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Gladbeck Tief im kollektiven Gedächtnis der Republik

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Außer Kontrolle: der Medien-Hype um Rösner (Sascha Alexander Geršak am Steuer). Foto: ARD Degeto/Ziegler Film/Martin Menke

Berlin - Eine Autobahn, zwei Fahrstreifen, aufgenommen von senkrecht oben. Stille. Man hört Autos sich nähern, offenbar in voller Fahrt, plötzlich preschen sie von rechts durchs Bild und sind auch schon wieder weg. Dann quietschende Reifen, ein Aufprall, kreischendes Metall, Schüsse. Viele Schüsse aus vielen Waffen. Wieder Stille.

Dies sind die ersten Bilder eines Films, der in dieser Woche in der ARD zu sehen ist, über ein Geschehen, das sich tief ins kollektive Gedächtnis der Bundesrepublik eingeprägt hat. Ein Verbrechen und gleichzeitig viel mehr als nur das. Ein Komplex, für den ein enziges Wort, der Name einer Stadt, steht: Gladbeck.

Viele erinnern sich an die drei verhängnisvollen Tage im August 1988, und obwohl das Geschehen von damals so bekannt ist, schafft es Regisseur Kilian Riedhof 30 Jahre später, es auf 180 Filmminuten zu komprimieren, die nicht eine Sekunde langweilig sind. Er nimmt die Zuschauer mittenrein, er rekonstruiert den Banküberfall durch die beiden Gangster Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski, die Geiselnahme, deren irre und planlose Flucht bis zum völlig missglückten Zugriff der Polizei auf der Autobahn nahe Bad Honnef. Und Riedhof schafft es, zu vermeiden, was man gemeinhin gerne tun: Schuldige zu suchen, Schuld zuzuweisen.

Aufmerksamkeit bis heute auf Duo Rösner und Degowski

Im Fall Gladbeck wäre das naheliegend, fast schon zu einfach gewesen. Die Arbeit der Polizei? Im Nachhinein betrachtet ein totales Desaster. Das Verhalten der Medien? Bis heute an Sensationsgier nicht übertroffen. Die Anteilnahme mit den Opfern und deren Angehörigen? Kaum vorhanden. Bis heute fokussiert sich die Aufmerksamkeit vor allem auf das Duo Rösner und Degowski. Letzterer ist unlängst aus der Haft entlassen worden. Ersterer sitzt wegen weiter Straftaten, die er hinter Gittern verübt hat, weiter ein und hat mehrfach versucht, den Film zu verhindern.

Das Verbrechen zu inszenieren, das in Gladbeck seinen Ausgang nahm, war für die Macher wegen der Recherchen aufwendig und einfach zugleich. Er habe auf eine "umfangreiche Materiallage" zurückgreifen können, sagte Regisseur Riedhof bei der Vorführung des Zweiteilers vergangene Woche in Berlin. Das ist eine sehr neutrale Beschreibung dafür, dass Reporter von Zeitungen, Magazinen, TV-Sendern und Radiostationen quasi von Beginn an – noch während der Überfall in der Deutschen Bank in Gladbeck andauerte – in direktem Kontakt mit den Gangstern standen und fast jede Drama-Sekunde durch Fotos, Töne und TV-Bilder dokumentiert ist.

Aus Balingen stammender Sascha Alexander Geršak spielt den Rösner

Aus professioneller Sicht machen die Journalisten damals zunächst alles richtig: Sie sind dort, wo die Nachricht ist, wo sich das Geschehen abspielt. Die Nähe zwischen den Journalisten und den Gangstern nimmt dann aber bis dato ungekannte Ausmaße an. Sie steigert sich im Verlauf des damaligen Geschehens wie nun auch im Film. Beispielhafte Szenen: der junge Fernseh-Reporter, der einfach mal in der Bank anruft: "Hans Meiser hier von RTL, wer ist denn da?" Im Film antwortet der aus Balingen (Zollernalbkreis) stammende Schauspieler Sascha Alexander Geršak in der Rolle des Rösner: "Hier ist der Bankräuber." Oder der Fotoreporter Peter Meyer, der als Vermittler zwischen den Geiselnehmern und der Polizei fungiert. Oder Udo Röbel, damals stellvertretender Chefredakteur des Express in Köln, der ins Fluchtauto der Geiselnehmer einsteigt und sie so zur Autobahn lotst – und vor der Anfahrt fragt: "Wollt ihr nen Kaffee? Geht aufs Haus."

In der Folge kommt es zu völliger Enthemmung. Symptomatisch steht dafür die Szene, als Polizisten den durch einen Kopfschuss aus der Waffe Degowskis – brillant dumm-böse dargestellt von Alexander Scheer – schwer verletzten 15-jährigen Emanuele De Giorgi aus dem Bus ziehen. Statt Platz zu machen, fordern Fotografen die Beamten auf, ihnen den im Todeskampf zuckenden Körper doch bitteschön noch einmal ins Blitzlicht zu halten.

Die Journalisten sind nah dran, ganz nah – zu nah? Auch das ist eine Frage, die man am Beispiel Gladbeck anschaulich diskutieren kann. Dass Grenzen in der Zeit, als das Privatfernsehen in Deutschland in die Gänge kam, überschritten wurden, ist inzwischen offensichtlich. Wo diese Grenzen aber heute verlaufen angesichts der durch das Internet möglich gewordenen "Live"-Welt und der Berichterstattung daraus muss indes mit fast jeder neuen App und den sich weiterentwickelnden technischen Möglichkeiten neu besprochen werden.

Vonseiten der Politik keine Aufklärung erwünscht?

Und die Polizei? Wer den Film sieht, wird sich mit dem im Nachgang des Geschehens einfach auszusprechenden, pauschalen Schuld-Urteil wohl etwas schwerer tun. Die Produzentin Regina Ziegler las bei der Vorführung in Berlin aus der Mail eines Beamten, der damals dabei war. Der Polizist beschreibt darin, wie traumatisch das Geschehen für ihn und die Kollegen gewesen sei – und dass vonseiten der Politik eine Aufarbeitung nicht erwünscht gewesen sei.

Fehler? Klar. Hat es gegeben. Die Geiselnahme hätte wohl früher beendet werden können, auch angesichts der mitunter tölpelhaften und bisweilen fahrlässig-unvorsichtigen Vorgehenweise von Rösner und Degowski. Aber fast jede Entscheidung, und sei sie im Nachhinein noch so offensichtlich falsch, ob von Polizisten getroffen oder von Politikern eingefordert, war in dem Moment eben doch irgendwie richtig. Dafür stehen der zweifelnde, zaudernde Einsatzleiter der Polizei in Recklinghausen (Ulrich Noethen­) ebenso wie sein Kollege aus Bremen (Martin Wuttke), zunächst ein harter Kripo-Hund, dann ziemlich schnell ebenso überfordert.

Der Zweiteiler "Gladbeck" erzählt viel über das damalige Verbrechen, ebenso nimmt er die Opfer in den Blick. Als junges, unschuldiges Wesen verkörpert Zsá Zsá Inci Bürkle Silke Bischoff, neben Rösner und Degowski das wohl bekannteste Gesicht des Dramas. Die damals 18-Jährige wird zur Geisel, als das Duo nach seiner Fahrt in den Norden in Bremen einen Bus kapert. Am Ende stirbt sie beim Zugriff auf der Autobahn durch eine Kugel von Rösner – die Szene läuft in Zeitlupe. Ganz nah dran.

Bis heute haben es Vertreter der Behörden nicht geschafft, mit Angehörigen zu reden

Zu den stärksten und unerträglichsten Bildern gehören im Film jene von der Familie De Giorgi. Außer Sohn Emanule ist auch Tochter Tatiana eine der Geiseln im Bus. Die Eltern erfahren davon per Zufall. Nachdem Emanuele von Degowski erschossen wurde, hält die Familie, die wenige Jahre davor aus Italien nach Deutschland gekommen war, eine Trauerfeier in ihrer Hochhauswohnung ab. Gebete werden gesprochen, plötzlich klingelt das Telefon: Tatiana ist freigelassen worden. Darf man sich jetzt freuen? Soll man weiter trauern? Es ist alles zu viel.

Die den Film ergänzende Dokumentation ("Das Geiseldrama von Gladbeck – Danach war alles anders") lässt vor allem die Opfer, die Geiseln und deren Angehörige zu Wort kommen. Sie beschreiben, welche Spuren das Ereignis bei ihnen hinterlassen hat. Die Doku arbeitet damit einem, wie es der zuständige Redakteur Thomas von Bötticher (Radio Bremen) nennt, deutschem Phänomen entgegen: der Marginalisierung von Verbrechensopfern. Bis heute haben es laut Bötticher Vertreter der Behörden und der Politik nicht geschafft, mit den Angehörigen in einen angemessenen Dialog zu treten, von adäquaten Entschuldigungen ganz zu schweigen.

Beispielhaft dafür steht die Familie De Giorgi: Nach dem Tod des Sohns gehen sie zurück nach Italien, Emanule wird in der Heimatstadt seiner Eltern beigesetzt. 25 000 Menschen kommen zur Trauerfeier. Ein Vertreter aus Deutschland ist nicht dabei.

Weitere Informationen: Der Zweiteiler "Gladbeck" ist am Mittwoch und Donnerstag, 7. und 8. März, jeweils ab 20.15 Uhr in der ARD zu sehen. Im Anschluss an Teil 2 folgt die Dokumentation.

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