Das kleine Volk im Norden zeigt dem deutschen Nachbarn, wie man Fernwärme, Windkraft und CO2-Einlagerung in großem Stil angeht. Aus vielem, was in Deutschland als Last empfunden wird, hat man dort ein gutes Geschäft gemacht.
Dänemark ist weltweit Vorreiter im Kampf gegen den Klimawandel – etwa beim unabhängigen Klimaschutzindex von Germanwatch steht das kleine Land zwischen Nord- und Ostsee mit seinen gerade einmal sechs Millionen Einwohnern regelmäßig auf Platz eins (Deutschland hat Platz 16 inne). Und so pilgern Politiker, Unternehmer und Aktivisten aus vielen Staaten zum Staunen und Lernen nach Dänemark.
Mittlerweile liegt der Anteil grünen Stroms bei 75 Prozent – im Jahr 2030 will man bei 100 Prozent sein. In Deutschland sind es derzeit 48 Prozent. Die letzten drei Kohlekraftwerke hätten schon dieses Jahr abgeschaltet werden sollen; nur wegen des Ukraine-Kriegs wurde die Betriebsdauer um ein Jahr verlängert. Und der große dänische Energieversorger Orsted will schon 2025 bei seinen direkten Emissionen klimaneutral sein.
Die Ölkrise hat in Dänemark vieles verändert
Aber man muss auch sagen: Dänemark hat ein halbes Jahrhundert Vorsprung. Das Land war 1973 von der Ölkrise brutal getroffen worden, weil mehr als 90 Prozent der Energie aus importiertem Öl stammte. Während Deutschland bald ein fossiles „Weiter so“ proklamierte, begann Dänemark mit dem Umbau der Strom- und Wärmeversorgung. Die grüne baden-württembergische Umweltministerin Thekla Walker, die jetzt mit einer Delegation aus Wirtschaft und Politik drei Tage lang durchs Land gefahren ist, zeigte sich sichtlich beeindruckt: „Ich wünschte, wir hätten damals ähnliche Schlüsse gezogen.“
Dänemark beweist dabei vor allem, dass Klimaschutz und Energiewende nicht zu einer Schwächung der Wirtschaft führen müssen. Im Gegenteil. Man hat es im Nachbarland sehr gut verstanden, tragfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln – so laufen etwa über den Hafen der kleinen Stadt Esbjerg an der Nordseeküste 80 Prozent aller europäischen Offshore-Windkraftprojekte.
Aber wo konkret könnte Deutschland nun von Dänemark lernen?
Politischer Konsens
Es mag seltsam erscheinen, dass der politische und auch der gesellschaftliche Konsens am Anfang dieses Textes steht – aber erst dadurch sind in Dänemark im Energiebereich schnelle Entscheidungen möglich geworden, die zudem von fast allen mitgetragen werden. Pascal Hector, der deutsche Botschafter in Kopenhagen, formuliert es so: „Hier gibt es kein Nimby-Problem.“ Die Abkürzung steht für „Not in my backyard“, im Deutschen besser bekannt als Sankt-Florians-Prinzip.
Natürlich sind auch in Dänemark politische und gesellschaftliche Konflikte an der Tagesordnung. Aber offenbar drückt man sich dort weniger vor der gemeinsamen Verantwortung. So haben Regierung und fast die gesamte Opposition im Jahr 2019 ein ehrgeiziges Klimakonzept erarbeitet – auch bei einem Regierungswechsel bleibe dies in Kraft, betont Stine Leth Rasmussen von der dänischen Energieagentur. Daraus resultiere Stabilität und Planungssicherheit. Zudem werden in Dänemark viele Projekte in öffentlich-privater Partnerschaft durchgeführt; etwa bei den Unternehmen, die CO2 in der Nordsee speichern wollen, ist eine 20-prozentige staatliche Beteiligung Pflicht.
Daneben ist das Vertrauen der Menschen in staatliche Einrichtungen deutlich höher als in Deutschland. Dieses Vertrauen wird auch gestärkt dadurch, dass Projekte im Dialog mit der Bevölkerung angegangen werden – zum Beispiel haben viele Kommunen „Klimaübersetzer“ angestellt. Diese sollen die Bedürfnisse der Einwohner ermitteln und den Sinn von Klimaschutzmaßnahmen vermitteln.
Energieeffizienz
In Deutschland liegt der politische Fokus beim Ausbau der erneuerbaren Energien – Stromsparen ist eher ein Randthema, das die Politik den Verbraucherzentralen und Energieberatungsstellen überlässt. Dagegen hat Dänemark schon vor Jahrzehnten einen Schwerpunkt auf die Energieeffizienz gelegt. Das Ergebnis: In den letzten vier Jahrzehnten hat sich das nationale Bruttoinlandsprodukt mehr als verdoppelt, während der Energieverbrauch nur um sechs Prozent gestiegen ist.
Die starke Digitalisierung hat das Sparen oder zumindest die kluge Nutzung der vorhandenen Energie sehr befördert. So besitzt jedes Haus einen intelligenten Stromzähler, und es existieren variable Strompreise – am frühen Abend kostet die Energie teils fünfmal so viel als in der Nacht. Es lohnt sich also finanziell sehr, die Waschmaschine oder das Autoladegerät zu günstigen Zeiten anzuschließen.
Erneuerbare Energien
So weit das Auge reicht, lagern im Hafen von Esbjerg Teile von Windrädern, Rotoren und Turmteilen, manche so groß wie ein Einfamilienhaus. 59 Offshore-Windparks seien bereits von hier aus installiert worden, sagt Hafendirektor Dennis Juul Pedersen. Und obwohl Dänemark schon viel erreicht hat, sind die weiteren Ziele gigantisch. Bis 2030 will das Land die Offshore-Leistung von derzeit 2,3 auf 12,9 Gigawatt verfünffachen, betont Christian Bjerrum Jørgensen, der Energieberater der dänischen Botschaft in Berlin. Die Energie aus Solaranlagen soll sich gar versechsfachen. Deutschland ist in dieser Beziehung aber nicht schlecht – derzeit sind offshore 8,1 Gigawatt Windkraft installiert. In Relation zur Einwohnerzahl liegt Dänemark dennoch um das Vierfache vorne.
Dänemark plant zum Beispiel in Nord- und Ostsee je eine Energieinsel, jede so groß wie 65 Fußballfelder. In diesen Energiekreuzen soll der Strom mehrerer Windparks gebündelt und nach Dänemark und in andere Länder weitergeleitet werden. Am Ende sollen allein mit den beiden Inseln zehn Millionen Einwohner mit Strom versorgt werden – ein Großteil würde also unweigerlich in den Export gehen. Daneben will man direkt dort überschüssigen Strom in Wasserstoff oder Ammoniak umwandeln und auf diese Weise speicherbar machen.
Fernwärme
Aufgrund des langen zeitlichen Vorlaufs sind bereits zwei Drittel aller Haushalte in Dänemark an ein Fernwärmenetz angeschlossen – in Deutschland sind es gerade einmal 14 Prozent. Zwar werden manche Kraftwerke, die Fernwärme produzieren, auch in Dänemark noch mit fossilen Brennstoffen betrieben, aber dies macht nur noch rund ein Viertel aus.
Und es werden enorme Anstrengungen unternommen, auch dieses Viertel auf grüne Energien umzustellen. In der Stadt Kalundborg etwa hat der örtliche Versorger eine große Wärmepumpe in Betrieb genommen, die das 25 Grad warme Abwasser der Stadt nutzt. Im Winter produziert allein diese Anlage 30 Prozent der benötigten Wärme in der ganzen Stadt. Und auch hier zeigt sich der Unternehmenschef Hans-Martin Friis Moller geschäftstüchtig: „In nur zweieinhalb Jahren haben sich die Investitionen von acht Millionen Euro amortisiert.“ Deutschland holt hier auf, aber langsam: In Mannheim ist jetzt eine große Rheinwasserpumpe in Betrieb gegangen, in Tübingen wird ebenfalls eine Abwasser-Wärmepumpe geplant.
Noch größer ist die Seewasser-Wärmepumpe in Esbjerg – die 70-Megawatt-Anlage, verteilt auf mehrere Hallen, steht kurz vor der Inbetriebnahme. Es soll sich um die größte Anlage dieser Art weltweit handeln, und sie wird bald 100 000 Menschen mit Wärme versorgen. Selbst im Winter, wenn das Nordseewasser gerade einmal vier Grad hat, werde sie noch einwandfrei funktionieren, sagt Claus Nielsen vom Versorger DIN: „Wegen des Salzgehaltes gefriert das Wasser erst bei minus ein Grad.“
Einen hohen Anteil an der Fernwärme hat auch das Biogas. Während in Deutschland vor allem Landwirte viele kleine Anlagen betrieben, gebe es in Dänemark fast nur große industrielle Anlagen, sagt Botschafter Pascal Hector – der Anteil des Biogases am gesamten Gasverbrauch liegt deshalb bereits bei 39 Prozent (Deutschland ein Prozent). Ab 2025 darf kein Mais als Grundstoff mehr verwendet werden, vielmehr kommen Gülle, Abfälle aus Schlachthöfen oder Stroh zum Einsatz: „Die Konkurrenz zu Lebensmitteln gibt es deshalb in dänischen Biogasanlagen nicht so stark“, sagt Hector.
Ziel ist es, bis 2030 gar kein fossiles Gas mehr zu verwenden. Die 345 000 Haushalte, die heute noch mit Erdgas heizen, sollen bis dahin auf Fernwärme oder Wärmepumpen umgestellt sein, betont Christian Bjerrum Jørgensen. Das Biogas soll dann vor allem der Industrie vorbehalten bleiben. Übrigens: Gas- und Ölheizungen sind in Dänemark in Neubauten schon seit 2013 verboten, in Bestandsbauten dürfen beim Austausch der Heizung seit 2016 keine fossilen Brennstoffe mehr verwendet werden. Auch hier hat Dänemark also mehr als zehn Jahre Vorsprung vor Deutschland.
CO2-Speicherung
Die dänischen Bürger seien für die Speicherung von Kohlendioxid in leeren Gashohlräumen unter der Nordsee sehr offen, sagt Stig Aagaard von der dänischen Botschaft. Die Öl- und Gaskonzerne sähen darin eine Möglichkeit, einen Ersatz für ihr auslaufendes Geschäftsmodell zu finden. Und auch der Staat träumt von großen Einnahmen – allein die derzeit bekannten Lagerstätten reichten aus, um 500-mal so viel Kohlendioxid zu speichern, wie Dänemark derzeit jährlich ausstößt. Aber das Land will ja in wenigen Jahren klimaneutral sein und bietet deshalb auch Deutschland an, dessen überschüssiges CO2 zu übernehmen.
Was sich aus deutscher Sicht noch wie Zukunftsmusik anhört, ist in Dänemark Realität: Das Projekt Greensand ist das erste europäische Pilotprojekt zur CO2-Speicherung, das im März in Betrieb genommen wurde. Bisher wurde erst das Kohlendioxid aus zwei Containern im Nordseeuntergrund verpresst, aber 2026 solle es in größerem Stil losgehen, sagt Peter Hindsberger von Ineos, das Greensand derzeit vorantreibt.
Auf eine Pipeline zur Durchleitung des CO2 von beispielsweise nach Baden-Württemberg nach Dänemark müsse niemand warten, betont Hindsberger. Das Kohlendioxid lasse sich bei zehn Bar und minus 30 Grad in Containern per Lastwagen oder Bahn transportieren; in solchen Containern werde das Gas dann per Schiff zu der Öl- oder Gasplattform gebracht, von wo es in die Hohlräume gepumpt werde. Bis 2030 sind rund 30 Projekte geplant, bei denen zusammen 50 Millionen Tonnen Kohlendioxid gespeichert werden könnten – das entspricht etwa dem Zweifachen des derzeitigen CO2-Ausstoßes ganz Dänemarks pro Jahr. Im Moment sei die Speicherung noch teuer, weshalb der dänische Staat einen Fonds mit 3,6 Milliarden Euro aufgelegt hat.
„Da unten ist alles sicher“, betont Hindsberger. In Deutschland dagegen warnt etwa Greenpeace davor, dass dieses sogenannte CCS (Carbon Capture Storage) riskant, teuer und wenig effizient sei.
Die Wärmeplanung im Südwesten stammt ebenfalls aus Dänemark
Insgesamt, so betont Tobias Brinkmann vom Verband Kommunaler Unternehmen, ließen sich manche Projekte nicht einfach von Dänemark übernehmen. Er war bei der Reise mit der Umweltministerin auch dabei. Zum Beispiel gebe es in Baden-Württemberg zu wenig überschüssigen und grünen Strom, um eine größere Wasserstoffproduktion aufzubauen. Dennoch will sich Thekla Walker nochmals mit den Teilnehmern zusammensetzen, um zu besprechen, was gute Ideen auch für den Südwesten wären.
Dass dies keine Floskel ist, bewies schon eine Reise nach Dänemark des früheren Umweltministers Franz Untersteller: Er brachte von dort die Idee einer kommunalen Wärmeplanung mit – in Baden-Württemberg sind größere Städte schon jetzt verpflichtet, Konzepte zum Ausbau der Nah- und Fernwärmenetze vorzulegen. Bundesweit wird dies erst in einigen Jahren eingeführt.