Russland will sein Volk mit einem Glücksministerium beglücken. Das Volk aber hält seltsamerweise wenig von dem Vorschlag.
Was Bhutan hat und die Vereinigten Arabischen Emirate pflegen, können wir auch, scheint sich Russlands Föderationsratsvorsitzende Walentina Matwijenko gedacht zu haben, als sie vor wenigen Tagen mit ihrer Idee an die Öffentlichkeit trat. „Lasst uns ein Ministerium des Glücks schaffen“, rief sie, freudig erregt, in den Saal voller junger Menschen bei einem Bildungsforum in Moskau.
Matwijenko meinte das ernst, seit 2016 träumt sie den Traum vom Glück für alle, verpackt die Idee immer wieder neu. Nur was sie unter „Glück“ von Staats wegen versteht, sagt sie nie. „Dieses Ministerium sollen alle Entscheidungen, alle Gesetze passieren, damit klar wird, ob alle Entscheidungen und alle Gesetze und alle Regierungsbeschlüsse die Menschen glücklicher machen“, sagte sie auf der Bühne und gab zu, ihre „Unterstützergruppe“ sei „noch klein“. „Vielleicht sind Sie ja der nächste Glücksminister“, rief sie in den Saal, als wäre das das Thema der Stunde.
Lieber Toiletten als ein Glücksministerium
Ein Land, das Krieg führt und es nicht einmal so nennt, ein Land, das seine männliche Bevölkerung zwangsweise zum Kanonenfutter macht, den Kriegsversehrten einen Metallstock in den noch vorhandenen Arm gibt und erklärt, dieser Stock sei die Prothese für das abgetrennten Körperteil, lebt weiter seinen Zynismus und will sein Volk mit Glück erfüllen. Das klingt wie das „Liebesministerium“ in George Orwells „1984“, in dem durch Folter alle den „Großen Bruder“ lieben lernen sollen.
Olga Kowitidi – eine von Matwijenkos Unterstützerinnen, die im Föderationsrat die von Russland annektierte ukrainische Halbinsel Krim vertritt – schwadronierte gar etwas davon, dass „gefestigtes Glück die Chance auf den Sieg“ erhöhe, schließlich wollten sie alle „ein Russland glücklicher Menschen“.
Da sind die wohl noch unglücklichen Russen anderer Auffassung. „Lasst uns leben, ohne euch ständig in unser Leben einzumischen, das macht uns glücklich“, schrieb eine Alia bei Telegram. „Wie wäre es mit dem Abzug der Kriegstechnik aus der Ukraine?“, fragte ein anonymer Nutzer. „Armut bekämpfen, die Menschen mit Gas, Wasser und einem Klo im eigenen Haus ausstatten, das wäre etwas, was das Leben glücklicher macht“, zählte ein Sergej auf. Andere schrieben von „reiner Idiotie“, forderten ein „Ministerium der Vernunft“.
Der Blogger Gleb Staschkow sieht einen ganzen Apparat entstehen: „Ein Ministerium für Glück bräuchte sogleich auch den Föderalen Dienst, der dafür sorgt, dass alle glücklich sind. Es bräuchte einen Landesbeauftragten für Glück und viele Regionalbeauftragte für Glück. Den Ausschuss zur Kontrolle des illegalen Glücks, den Ausschuss zur Förderung traditioneller Formen des Glücks und den Ausschuss zur Bekämpfung nichttraditioneller Formen. Eine Glücksersatzkommission. Und Hunderte von Beamten wären beschäftigt und glücklich.“ Und was passiere mit denen, die das verordnete Glück nicht annehmen? „20 Jahre Strafkolonie für die Unglücklichen?“, fragt ein Oleg.
Der Vorschlag wird rasch wieder kassiert
Die Vereinten Nationen veröffentlichen – auf Vorschlag von Bhutan – seit 2012 jährlich den sogenannten Weltglücksindex. Faktoren wie das subjektive Empfinden der Zufriedenheit der Menschen in ihren jeweiligen Ländern, Daten aus der Wirtschaft, Psychologie, Gesundheitsversorgung, Bildung ergeben den Glückkoeffizienten. Russland landete in diesem Jahr auf Platz 79 von 142 Ländern.
Walentina Matwijenko jedenfalls zog nach Spott und Häme ihre Idee zurück. „Es war nur ein Witz“, sagte sie nach ihrem Auftritt beim Moskauer Forum. Zum Glück!