Demonstrierende in Berlin im Jahr 2021: „Brüste sind keine Belästigung der Allgemeinheit.“ Foto: imago/Stefan Zeitz

Was unterscheidet Männer und Frauenbrüste? Der weibliche Busen, die Nippel sind sexualisiert und schambesetzt. Das war nicht immer so. Seit einiger Zeit gibt es wieder eine starke Bewegung für mehr Gleichheit und Freiheiten.

Angefangen hat es in einem Göttinger Hallenbad. Im Jahr 2021 zeigte sich eine nicht-binäre Person dort ohne Bikinioberteil. Da das Badepersonal in dem Gast eine Frau sah, erteilte es einen Schwimmbadverweis sowie Hausverbot wegen Oben-ohne-Badens. An einem Berliner Wasserspielplatz ist im selben Jahr Ähnliches geschehen. Berufen hatten sich die Behörden auf Paragraf 118 des Ordnungswidrigkeitengesetzes, wonach eine „grob ungehörige Handlung“ erfolgt sei. In beiden Fällen folgte Empörung, Feministinnen protestierten oben ohne in Berlin, skandierten: „Brüste sind keine Belästigung der Allgemeinheit.“ Warum sollen Frauenkörper, Frauenbrüste eine Ordnungswidrigkeit sein?

 

Mit der Festlegung, wer in der Gesellschaft welchen Körperteil nackt zeigen darf und wer nicht, wer welche Kleidung zu tragen hat, werden seit jeher Machtverhältnisse ausgedrückt. Frauenbrüste sind politisch. Oben-ohne-Demonstrationen dienen Feministinnen als aktionistisches Mittel: vom „Busen-Attentat“ der 68er auf Theodor W. Adorno 1969 in Frankfurt am Main bis hin zu den Auftritten der ukrainischen Gruppe Femen vor rund 15 Jahren. Während der männliche Oberkörper im Schwimmbad oder auf der Baustelle ohne Aufsehen entblößt wird, ist die weibliche Nacktheit mit Scham besetzt und wird sexualisiert.

Scham als „gesellschaftlich gezüchtete Angst“

Das war nicht immer so. Scham für die Brust entstand in Europa erst am Ende des Mittelalters. In ihrem aktuellen Buch „Oben ohne“ zeichnet die Journalistin Julia Fritzsche nach, wie es zur Sexualisierung der Brust gekommen ist. Vor dem 17. Jahrhundert sei der gesellschaftliche Umgang mit Nacktheit noch freier gewesen: „Aufwendige Gemälde, erhaltene Kostüme sowie illustrierte Balladenbücher, die populärsten Medien der Zeit, belegen, dass Königinnen, Adlige und Prostituierte häufig eine oder beide Brüste in der Öffentlichkeit nackt zeigten, so unter anderem Königin Mary I. von England.“

Was änderte sich dann? Der Soziologe Norbert Elias erklärte es in seiner Zivilisationstheorie. Nachdem die Menschen Hunderttausende von Jahren in kleinen Gruppen autark gelebt hatten, kamen sie im Laufe des Mittelalters in den Städten enger zusammen. Während man im 14. oder 15. Jahrhundert noch unbefangen miteinander umgegangen sei – in zeitgenössischen Darstellungen badeten alle Geschlechter nackt in Badeanstalten, private Schlafzimmer gab es nicht – änderte sich das mit der modernen Arbeitsteilung von Haus und Hof und der Einteilung in öffentliche und private Orte. Zunehmend tabuisierte man körperliche Bedürfnisse, Tischmanieren entwickelten sich, Kleiderordnungen, Badesitten. Noch heute gilt: Wenn jemand sich in Bezug auf diese Regeln normabweichend verhält, findet man das peinlich, passiert es uns selbst, empfinden wir Scham, eine „gesellschaftlich gezüchtete Angst“, so Norbert Elias.

Schamempfinden ist demnach ein gesellschaftlicher Prozess. Es unterliegt Veränderungen. Mit Mechanismen wie Bodyshaming, also der Beschämung einzelner aufgrund körperlicher Merkmale, kann Macht ausgeübt werden: Kaum eine Frau, die noch nie Kommentare zu ihren Brüsten bekommen hat, egal, wie groß, klein, hängend oder fest diese sind. Kaum eine Frau auch, die noch nie ungebeten oder unpassend auf die Sichtbarkeit ihrer Brustwarzen unter der Kleidung angesprochen worden ist. Warum ist ein weiblicher Nippel peinlich und ein männlicher nicht?

Die Brust wurde zum Objekt des Begehrens

Am Ende des Mittelalters begann die öffentliche Assoziation von weiblicher Nacktheit mit Begierde. Die nackte Frau war plötzlich etwas Erotisches, Vorstellungen von partnerschaftlicher Liebe kamen auf. Der weibliche Busen, bis dahin jenseits seiner mütterlichen Sorgefunktionen kaum beachtet, wurde zum Sehnsuchtsobjekt männlichen Begehrens. Christliche Missionare verbreiteten die Vorstellung vom sündigen, verführenden weiblichen Körper in die entlegensten Orte dieser Welt, wo bis dahin vielerorts unbefangen mit entblößten Brüsten umgegangen worden war.

Heute gilt der weibliche Busen als sekundäres Geschlechtsmerkmal, nach wie vor als etwas Erotisches. Schönheitsideale änderten sich laufend, doch der Busen ist immer von Interesse, wird im „Playboy“ gezeigt, lange prangten obenrum nackte Frauen in der „Bildzeitung“ gleich neben Werbung für Staubsauger und Autos. Die Frau als Objekt der Begierde – daran hat die Werbe- und Medienindustrie jahrzehntelang mitgewirkt.

Das hatte Folgen. Forschende konnten in Studien nachweisen, dass sowohl Männer als auch Frauen leicht bekleidete Frauenkörper auf Fotografien eher als Objekt wahrnehmen denn als Mensch. Männer wurden trotz entsprechend freizügiger Outfits noch als Personen wahrgenommen, Frauen nicht. Das zeigte sich in den Hirnaktivitäten der Probanden. Die Teilnehmenden erkannten außerdem die Körperteile der Frauen besser wieder, ohne den Kopf dazu zu sehen. Jeroen Vaes von der Universität Trento in Italien konnte bei einer dieser Studien aber auch zeigen, dass es nur wenig braucht, um von der Objektifizierung wieder weg zu kommen: Einige persönliche Informationen reichten, um die Gezeigte nicht mehr als Objekt, sondern als Mensch wahrzunehmen.

Dass der weibliche Busen im Alltag so viele Jahre lang entweder verhüllt und tabuisiert oder eben sexualisiert dargestellt wurde, verwandelte ihn also von einem normalen Körperteil in ein bloßes Objekt, das der Erregung des meist männlichen Blicks diente. Das zu ändern, darum geht es feministischen Gruppen: etwa der Vereinigung „Gleiche Brust für alle“, die sich im Alltag, mit Petitionen und bei „Oben-ohne-Demos“ für mehr Gleichheit und Freiheiten einsetzt. Auch Prominente haben in den vergangenen Jahren das Thema aufgegriffen.

Wie das Silicon Valley Brüste zensiert

Am interessantesten aus dieser Reihe ist der Nippel-Bra von Kim Kardashian: ein mit falschen, deutlich sichtbaren Nippelkonturen aufgerüsteter Push-up-BH, den Kardashian 2023 auf den Markt gebracht hat. Er ist ein Gegentrend zu all den Nippelabklebern und Siliconpatches, die unter dünnstoffigen BHs oder Shirts auf die Brustwarzen geklebt werden, um diese zu verstecken. Aus sozialen Netzwerken werden weibliche Nippel seit jeher verbannt. Das männlich dominierte Silicon Valley hat die Regeln aufgestellt für den Umgang mit weiblicher Nacktheit bei Instagram, Facebook und anderen – und die sind, traditionell amerikanisch, ziemlich prüde. Weibliche Nippel werden zensiert, ebenso wie bestimmte Hashtags, etwa #nipple oder #boobs. Feministinnen hatten sich vor einigen Jahren mit der Aktion „Free the nipple“ für mehr Freiheiten eingesetzt, viele Prominente aus der amerikanischen Medienindustrie unterstützten die Kampagne.

In diese Reihe stellt sich Kim Kardashian mit ihrem Nippel-BH, über den viele spotteten. Weshalb sollten Frauen sich künstliche Brustwarzen drunter ziehen? Doch der Nippel-Bra – weniger in seiner Alltagstauglichkeit denn als eine Art kunstvoller Kommentar – verweigert ostentativ das Tabu der Brustwarze, indem er ihre Existenz ultrasichtbar vorführt. Er liefert sie dem männlichen Blick aber nicht aus, sondern präsentiert einen Stellvertreter und kennzeichnet damit den weiblichen Körper als etwas, das sich diesem entziehen will. Der BH drückt aus: Mein Körper gehört mir.

Der Umgang mit bloßen weiblichen Brüsten war nicht nur im Mittelalter, auch in der jüngsten Vergangenheit schon einmal freizügiger als zuletzt. Die Frauenbewegung in den 1960er, 70er- und 80er-Jahren forderte nicht nur gleiches Gehalt und gleiche Chancen für Frauen, sondern auch eine selbstbestimmte Sexualität. Die österreichische Künstlerin Valie Export etwa führte den Warencharakter des Frauenkörpers in ihrer Performance „Tapp- und Tastkino“ 1968 vor, bei der sie sich einen Guckkasten mit kleinem Vorhang vor die nackten Brüste schnürte, Passanten sollten hinein fassen.

In Folge dieser Frauenbewegung war es in vielen europäischen Ländern von da an normal, oben ohne zu baden. Der nackte weibliche Oberkörper war an Urlaubsorten wie der Côte d’Azur damals die Regel, galt als natürlich. Auch im Alltag trugen Frauen häufig keinen BH oder einen aus dünnem Stoff, wodurch sich Brustwarzen sichtbar abzeichneten. Während die Feministinnen in den 70ern ihre Büstenhalter verbrannten, entstand mit der Verbreitung von Push-up-BHs in den 90ern eine Bewegung, bei der Nippel wieder unter einem dicken Polster verborgen, Brüste künstlich verpackt wurden. Sah man sie versehentlich nackt und echt, wie beim Auftritt der Sängerin Janet Jackson am Superbowl 2004, taugte das zum Skandal: „Nipplegate“ wurde der Vorfall genannt, bei dem Jacksons rechte Brust kurz entblößt war.

Zurück zu mehr Normalität und einer Entsexualisierung weiblicher Körper

Zurück in Göttingen zeigt sich heute, einige Jahre nach dem Vorfall mit dem non-binären Badegast, dass die Regeln in öffentlichen Bädern toleranter geworden sind. Nicht nur in der niedersächsischen Stadt, auch in vielen anderen Orten der Bundesrepublik ist oben ohne heute erlaubt. Obwohl noch nicht viele Badegäste das Angebot nutzen, soll so nach und nach wieder mehr Normalität und eine Entsexualisierung weiblicher Körper erreicht werden. Ein ungezwungener Umgang mit weiblichen Brüsten könnte dann allen Geschlechtern helfen, denn auf diese Weise werden unterschiedliche Körper sichtbarer: Brüste von Transmenschen und von Frauen, die Brustkrebs hinter sich haben. Ihnen wird von Ärzten oft nahegelegt, operiertes Brustgewebe künstlich aufzubauen, um wieder eine „normale“ Brust zu haben. Das geschieht, obwohl viele eigentlich beileibe keine weitere Operation ertragen wollen.

Was ist schon normal? Der Drang auf äußerliche Erkennbarkeit des Geschlechts über die Ausformung der Brust spiegelt auch den Wunsch nach einer festen binären Einteilung der Geschlechter wider. Und die verliert gerade für jüngere Menschen seit einigen Jahren rapide an Relevanz.

Literatur zum Thema

Marilyn Yalom: Eine Geschichte der Brust.
Marion von Schröder,478 Seiten, 23,99 Euro.

Julia Fritzsche: Oben ohne.
 Edition Nautilus, 216 Seiten, 18 Euro.

Miku Sophie Kühmel, Linus Giese (Hgg.): Brüste. Eine Anthologie.
 Klett-Cotta, 176 Seiten, 20 Euro. 

Natanja von Stosch, Juliet Kothe: Boobs in the Arts: Fe:male Bodies in Pictorial History (Englisch).
 Distanz Verlag, 288 Seiten, 44 Euro.