Mit freiem Oberkörper am Steuer einer Segeljacht: Gianni Agnelli pflegte exklusive Hobbys. Foto: Imago/Zuma Press Foto:  

Gianni Agnelli wurde von vielen Italienern verehrt wie ein König. Am 12. März wäre der Fiat-Patriarch 100 Jahre alt geworden. Ein Blick zurück auf ein glamouröses Leben.

Stuttgart - Wenn man wissen will, wie bekannt, respektiert und bewundert ein Mensch ist, dann kann man das auch daran ablesen, mit welchem Pomp er zu Grabe getragen wird. Tausende erwiesen dem Fiat-Patriarchen Giovanni „Gianni“ Agnelli 2003 beim Trauerzug durch Turin die letzte Ehre, applaudierten, als der Sarg durch die Straßen seiner Geburtsstadt getragen wurde; auf dem Weg von der ehemaligen Fiat-Fabrik Lingotto, einem architektonisch schönen Bau mit der Teststrecke samt Steilkurve auf dem Dach, der heute größtenteils nur noch die Hülle für ein Einkaufszentrum bietet, bis zur Kathedrale.

 

Auch Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi nahm teil an der Trauerfeier im Dom, die im Fernsehen übertragen und in deren Anschluss Agnelli in der Familiengruft Villar Perosa beigesetzt wurde.

Verheiratet mit einer Prinzessin

Nicht nur viele Bürger seiner Heimatstadt Turin, sondern auch Italiener im ganzen Land verehrten Agnelli, der am 12. März 100 Jahre alt geworden wäre, wie einen König. Zuweilen hat er sich auch so benommen, verheiratet war er immerhin mit einer echten Prinzessin: Marella Caracciolo di Castagneto, eine Neapolitanerin und frühere „Vogue“-Fotografin.

Die Agnellis waren für Italien das, was die Kennedys für Amerika waren: eine Familie, reich und einflussreich, aber auch vom Schicksal hart getroffen. Agnelli verlor den Vater früh durch einen Flugzeugabsturz, die Mutter kam bei einem Autounfall ums Leben, sein Sohn Edoardo beging mit 46 Jahren Suizid.

Leidenschaft fürs Auto vom Großvater geerbt

Im bürgerlichen Leben war Agnelli einen großen Teil seines Lebens Chef von Fiat, ein Automann durch und durch. Anders als bei vielen anderen illustren Autoherstellern wie Ferrari, Maserati, Lamborghini, Porsche oder Daimler steht Fiat nicht für den Namen des Gründers oder eines genialen Tüftlers, den man auch auf diese Weise unsterblich macht. Fiat trägt Turin im Namen, die Stadt, in der auch heute noch Fahrzeuge gebaut werden, die einen großen Teil der Identität Italiens ausmachen: Fabbrica Italiana Automobili Torino.

Geerbt hat Agnelli die Leidenschaft fürs Auto von seinem Großvater, Fiat-Gründer Gianni Agnelli senior. Der erkor den Enkel zum neuen Chef, weil ihm klar war, dass dieser das Autogeschäft um jeden Preis hochhalten würde. Unter Gianni junior wurde Fiat zum Herz der italienischen Industrie und zu einem der größten Autobauer Europas, doch das Geschäft hatte sich in den Jahrzehnten nach 1966, dem Jahr, in dem der Gründer-Enkel auf dem Chefsessel Platz genommen hatte, als immer schwieriger erwiesen.

Fiat spürte den Druck der Konkurrenz, musste sparen und hatte zunehmend Qualitätsprobleme; das galt auch für die einst sportlich-noblen Kultmarken Alfa Romeo und Lancia. Die Modellpalette galt als bieder.

Kurzer Draht in die obersten Politik-Etagen

Doch Agnelli blieb standhaft. L’avvocato, der Anwalt, wie er aufgrund seines Studiums der Rechtswissenschaften samt Doktortitel ehrfürchtig genannt wurde, obwohl er nie eine Anwaltszulassung besaß, hielt auch gegen Widerstände in der eigenen Familie am Autogeschäft fest. Deren Vermögen gründete sich längst nicht mehr nur auf den Verkauf von Fahrzeugen.

Unter dem Dach der Holding Ifil wurden unter anderem Beteiligungen im Handel, Tourismus und in der Finanzbranche zusammengefasst. Das Imperium wuchs. Und ein kompliziertes Vertragskonstrukt half Agnelli, das Auto-Erbe zu bewahren. Denn vielen im weitverzweigten Familienclan wurde Fiat immer unwichtiger, sie hätten ihre Anteile gerne versilbert.

„Mein Privatleben zählt nichts. Was zählt, ist, in Diensten Fiats zu stehen“, hat Agnelli einmal gesagt. Dies hat er auch anderen abverlangt und dabei seinen kurzen Draht in die obersten Etagen der Politik genutzt. Welches neue Fiat-Modell der Patriarch auch vorstellte, und sei es der spartanische Kleinwagen 126 mit 23 PS, der Anfang der siebziger Jahre den legendären 500 ablösen sollte, – der jeweilige Staatspräsident, höchster politischer Vertreter Italiens, war bei der Zeremonie zugegen.

„Agnelli ist Italien, und Italien ist Agnelli“, lautete ein geflügelter Satz. Der Patriarch bestimmte die wirtschaftlichen Geschicke Italiens mit wie kein anderer Industrieller – und hatte in erster Linie das Wohl des eigenen Firmengeflechtes im Blick, sagen Kritiker.

Mit dem Hubschrauber zur Skipiste

Als ungeduldig und zuweilen unduldsam beschrieben, war Agnelli das, was man einen traditionsbewussten Familienunternehmer nennt: „Ich habe nie in irgendeiner Weise daran gezweifelt, dass ich die Arbeit meines Großvaters weiterführen müsste“, sagte er im Rückblick auf sein Leben. 1996 trat Agnelli nach 30 Jahren von der Leitung bei Fiat zurück, blieb dem Unternehmen aber bis zu seinem Tod verbunden.

Der pflichtbewusste Fiat-Patron pflegte einen extravaganten Lebensstil und verstand es auch, seine Freizeit zu genießen. An klaren Tagen, wenn von Turin aus die schneebedeckten Berge zum Greifen nahe waren, bestellte Agnelli schon mal einen Hubschrauber, ließ sich zur Skipiste und nach einigen Abfahrten wieder zurück ins Büro fliegen.

So ganz nebenbei avancierte er zur Stilikone, trug seine Uhr gerne über dem maßgeschneiderten Hemd, extrem eng mussten die Manschetten deshalb sein. Zu einem feinen Anzug kombinierte der modebewusste Charakterkopf mit den grau-blauen Augen auch mal derbe Stiefeletten.

Autos, Frauen, Fußball

Für Glamour sorgten etliche Affären, darunter die mit den Schauspielerinnen Jane Mansfield und Anita Ekberg. Nachgesagt wird Agnelli auch eine Liaison mit Jacqueline Kennedy, die sich für die Eskapaden ihres Mannes, des US-Präsidenten John F., gerächt haben soll.

Ganz Italiener, gehörte Agnellis Herz auch dem Fußball. Dem Spitzenverein Juventus Turin war er zeit seines Lebens verbunden, bis zuletzt als Ehrenpräsident des Clubs, an dem die Familie selbstverständlich auch Anteile hält. Agnelli ging regelmäßig ins Stadion, mitten in der Stadt gelegen, und scheute auch nicht davor zurück, Spieler persönlich anzurufen, wenn ihn etwas umtrieb.

Autos, Frauen und Fußball – viele Männer beneideten den Avvocato um diesen Dreiklang. „Jeder versucht, ein Playboy zu sein, einige bekommen es hin, andere nicht“, hat er einmal festgestellt. Es liegt auf der Hand, zu welcher Kategorie er sich zählte.