Euro gewonnen haben“, berichtet Wacker. Man erhalte sein Geld natürlich auch ohne ein Beratungsgespräch in der Lotto-Zentrale, „aber wir empfehlen ein solches Gespräch eigentlich jedem.“ Etwa jeder Zweite bis Dritte komme dann tatsächlich.
Wie sieht das „Millionärszimmer“ aus?
Die Lotto-Zentrale. Vorbei an der Rezeption, die über den Besucher informiert ist. Und natürlich diskret schweigt. Links und rechts lange Gänge mit Büros, hier wird das Glücksspiel des Landes verwaltet. Treppe hoch, Raum „Fortuna“ liegt im ersten Stock des großen Gebäudes. Die Türe öffnet sich und man sieht einen großen ovalen Massivholztisch, drum herum ein Dutzend ?? schicke gelbe Stühle, grauer Fußboden, raumhohe weiße Gardinen. Eine Grünpflanze wuchert am blickdichten Fenster. Viel Platz, staunt der Besucher. Aber die Gäste bekommen ja auch viel Geld.
Wie läuft so ein Millionengespräch?
„Die meisten Gewinner bringen Angehörige zur Beratung mit“, weiß Georg Wacker, der solche Gespräche schon mehrfach absolviert hat. Manche kommen aber auch ganz alleine, haben noch keinem von der Glücksnachricht erzählt. „Wir reden dann über die Gewinne und die Gefahren, die ein so plötzlicher Geldsegen mit sich bringen kann“, schildert Wacker. „Viele Gäste sagen dann, dass sie es erst jetzt, in diesem Raum, begreifen würden, dass sie im Lotto gewonnen haben.“
Was wird dann beraten?
„Unser Team gibt den neuen Millionären Verhaltenstipps für die erste Zeit nach dem Gewinn. Denn da kann man ziemlich viel falsch machen“, weiß der Lotto-Chef. Zum Beispiel zu vielen Leuten von den Millionen erzählen. Oder den falschen. Etwa jungen Kindern, die das dann in der Schule ausplaudern könnten. Überhaupt: Behalten Sie Ihr Geheimnis so lange es geht für sich“, rät Wacker. So schütze man sich am besten vor Bittstellern und ungebetenen Ratgebern.
Der wichtigste Tipp für Lotto-Millionäre?
„Nichts überstürzen! Überlegen Sie in Ruhe, was Sie mit dem Geld machen möchten. Warten Sie mit der Anschaffung von Luxusgütern“, empfiehlt Wacker. Da halten sich aber nicht alle dran. „Ein Gewinner hat auf der Fahrt zu uns schon einen Porsche bestellt.“
Und dann das Geld erst mal auf die Bank?
Ja, das wird überwiesen - und kann dann schnell zum Problem werden. Wenn plötzlich auf einem Privatkonto mehrere Millionen Euro auftauchen, sickert das bei kleineren Geldhäusern schon mal durch. Bankangestellte sind halt auch nur Menschen. Nicht ausgeschlossen, dass dann bald der halbe Ort ungewollt vom Millionengewinner weiß. Ratsam sei deshalb, so Wacker, das Geld auf mehrere Banken aufzuteilen und nicht alles bei seiner örtlichen Hausbank zu lagern. „Ein zu hoher Gewinn ist kaum zu verschweigen. Drum lieber eine kleinere Summe nennen, ein paar Hunderttausend Euro etwa“, sagt Wacker.
Holt auch jemand die Millionen bar ab?
In Stuttgart noch nie passiert, aber möglich wäre es. Wenngleich auch nicht ratsam. Außer, man will mit einem Koffer voller Geld in der Karibik abtauchen.
Was sind das für Leute, die Millionen kassieren?
„Ganz normale Menschen, der breite Durchschnitt unserer Gesellschaft. Menschen mit geringem Einkommen, Arbeitnehmer, Rentner, auch Top-Verdiener, alles dabei“, sagt Wacker.
Was machen die mit den Millionen?
„Die meisten gehen ganz normal mit dem Gewinn um, hören wir aus den Beratungsgesprächen heraus. Einer wollte sich erstmal die Zähne machen lassen. Eine Frau plante, endlich eine neue Küchenmaschine zu kaufen. Geld anlegen. Wohnung für die Kinder kaufen. Mit 93 noch mal nach Italien reisen. Ganz normale Sachen eben.“ Eine Finanzberatung gibt es bei der Lotto GmbH übrigens nicht.
Sind alle glücklich über die satten Gewinne?
Nicht alle. „Wir hatten einen tragischen Fall, da war dem Gewinner erst kürzlich die Frau gestorben, dann gleich darauf der Sohn. Der wollte die Millionen nicht. In einem anderen Fall sagte der Mann, dass er das Geld doch besser nicht haben wolle, sondern sein Leben so bleiben solle, wie es ist. Diesem haben wir dann zu einer Stiftung für eine gute Sache geraten. Hat er dann auch gemacht und die Millionen von uns genommen“, plaudert der Lotto-Chef aus dem Nähkästchen.
Schon mal jemand umgefallen im Raum „Fortuna“?
Es gab tatsächlich schon einen medizinischen Notfall, als ein Mann realisierte, jetzt 13-facher Millionär zu sein. Ging aber gut aus. „Das ist schon für viele eine mentale und psychische Überforderung“, sagt der Lotto-Chef. Mancher Gewinner komme auch gleich mit einem Arzt seines Vertrauens zum Gewinngespräch.
Weiß die Lotto GmbH, was aus den Lottogewinnern dann wird?
Nein. Nach der Geldabwicklung verliert sich der Kontakt in wenigen Tagen. „Wir bekommen da nichts mit“, sagt Wacker. Die Millionäre leben ihr neues Leben – und die Lottoleute warten ab, bis sich der nächste Glückliche für ein Beratungsgespräch meldet.
Werden alle Lotto-Riesengewinne auch abgeholt?
Nein. Ein Fall aus Reutlingen sorgte vor drei Jahren für Aufsehen, weil sich der 11,3-Millionen-Gewinner auch drei Jahre nach seinem Gewinn nicht gemeldet hatte. Das Geld fließt in solchen Fällen in einen Sondertopf und wird erneut ausgeschüttet.
So spielt unsere Region
So spielt unsere Region
Landesweit gab jeder Bürger im Schnitt voriges Jahr rund 73 Euro für Glücksspiele bei der Lotto GmbH aus. Deutlich mehr gespielt wurde im Kreis Lörrach, wo die Quote bei 100 Euro lag. Auch die Ortenau (80 Euro), der Schwarzwald-Baar-Kreis (81 Euro) und der Zollernalb-Kreis (81 Euro) liegen über dem Landesschnitt. Knapp auf Landesschnitt tippen die Bürger in den Kreisen Rottweil (71 Euro) und Freudenstadt (72 Euro). Im Kreis Calw vertrauen die Menschen offenbar weniger ihrem Glück. Dort wurden pro Kopf nur 62 Euro verspielt.
So spielt das Land
Die Einnahmen der Lotto GmbH lagen voriges Jahr bei 1,07 Milliarden Euro und seit drei Jahren beständig auf einem Rekordniveau. Hauptumsatz bringt noch immer die Lotterie „6 aus 49“. Im laufenden Jahr ist ein leichter Rückgang der Spielfreude zu verzeichnen, sagt Georg Wacker. Das sei sicher der hohen Inflation geschuldet.
Hier gibt’s Hilfe
Glücksspiel kann süchtig machen. Infos und Hilfe unter www.bzga.de oder unter der kostenlosen Telefonnummer 0800 / 1 37 27 00.