Beim Giro d’Italia fehlen die drei Superstars des Radsports. Auch deshalb bietet sich dem in dieser Saison oft enttäuschten Rennstall Red Bull-Bora-hansgrohe die Chance, die Wende zu schaffen.
Organisatoren von Radrennen, das gehört zu ihrer Profession, sind nie zufrieden – sondern stets auf der Suche nach dem nächsten Superlativ. Der Giro d’Italia bildet, logisch, keine Ausnahme. Folglich startet die Rundfahrt an diesem Freitag erstmals in ihrer 116-jährigen Geschichte in Albanien, dort finden die Etappen eins bis drei statt. Und am letzten Tag, dem 1. Juni, fährt das Peloton, auch das gab es noch nie, mitten durch die Vatikanstadt. Die Genehmigung dazu erteilte Papst Franziskus, es soll eine der letzten Entscheidungen gewesen sein, die er vor seinem Tod getroffen hat. „Das gibt eine unvergessliche Etappe, auf der sich Sport und Kultur in einem weltweit einzigartigen Rahmen verbinden“, sagt Giro-Chef Urbano Cairo, „es wird ein denkwürdiger Tag.“ Auch sportlich?
Nach der Fahrt durch den Vatikan und einer Sightseeing-Tour durch Rom folgt am Circus Maximus die Kür des Siegers, und eines ist jetzt schon klar: Tadej Pogacar, Jonas Vingegaard und Remco Evenepoel, die Top-Stars des internationalen Radsports, werden nicht auf dem Podium stehen – sie verzichten auf den Giro d’Italia, machen somit den Weg für andere frei. Die erste der drei großen dreiwöchigen Rundfahrten verliert dadurch zwar an Qualität, nicht aber an Reiz. Besonders für Red Bull-Bora-hansgrohe.
Den eigenen Erwartungen hinterhergefahren
Der neue österreichisch-bayerische Superrennstall hatte sich den Start in seine erste komplette Saison anders vorgestellt. Ganz anders. Zwar gewann Primoz Roglic Ende März zwei Etappen und die Gesamtwertung der Katalonien-Rundfahrt, ansonsten aber strampelte die Mannschaft den eigenen Erwartungen meist weit hinterher, vor allem bei den Frühjahrsklassikern.
„Es ist uns nicht gelungen, die Talente, die wir geholt haben, noch besser zu machen“, sagt Teamchef Ralph Denk, und er nennt auch die Gründe, warum die Erfolge nach dem Einstieg des potenten Brauseherstellers nicht sprudeln wie erhofft: „Grundsätzlich fühlt sich der Schritt weiter sehr gut an, doch abteilungsübergreifend muss sich die Zusammenarbeit verbessern. Wenn eine Organisation wächst, wird es komplexer, im Detail zu justieren. Es braucht Zeit, bis alle kleinen Zahnräder reibungslos ineinandergreifen.“ Oder anders ausgedrückt: Red Bull-Bora-hansgrohe befindet sich noch längst nicht dort, wo die Verantwortlichen hinwollen. Umso wichtiger ist nun der Giro d’Italia.
Gelingt Primoz Roglic der sechste Grand-Tour-Triumph?
Die Siege bei der Tour de France und der Vuelta a Espana werden in diesem Jahr, wenn es keine große Überraschung gibt, Tadej Pogacar (26) und Jonas Vingegaard (28) unter sich ausmachen – der Slowene und der Däne sind die besten Rundfahrer ihrer Generation. In Frankreich möchte zudem noch der belgische Straßen- und Zeitfahr-Olympiasieger Remco Evenepoel (25) mitmischen. Folglich bleibt für den Rest nur die Italien-Rundfahrt.
Zu denen, die in der altehrwürdigen albanischen Hafenstadt Durres mit großen Zielen starten, gehört Primoz Roglic (35). Fünf Grand Tours hat er schon gewonnen (Vuelta 2019, 2020, 2021, 2024/Giro 2023), nun will der Slowene in den nächsten drei Wochen dafür sorgen, dass die Saison für seinen Arbeitgeber nicht schon früh zu einem Desaster wird. „Wir haben uns sehr viel vorgenommen“, erklärt Ralph Denk, „wir wären glücklich, auf dem Podium zu landen.“ Was er nicht sagt: Eigentlich zählt nur der Sieg.
Rolf Aldag steuert ein starkes Team
Denn zum Giro hat der Rennstall von Denk eine ganz besonders emotionale Verbindung. Es war die erste Grand Tour, an dem dessen Team einst teilnehmen durfte, und hier gab es 2022 durch den Australier Jay Hindley auch den ersten ganz großen Rundfahrt-Sieg – dem nun ein weiterer Triumph folgen soll. Dementsprechend hat Red Bull-Bora-hansgrohe ein Top-Aufgebot nach Albanien entsendet. Neben Roglic und Hindley gehören der Vorjahreszweite Daniel Felipe Martinez, die italienischen Kletterer Giulio Pellizzari und Giovanni Aleotti, Nico Denz, der 2023 beim Giro zwei Etappen gewann, sowie die Routiniers Gianni Moscon und Jan Tratnik zum Aufgebot. „Unsere Ambition ist klar“, sagt Sportchef Rolf Aldag, „wir wissen, wie hart dieser Giro wird und auch, dass viele Augen auf Primoz Roglic gerichtet sind. Aber er ist in sehr guter Verfassung und hat ein starkes, eingespieltes Team an seiner Seite, das uns auch taktische Optionen gibt.“
Das Problem: Natürlich weiß auch die Konkurrenz um die Perspektiven, die sich durch das Fehlen des Top-Trios ergeben. Im Team UAE-Emirates-XRG, bei dem ansonsten alles auf die Bedürfnisse von Tadej Pogacar ausgerichtet ist, macht sich gleich eine Doppelspitze Hoffnung auf einen Coup beim Giro: Der Spanier Juan Ayuso und der Brite Adam Yates dürften auch dank der Unterstützung namhafter Kollegen wie Rafal Majka, Jay Vine und Brandon McNulty die härtesten Konkurrenten von Roglic sein. „Alle Augen sind auf mich und Primoz gerichtet“, erklärt denn auch Ayuso, „mir geht es nicht um einen Podiumsplatz. Ich will gewinnen.“
Die Giro-Organisatoren hören solche Ansagen gerne. Im Kampf um Aufmerksamkeit hilft es zwar, erst nach Albanien und dann durch den Vatikan zu pilgern. Noch wichtiger aber ist Spannung an der Spitze.