Während des Flugs bleibt auch mal Zeit für ein Selfie. Foto: Haag

Ein kleiner Fehler kann bei Philipp Haag über Sieg oder Niederlage entscheiden. Bei seinen Gleitschirmrennen hoch über den Wolken geht es aber auch immer um mehr, denn der Seedorfer hat sein Herz an eine Extremsportart verloren.

Ob über den Wolken Kolumbiens, in den Lüften Marokkos oder einfach nur hoch oben über dem Schwarzwald - Philipp Haag kennt die Welt bei seinem Sport nur von oben. Seit nun mehr 13 Jahren sitzt der Seedorfer bei Gleitschirmrennen rund um den Globus alleine im Cockpit und kämpft dabei auf über 4000 Metern nicht nur gegen seine Kontrahenten, sondern auch gegen die Bedingungen. 

 

Sein Vater nimmt ihn mit sechs zum ersten Mal mit 

"Mit sechs bin ich zum ersten Mal bei meinem Papa mitgeflogen. Mit 14 habe ich dann die zweijährige Ausbildung begonnen und seitdem fliege ich alleine", sagt der 27-Jährige auf Nachfrage. Haag gehört zu den weltbesten Gleitschirmfliegern. Das konnte er erst jüngst beim Weltcupfinale im mexikanischen Valle de Bravo beweisen. 

„Die Leistung von Philipp war beeindruckend. Er ist den stärksten Wettbewerb seiner Karriere geflogen und lag in der Mitte des Rennens sogar auf Platz eins“, erklärt Teamchef Harry Buntz auf der Seite des Deutschen Gleitschirm- und Drachenflugverbands. Für den Platz ganz oben auf dem Siegertreppchen sollte es am Ende nicht ganz reichen, doch auch mit Rang zwei kann der 27-Jährige sehr gut leben. Zumal Haag auch mit einer ganz anderen Erwartungshaltung an den Start gegangen ist. "Mein Ziel waren die Top 30. Die Chance zu gewinnen, ist einfach sehr gering", erklärt der Seedorfer. 

"Die Top-Zehn-Flieger sind alles Profis"

Das liegt in erster Linie am starken Teilnehmerfeld, wie der 27-Jährige sagt. "Das Niveau beim Super-Final ist nochmal höher als bei der WM, weil hier nur die Besten dabei sind. Bei den Weltmeisterschaften hat jedes Land ja zwei bis vier Startplätze. Die Top-Zehn-Flieger sind auch alles Profis. Die fliegen den ganzen Tag und sind beispielsweise bei Flugschulen beschäftigt." 

Philipp Haag kann das von sich selbst nicht behaupten. Zusammen mit seinem Vater Bernd Haag leitet er eine Unternehmensberatung. "Beim Gleitschirmfliegen verdient man nichts. Man muss sich alles selbst finanzieren. Sponsoren sind auch eher rar und Preisgeld ist auch nicht die Regel", sagt der Seedorfer. Um das Finanzielle geht es dem 27-Jährigen aber auch nicht, wie er auf Nachfrage erklärt: "Ziel ist es immer, Spaß zu haben. Der Rest ist dann Nebensache und am Ende ist es auch immer noch mein Hobby." 

Haag fliegt lieber auf Sicherheit

Eine Einstellung, die dem Seedorfer in Mexiko wahrscheinlich den Sieg gekostet hat. Zumindest gibt er zu: "Nachdem ich auf Platz eins war, wollte ich unverändert weiterfliegen. Das hat sicherlich Einfluss auf das Ergebnis gehabt, da ich nicht mehr so offensiv geflogen bin. Aber ich lande lieber auf Platz fünf, als noch einen großen Fehler zu machen." 

Insgesamt 15 Tage – davon zehn Wettkampf- und einen Trainingstag – hat der 27-Jährige am mexikanischen Fliegerort verbracht. Wie üblich nutzt Haag dafür seinen Urlaub. Deswegen sagt er auch: "Ich sehe durch den Sport immer wieder neue Länder. Am Anfang der Saison entscheide ich dann immer auch danach, wo ich noch nicht war. 2023 möchte ich beim Weltcup in Spanien und Rumänien starten."

Der Weg ist steinig und schwer

Normalerweise finden im Jahr fünf bis sieben Weltcups statt. Der Weg von ganz unten bis zum Weltcupfinale ist dabei ein steiniger, wie Haag erklärt. Über die jeweiligen Landesmeisterschaften, hin zur deutschen Gleitschirm-Liga bis letztlich zur deutschen Meisterschaft sind es viele Stationen. Hat man es dann in den Weltcup geschafft, muss einem nur noch ein Top-20-Platz bei einer der Austragungen gelingen. Der Seedorfer konnte diese Hürde bereits bei der ersten Station in Kolumbien nehmen. Er war somit schon früh im Jahr 2022 für das Super-Final qualifiziert – nach seiner Teilnahme 2019 beim Finale in Brasilien bereits der zweite Start für den Hobby-Flieger.

Flugort ist dem Finale entsprechend anspruchsvoll

Zu den Besonderheiten in Mexiko sagt der 27-Jährige: "Vor allem das extrem stabile Wetter ist außergewöhnlich. Die Tücken liegen im recht starken Aufwind. Dafür muss man schon ein erfahrener Pilot sein, aber das ist ja auch gut für das Finale." 

Haag ist durchaus bewusst, dass auf bis zu 4000 Metern Höhe immer etwas passieren kann – einen doppelten Boden suchen die Sportler vergebens. Doch der Seedorfer erklärt: "Gleitschirmfliegen zählt zwar zu den Extremsportarten, aber meiner Meinung ist es nicht so. Bei Wettkämpfen passiert selten etwas. Wir sind da schon auf volle Sicherheit aus."  

Vor allem während Frei-Flügen kann er genießen

Die Faszination am Gleitschirmfliegen macht für ihn vor allem die Kombination aus Sport und Freiheit aus oder wie er es sagt: "Man fühlt sich wie ein freier Vogel." Die Natur begleite den 27-Jährigen während den Flügen dabei immer. Ob bei Wettkämpfen, auch wenn er dort noch mehr im Tunnel ist, oder während Frei-Flügen: Philipp Haag genießt die Zeit, wenn er wieder in sein Cockpit steigen darf.