Beim Guss der neuen Glocke sind auch Gäste aus Oberndorf dabei. Und sie sind fasziniert von dem symbolbeladenen Handwerk.
„Fest gemauert in der Erden steht die Form aus Lehm gebrannt. Heute muss die Glocke werden!“ So wie Friedrich Schiller in seinem berühmten Gedicht „Die Glocke“ den Glockenguss beschreibt, erlebten die Oberndorfer Renate Benzler, Wilhelm Haaga, Robert Häring, Walter Boos und Peter Wolf bei der Glockengießerei Bachert in Neunkirchen (Baden), wie die neue, 34 Kilogramm schweren Glocke für die Bergkapelle auf dem Lindenhof gegossen wird.
Die alte, 1784 in Straßburg gegossene, allerdings durch einen Riss beschädigte Glocke hatten die Bürger für Bürger Axel Bechthold, Walter Boos und Robert Häring vor knapp einem Jahr aus schwindelerregender Höhe geborgen. Eine Reparatur der Glocke stellte sich als ziemlich teuer heraus, zudem konnten weder eine lange Haltbarkeit noch ein entsprechendes Klangbild garantiert werden.
Großes Engagement
Renate Benzler erklärte sich spontan bereit, die Kosten für eine neue komplette Glockenanlage zu übernehmen. „Ich habe mich so an das Morgen- und Abendläuten gewöhnt und vermisse es derzeit sehr. Deshalb freue ich mich jetzt schon auf das Läuten der neuen Glocke“, erklärt sie schmunzelnd.
Die Marion und Otto Biesenberger-Stiftung steuert einen namhaften Betrag bei, der für den Einbau der Glocke sowie die notwendigen Sicherungs- und Verbesserungsmaßnahmen am Glockenturm bestimmt ist. Die Bürger für Bürger tragen mit erheblichen Eigenleistungen, so unter anderem bei der Sicherung des Aufstiegs über eine Leiter in den engen Glockenturm, ihr Scherflein zum Gelingen des Projekts bei.
Zunächst stellten Nicolai Wieland, der Geschäftsführer der 1725 gegründeten Glockengießerei Bachert und Sohn des vorherigen Chefs Albert Bachert, und eine Mitarbeiterin dar, wie in zehn Schritten auch heute noch nach dem traditionellen, handwerklich aufwendigen Lehmformverfahren eine Glocke gegossen wird: „Am Anfang steht nicht die Form, sondern der Klang. Für jede Glocke wird zunächst ihr Ton bestimmt“, beschreibt die Firma auf ihrer Webseite den Start in die Herstellungsprozedur einer Glocke.
Großer Aufwand
So sind Kunst und die Erfahrung des Glockengießers gefragt: die exakte Berechnung der sogenannten Rippe, die auf ein Holzbrett gezeichnet und ausgeschnitten wird. Sie wird als Schablone um die Glocke herumgeführt. Nach dem Mauern des Glockenkerns kommen Lehm, Stroh und feine Tierhaare zum Einsatz, um den ersten Glockenkörper sowie den Mantel, die äußere Form, zu formen. Ein Künstler modelliert die „Glockenzier“, also etwa Inschriften, Ornamente, Wappen oder künstlerische Elemente, mit Wachs auf die „falsche Glocke“.
Der Aufbau der Lehmform nimmt doch so viel Zeit in Anspruch, dass bei der Firma Bachert auch nur alle drei Monate Glocken gegossen werden.
Nach einem Gebet, in dem Segen für den Glockenguss erbeten wird, folgte für die Oberndorfer der große, spektakuläre Moment, den Schiller in seinem Gedicht wie folgt beschreibt: „Jetzt, Gesellen, frisch! Prüft mir das Gemisch, ob das Spröde mit dem Weichen sich vereint zum guten Zeichen.“
Und so schütteten zwei „Gesellen“ und der „Meister“ die rotglühende, flüssige, zwischen 1000 und 1100 Grad heiße Bronzemasse– sie besteht aus 78 Prozent Kupfer und 22 Prozent Zinn – in die Glockenform. „Der Glockenguss ist geglückt“, stellte Nicolai Wieland erfreut fest. Der alten Tradition folgend dankten alle Anwesenden mit Fürbitten und dem „Vater unser“ dafür.
„Soll eine Stimme sein von oben, Wie der Gestirne helle Schar“
„Das war sehr interessant und ein tolles Erlebnis“, freuten sich die Oberndorfer. Die Lindenhöfler werden allerdings noch eine Zeitlang warten müssen, bis die Glocke von der Bergkapelle aus mit ihrem Läuten den Morgen und den Abend begrüßt. Erst wenn die Glocke ausgekühlt, ausgegraben sowie bearbeitet ist, wieder an ihrem Joch in der Bergkapelle hängt und die elektronische Steuerung montiert ist, kann die katholische Kirchengemeinde die Glockenweihe feiern.