Tonio Paßlick war ein Glücksfall für Weil am Rhein. 34 Jahre hat er als ideenreicher und innovativer Kulturamtsleiter Maßstäbe gesetzt.
Tonio Paßlick ist ein Multitalent. Er musiziert, rezitiert, schreibt Rezensionen zu Konzerten und Ausstellungen, ist rhetorisch gewandt und organisiert Konzerte und Reisen. Ehrenamtlich engagiert er sich vor allem in der Hospizarbeit an der Seite seiner Frau Irene, unterstützt als Mitglied des Lions-Clubs Sozialprojekte, macht Politik im Kreistag, gibt Konzerteinführungen im Lörracher Burghof, ist ein versierter Märchenerzähler, macht gelegentlich Stadtführungen in Stadt und Region, wandert und reist gerne und spielt Tennis. Kann man da von Ruhestand sprechen, in dem er sich offiziell seit knapp fünf Jahren befindet?
Agil wie eh und je
„Die Prioritäten haben sich verschoben, und ich mache ja nicht alles gleichzeitig“, sagt der agile 70-Jährige. Und zu den Prioritäten gehören jetzt seine Familie als Vater zweier erwachsener Töchter und Opa von vier Enkelinnen. „Ich genieße die Drei-Generationen-Situation wie in meiner Kindheit, das ist eine wunderbare Lebenssituation“, sagt Tonio Paßlick, der Haus an Haus mit der Familie einer seiner Töchter an der Feuerbacher Straße wohnt – umgeben von einem großen Garten. In das berühmte schwarze Loch ist er jedenfalls nicht gefallen, zu vielfältig sind seine Tätigkeiten und zu groß seine Interessen.
Viele Ideen umgesetzt
Eine Schweizer Zeitung hatte Tonio Paßlick, der in Schopfheim groß geworden ist und der seit 1986 in Weil am Rhein lebt („das ist längst meine Heimat“) vor vielen Jahren einmal als „Glückspilz“ bezeichnet. „Dieses Wort löst in mir schon zwiespältige Gefühle aus“, sagt der ehemalige langjährige Kulturamtsleiter. „Es ist mir nicht alles so einfach zugefallen. Ich hatte damals große Ziele formuliert, deren Erfüllung nicht unbedingt zu erwarten waren, und dennoch eingetroffen sind“, blickt er dankbar und zufrieden zurück. Er hatte es verstanden, die entscheidenden Leute von seinem Konzept zu überzeugen. So konnte er mit Mut, Optimismus und Durchsetzungsfähigkeit seine Ideen umsetzen.
„Insofern empfinde ich mich als Glückspilz, dass die Dinge so gelaufen sind, wie ich es mir vorgestellt habe“, betont Paßlick. Er hat beispielsweise in Sachen Kultur in Weil am Rhein eine weithin anerkannte, institutionelle Aufbauarbeit in den 1990er Jahren geleistet, während er in den 2000er Jahren die zugkräftigen Festivals wie Bläserfestival (heute 3-Länder-Stadt-Festival) und Kieswerk Open Air ausgebaut und etabliert hat.
Die Kulturarbeit, die er in der Grenzstadt geprägt hat wie kein Zweiter, vermisst der gelernte Journalist heute nicht, gleichwohl beobachtet er die kulturelle Entwicklung in der der 3-Länder-Stadt nach wie vor mit großem Interesse.
Kulturarbeit geprägt
Wenn man Tonio Paßlick nach den Höhepunkten seines 34-jährigen Wirkens als Kulturamtsleiter fragt, braucht er nicht lange zu überlegen: „Ich habe viele Glücksmomente erlebt.“ Ob die Landesgartenschau 1999 mit all ihren kulturellen Begleitveranstaltungen, ob der Auftritt der schottischen Band Red Hot Chilli Pipers aus Glasgow beim Bläserfestival, als an besagtem Wochenende 40 000 Besucher gezählt wurden, oder die unzähligen Kesselhausabende, die Musikreihe „Willa musica“, die Ausbildung der Märchenerzähler und der Aufbau von drei Museen oder seine Idee zum Kauf der früheren katholischen Kirche, in der heute die Stadtbibliothek beheimatet ist, um ein paar Beispiele zu nennen. Ihm war es stets wichtig, für alle Altersgruppen und soziale Mileus entsprechende Angebote zu schaffen. „Die 1990er Jahre, in denen viel Neues entstanden ist, waren aufregend schön mit viel Bewegung, und in den 2000er Jahren ging es darum, Standards zu stabilisieren und Profile zu schärfen“, reflektiert Paßlick, für den Kulturarbeit „auch ein Stück Sozialarbeit“ ist. Denn immer war es ihm ein Anliegen, Menschen zusammenzuführen und sie mitzunehmen.
Auch in der Vereinsarbeit hat sich Tonio Paßlick stark engagiert, sei es beispielsweise beim Städtepartnerschaftsverein oder dem Verein Kulturzentrum Kesselhaus, die er beide mitgeründet hat oder beim Literaturverein „Forum Allmende“ oder dem Tennisclub Blau-Weiß. „Weit über 100 Jahre Vorstandsarbeit kommen insgesamt schon zusammen“, sagt er lächelnd.
Schwerpunkt Hospizarbeit
Seit 2019 sieht er seine Schwerpunkte in der Hospizarbeit als Vorsitzender der Ambulanten Hospizgruppe. „Das ist eine sinnstiftende Aufgabe, in die ich ehrenamtlich täglich rund zwei Stunden investiere“, sagt der 70-Jährige. Auch der Kreispolitik hat er sich seit sechs Jahren in der Fraktion der Freien Wähler verschrieben, zum einen als Fraktionssprecher im Sozialausschuss und zum anderen als Kommissionspräsident im Trinationalen Eurodistrict. „Ich hatte vorher keine Ahnung, was hier alles geleistet wird und wie wichtig der Kreistag ist. Von der Spitze bis zu den Mitarbeitern des Landratsamtes und deren Arbeit zolle ich Respekt“, sagt er anerkennend,
Als Flötist gibt Tonio Paßlick mit dem Barockquartett „Willa Musica“ noch gelegentlich Konzerte, ebenso organisiert er die Blansinger Kirchenkonzerte und tritt in der Region bei Rezitationsprojekten mit den Klangkünstlern Martin Kutterer und Tilo Wachter auf. Zuhause spielt er gerne Gitarre, allein oder mit Freunden, und einmal im Monat singt er in einem privaten, kleinen „Chörli“.
Tonio Paßlick, der auch sehr gerne reist wie in diesem Jahr nach Zypern, Dänemark, Schweden und Marokko oder auf der „Route der Romanik“, kann beim Wandern gut entschleunigen. Und was der Fußballfan und Anhänger des SC Freiburg am Gewinn von freier Zeit im (Un)Ruhestand besonders auch schätzt: „Ich habe mehr Zeit zur Pflege von Freundschaften.“ In diesem Jahr hat er unter anderem seinen ältesten Freund in Dänemark besucht.