Sonnige Aussichten sollten die wandernden Störche im Winter eigentlich haben – doch das ist an einem bevorzugten Winterquartier der Baaremer Vögel aktuell ganz anders. Foto: Bohnert-Seidel

108 Horste, fast 200 Jungtiere: Die Storchenzahlen im Schwarzwald-Baar-Kreis steigen rasant. Doch während Nester verschwinden, sterben im Winterquartier viele Tiere.

Eigentlich war 2025 bislang ein gutes Storchenjahr. Die Zahlen, die Manfred Bartler als Storchenvater der Region fürs Jahr und den Schwarzwald-Baar-Kreis melden durften, sind stattlich: 108 Horste betreute der passionierte Storch-Liebhaber aus Hochemmingen insgesamt in diesem Jahr. Das ist erneut eine Steigerung nach 104 Nestern zuletzt – als die Bartlers 2016 die Aufgabe von dem Neudinger Friedrich Widmann übernommen hatten, lag diese Zahl noch bei 32 Nestern. Heute also sind es mehr als dreimal so viele.

 

Und Bartlers Einzugsgebiet, das sich über drei Landkreise erstreckt und neben dem Schwarzwald-Baar-Kreis auch die angrenzenden Regionen um Tuttlingen und Rottweil mit umfasst, stellt der Schwarzwald-Baar-Kreis die stärkste Population: 78 Horste waren es im zu Ende gehenden Jahr hier, 26 im Landkreis Tuttlingen, vier bei Rottweil.

Wo das traute Heim für Storchenpaare so zahlreich war, da ließ natürlich auch der Nachwuchs nicht lange auf sich warten. 198 Jungstörche sind geschlüpft, berichtet Bartler unserer Redaktion freudig. 89 Jungstörche konnten sogar beringt werden, 28 Jungtiere seien leider verstorben.

Viele Horste sind entfernt

Viele ihrer Horste auf den Strommasten, etwa auf den Wiesen und Feldern um Donaueschingen, wurden jüngst fachmännisch entfernt. Warum das aus Sicht des Energieversorgers wohl nötig wurde, liegt auf der Hand: Aus Sicherheitsgründen wird dies vorrangig gemacht – so ein Horst kann schon mal über eine Tonne wiegen und nicht nur bei Sturm vom Masten stürzen, sondern auch anderweitig Schäden anrichten. Sobald die Störche nach Süden ziehen, ergreifen viele Stromversorger die Gunst der Stunde und schreiten zur Tat.

Manche Störche aber sind der Region – vor allem der Baar um Donaueschingen –, aber auch in der kalten Jahreszeit treu geblieben. Einerseits sind die Winter mittlerweile milder geworden und auch schneeärmer, andererseits finden sie hier vielfach noch ein stattliches Futterangebot. In einem früheren Gespräch erwähnte Bartler bereits, dass das Feuchtgebiet auf den Donauwiesen bei Donaueschingen-Neudingen etwa eine ideale Nahrungsquelle sei. Aber auch in Sunthausen, Unterbaldingen, Biesingen, Spaichingen oder Geisingen freute man sich schon über „Winterstörche“ statt Zugvögel.

Ab ins Winterquartier

Wohin genau es Bartlers ziehende Freunde in diesem Jahr verschlug? „Das wissen wir leider nicht“, bedauert der Storchenbeauftragte, „seine“ Zugvögel werden nicht mit einem Sender getrackt.

Aus der Vergangenheit aber ist bekannt, dass die Baaremer Störche vornehmlich in Spanien überwintert haben. Das Glück, seine Tiere bei ihren Reisen beobachten zu können, hat der Vogelliebhaber selten. Bei Louis, einem beringen Storch aus Neudingen, war das im vergangenen Jahr der Fall, ebenso bei „Susi“ und „Peter Pan“. Und eigentlich war Bartler stets froh, dass sich seine Tiere eher den kürzeren Winterausflug nach Spanien aussuchten als den weiten bis nach Afrika. Die weite Strecke von Gibraltar nach Marokko werde ihnen nämlich dann oft zum Verhängnis, ließ er im Gespräch wissen.

Wo jetzt Gefahr droht

Dieses Mal jedoch hofft er vermutlich, sie haben sich doch bis nach Afrika getraut. Denn aktuell blüht zahlreichen Weißstörchen aus dem deutschen Südwesten nichts Gutes: Die Vogelgrippe sorgt im Überwinterungsgebiet vieler Störche in Spanien aktuell für ein Massensterben unter den Tieren. Im Großraum Madrid, also auch dort, wo sich im vergangenen Jahr der Baaremer Storch „Susi“aufgehalten hatte, wurden schlimme Nachrichten gemeldet. Laut Presseberichten sterben dort gerade am Fluss Rio Manzanares, wo viele Störche auch aus der hiesigen Region ihre Wintermonate verbringen, zahlreiche Exemplare. Offiziellen Angaben zufolge sei eine hochpathogene Variante der Vogelgrippe die Ursache, mit der sich die Tiere mutmaßlich in Spanien infizierten, vermeldet der Naturschutzbund BUND. Nicht in ihrem „Zuhause“, dem Schwarzwald-Baar-Kreis, wo erst am 18. Dezember der erste Vogelgrippe-Fall der aktuellen Seuchenwelle gemeldet worden ist, sondern auch in der Ferne lauert nun also die tödliche Gefahr.

„Schnell und unerwartet“ könne so ein von kritischen Stimmen auch aktuell mitunter als zu hoch bewerteter Storchenbestand „durch Einflüsse wie Krankheitserreger wieder schrumpfen“, erläutert der NABU-Fachbeauftragte für Weißstörche, Stefan Eisenbarth. Noch könne der Einfluss auf die Population in Baden-Württemberg und der Region nicht beurteilt werden, aber Eisenbarth ist sicher: „Wir werden definitiv Auswirkungen spüren“.