Trotz der schwindenden gesellschaftlichen Bedeutung der Kirchen ist Erich Hartmann bis heute gerne Dekan – und seit gut 20 Jahren in Calw im Dienst.
Angesichts vielfältiger Veränderungen sieht sich die Evangelische Kirche neuen Herausforderungen gegenüber. Unsere Redaktion sprach mit dem Dekan des Kirchenbezirks Calw-Nagold, Erich Hartmann, über die Zukunft von Glaube und Kirche.
Herr Hartmann, als sie 2004 ihren Posten antraten, waren sie mit 43 Jahren der jüngste Dekan in der württembergischen Landeskirche. Sind Sie inzwischen der dienstälteste?
Ja, tatsächlich bin ich der dienstälteste Dekan der Landeskirche – gemeinsam mit einer Kollegin, die allerdings ihre Stelle zwischendurch gewechselt hat.
Warum sind Sie Pfarrer geworden?
Die frei- und frohmachende Botschaft des Evangeliums hat mich schon immer fasziniert – schon als Kind und Jugendlicher war ich kirchlich engagiert. Über Kinderkirche, Schülerbibelkreis, Jungschar, Organistendienst etc. bin ich rasch in Glaube und Kirche hineingewachsen – und schon ganz früh ist der Entschluss gereift, Theologie zu studieren und Pfarrer zu werden. Das habe ich keinen Tag meines Lebens bereut.
Und warum wollten Sie seinerzeit Dekan werden?
Als Gemeindepfarrer in einer recht großen Weinbaugemeinde im Unterland (Flein) habe ich bereits viele Aufgaben im Kirchenbezirk nebenher mit übernommen. Gremienarbeit hat mir schon immer Spaß gemacht, und die Möglichkeit, Dinge selbst gestalten zu können, hat mich gereizt. Leitung und die Möglichkeit, gemeinsam mit anderen zukunftsfähige Strukturen zu schaffen, fand und finde ich immer noch reizvoll.
Haben Sie die Entscheidung schon einmal bereut?
Keinen Tag! Bis heute bin ich gerne Dekan – trotz aller Veränderungen und Herausforderungen, die die Zeit mit sich gebracht hat.
Was ist Ihnen besonders wichtig bei Ihrer Arbeit?
Es gibt keine fantastischere Botschaft als die: Gott liebt seine Menschen – egal wie sie sind, was sie geprägt hat, woher sie kommen, was ihr Leben ausmacht. Jede und jeder sind wertvoll und wertgeachtet vor seinen Augen. Nichts kann uns trennen von Gottes Liebe. Diese Botschaft muss zu den Menschen. Aber veränderte Rahmenbedingungen und neue Herausforderungen erfordern auch neue Herangehensweisen. Dafür Raum und Strukturen zu schaffen, ist mir wichtig. Und dabei andere mitzunehmen, in Gremien „auf Augenhöhe“ unterwegs zu sein, gemeinsam gute Lösungen zu finden und darauf achten, dass niemand unterwegs verloren geht – darauf kommt es an.
Hat sich Ihre Arbeit in den vergangenen 20 Jahren verändert?
Ja, sehr! Insbesondere die Fusion der beiden ehemaligen Kirchenbezirke Calw und Nagold im Jahr 2019 hat große Veränderungen mit sich gebracht. Hinzu kommt, dass es zur Zeit sehr herausfordernde Veränderungsprozesse gibt (Pfarrplan, Immobilienkonzeptionen, etc.), die im Grunde alle gleichzeitig bewältigt werden müssen. Das ist anstrengend und bindet mehr Kräfte im jetzt größeren Kirchenbezirk als das in meinen Anfangsjahren der Fall war.
Überall muss gespart werden, auch in der württembergischen Landeskirche. Die Folge sind wegfallende Pfarrstellen, Fusionen von Kirchengemeinde und Gebäude, die verkauft werden müssen. Wie stark treffen die Einschnitte den Kirchenbezirk Calw-Nagold?
Wie alle Kirchenbezirke treffen uns die Veränderungsprozesse sehr. Wir beklagen in der Landeskirche stark rückläufige Mitgliederzahlen. Jedes Jahr verlieren wir zur Zeit über tausend Gemeindeglieder im Kirchenbezirk. Bedingt ist dies allerdings mehr noch durch den demografischen Wandel als durch Austritte. Das führt dazu, dass wir bis 2030 von den zur Zeit noch 45 Pfarrstellen über zehn Pfarrstellen aufgeben müssen. Und bei den Gebäuden sieht es so aus, dass wir bei den weit über 200 Gebäuden im Kirchenbezirk - davon allein ca. 80 Kirchen - Festlegungen treffen müssen, welche Gebäude auch mittel- und längerfristig mit landeskirchlichen und kirchenbezirklichen Mitteln gefördert werden können. Das wird dazu führen, dass wir einzelne Gebäude auch komplett aufgeben müssen – Gebäude, an denen in den Gemeinden zum Teil sehr viel Herzblut hängt.
Was sind momentan die größten Herausforderungen für Sie als Dekan?
Die Pfarrstelle an der Stadtkirche war jetzt sehr lange vakant – das hat auch für mich zusätzliche Aufgaben mit sich gebracht – aber ich bin froh, dass die Kolleginnen und Kollegen in Calw das gut mitgetragen haben. Größer noch war und ist die Herausforderung, in all den anstehenden Veränderungsprozessen die Gemeinden und die Gemeindeglieder gut einzubeziehen. Wir können die notwendigen Entscheidungen ja nicht einfach über die Köpfe hinweg treffen, sondern müssen die Notwendigkeiten transparent machen, die Menschen mitnehmen und gemeinsame, von möglichst vielen getragene Entscheidungen treffen.
Und für die Kirche?
Natürlich nehmen wir als Kirche einen gewissen Bedeutungsverlust in der Gesellschaft wahr. Die Selbstverständlichkeit, als Kirche auch im gesellschaftlichen Diskurs gefragt zu sein und gehört zu werden, ist eher rückläufig. Das muss kein Schaden sein, sondern könnte auch bedeuten, dass wir uns wieder mehr auf unsere Kernaufgabe beschränken. Trotzdem gilt: Selbstverständlich hat das Evangelium auch Auswirkungen darauf, wie wir uns als Christen in der Welt verstehen. Kirche muss auch in Zukunft eintreten für die Schwachen und die Benachteiligten in der Gesellschaft, sie muss nicht nur Partei ergreifen, sondern auch etwas tun für die, die in unserer Welt zu kurz kommen oder durch ihre Herkunft, ihre Prägung oder ihre Abstammung Benachteiligung oder Ausgrenzung erfahren. Menschenwürde und Nächstenliebe sind Grundpfeiler unserer christlichen Überzeugung.
Wissen Sie, wie viele Kirchenaustritte es im vergangenen Jahr im Kirchenbezirk Calw-Nagold gab?
Die Zahlen für 2024 liegen uns noch nicht vor. Aber wir haben einen jährlichen Mitgliederschwund von ca. 1,5-1,8 Prozent. Der kleinere Teil davon geht auf Austritte zurück. Bei derzeit etwa 52 000 Gemeindegliedern sind das trotzdem um die 300 bis 400 Austritte.
Wie weh tut diese Zahl?
Jede und jeder Einzelne, der oder die der Kirche den Rücken kehrt, tut weh. Wir schreiben in aller Regel Ausgetretene an und suchen das Gespräch. Meist sind es finanzielle Gründe, gelegentlich sicher auch mehr inhaltliche Gründe. Aber gerade darüber würden wir mit den Einzelnen gerne reden. Und: Es gibt immer auch wieder Menschen, die in die Kirche eintreten oder wieder eintreten. Das freut uns natürlich besonders.
Lassen sich aus Ihrer Sicht Glaube und Kirche trennen?
Ich bin schon der Meinung, dass christlicher Glaube am besten in einer guten Gemeinschaft gelebt werden kann. Mit unseren Gottesdiensten, Gemeindegruppen, Chören, usw. möchten wir Orte bieten zum gemeinsamen Hören, Beten, Singen und Tun.
(Wie) kann die Kirche die Menschen hier im Landkreis Calw noch erreichen?
Das Angebot der Kirchen ist vielfältiger und bunter als mancher glaubt. Von den kirchlichen Kitas und der Jugendkirche choy bis zu Seniorenfreizeiten ist sehr viel geboten. Bei der Vesperkirche erreichen wir täglich ca. 500 bis 600 Menschen, die sich am Tisch begegnen, Teilhabe erleben und miteinander ins Gespräch kommen. Auch die große Bandbreite unterschiedlichster Gottesdienstformen, aber auch Konzerte und die vielfältigen diakonischen Angebote möchte ich nennen.
Was wünschen Sie sich für Ihren Kirchenbezirk?
Ich wünsche mir, dass wir unsere Vielfalt als Reichtum entdecken, dass wir den Blick über den eigenen Kirchturm hinaus wagen und dabei entdecken, wie bunt und fröhlich man den Glauben leben kann und lebt. Ich wünsche mir, dass wir aufmerksam und achtsam miteinander umgehen, und dass wir einen Blick behalten, für die, die Hilfe und Unterstützung brauchen, und sie mit hineinnehmen in eine tragende Gemeinschaft.
Wie lange dauert Ihre Amtszeit noch?
Ich werde in diesem Jahr 65 Jahre alt. So knapp zwei Jahre muss oder darf man noch mit mir rechnen – so Gott will und ich gesund bleibe.
Was wollen Sie in Ihren verbliebenen Berufsjahren unbedingt noch schaffen?
Jetzt freue ich mich mal, dass die zweite Pfarrstelle an der Stadtkirche wieder besetzt werden konnte. Wir haben ja erst vor Kurzem die vier Calwer Kirchengemeinden zu einer Kirchengemeinde fusioniert. Ich wünsche mir, dass diese Gemeinde gut ins Laufen kommt und will meinen Teil gerne dazu beitragen. Und dann sind im Herbst Kirchenwahlen – da müssen jetzt Menschen gefunden werden, die sich der Wahl stellen, die neuen Gremien überall gebildet und arbeitsfähig werden. Es „auslaufen zu lassen“ ist jedenfalls überhaupt nicht meine Art. Ich werde bis zum letzten Arbeitstag tun, was man von mir erwarten kann und vielleicht auch noch den einen oder anderen Impuls einbringen. Schau’n wir mal!
Zur Person
Biografie
Erich Hartmann ist in Altensteig-Wart aufgewachsen und hat in Altensteig Abitur gemacht. Anschließend studierte er in Tübingen, im schweizerischen Bern und in Berlin Theologie. Sein Vikariat absolvierte Hartmann in Steinheim an der Murr (Kreis Ludwigsburg), anschließend war er als unständiger Pfarrer in Mühlacker-Lienzingen (Enzkreis) und als geschäftsführender Pfarrer in Flein (Landkreis Heilbronn) tätig. Seit 2004 ist Erich Hartmann Dekan in Calw und seit 2019 Dekan für den fusionierten Kirchenbezirk Calw-Nagold. Seine Frau ist ebenfalls Theologin und arbeitet im Schuldienst. Sie haben drei erwachsene Kinder und „fünf wunderbare Enkelinnen und Enkel“, wie er berichtet. Der 64-Jährige reist gern, liest viel und liebt Musik.
Dekan und Co.
„Bei der Fusion der Kirchenbezirke wurde vereinbart, dass es einen geschäftsführenden Dekan und für eine Übergangszeit auch noch einen Co-Dekan gibt“, erklärt Hartmann. Dies ist Tobias Geiger, Pfarrer in Nagold. Hartmann und Geiger haben sich die Aufgaben aufgeteilt. Die Schwerpunkte des Dekans sind Gremienleitung, Geschäftsführung, Dienstaufsicht über die Gemeinden, Pfarrer und Mitarbeiter. Auch der Dienstweg laufe über das Calwer Dekanat. Co-Dekan Geiger kümmert sich vor allem Diakonie, Notfallseelsorge, Begleitung der Prädikanten und Öffentlichkeitsarbeit. Seine Amtszeit ist auf zehn Jahre begrenzt. Erich Hartmann wurde vor der Einführung der Amtszeitbegrenzung gewählt und ist deshalb „Dekan auf Lebenszeit“.