Ein Bild aus glücklichen Tagen: Paul Auster und Siri Hustvedt Foto: imago/TT

Im April 2024 ist Paul Auster gestorben. In ihrem Erinnerungsbuch „Ghost Stories“ beschwört seine Frau Siri Hustvedt eine Verbindung, die der Tod nicht scheidet.

Gut 43 Jahre waren Siri Hustvedt und Paul Auster verheiratet. 43 Jahre, die für alle ein Glücksfall waren: Für das Paar, weil sie die Liebe ihres Leben gefunden haben, für alle anderen, weil aus der glücklichen Verbindung von beiden Werke hervorgingen, deren Geist licht aus der Düsternis hervorstrahlt, in der die USA gerade zu versinken drohen. Doch am 30. April vor zwei Jahren um 18.58 Uhr hat der zu den bedeutendsten amerikanischen Autoren der Gegenwart zählende Paul Auster im gemeinsamen Haus in Brooklyn aufgehört zu atmen. Mit 77 Jahren. Zurück blieb seine acht Jahre jüngere Frau.

 

Lungenkrebs hat auseinandergerissen, was Geist und Liebe zusammenfügt hat. Und man darf das so melodramatisch beschreiben, weil die zu den bedeutendsten amerikanischen Autorinnen der Gegenwart zählende Siri Hustvedt über den Verlust ein Buch geschrieben hat, das in unabweisbarer gedanklicher Präzision den Beweis für die Unsterblichkeit der Liebe führt, ohne den tiefen Schmerz zu unterschlagen, den die Sterblichkeit des Leibes mit sich bringt.

Das gemeinsame Heim, einst Mittelpunkt der intellektuellen Bohème New Yorks, ist zum Spukhaus geworden. Die übrig gebliebene Bewohnerin hat die Zuflucht ihrer Gedanken verloren. Statt des lebenslangen Dialogs über die kleinen und großen Dinge, hallt ihr Schrei von den Wänden: „Ich will dich zurück!“

Siri Hustvedt betreibt Trauerarbeit als Geisterbeschwörung. „Ghost Stories“ ist der Versuch, den verlorenen Gefährten auf das Papier zurückzubringen. Medien der Beschwörung sind Notizzettel, Briefe, Tagebucheinträge, E-Mails. Zum Beispiel solche „aus Krebsland“, die über den Krankheitsverlauf informieren, die Behandlung mit Ovarialzellen des chinesischen Hamsters, was in einer Phase, in der das gemeinsame Lachen noch nicht verklungen ist, das Paar mit Hamster-Humor versorgt.

Pforte in die Zwischenwelt

In Augenblicken der Gnade meint die Witwe eine unsichtbare Anwesenheit zu spüren, den Geruch der Schimmelpennincks zu atmen, jener Zigarillos, bekannt aus dem Film „Smoke“, für den ihr Mann das Drehbuch schrieb. Träume, „hypnagoge Halluzinationen“ – Bilder und Geräusche, wie man sie kurz vor dem Einschlafen sieht und hört – öffnen die Pforte in die Zwischenwelt, während geistesgeschichtliche und neurowissenschaftliche Referenzen sie gegen esoterischen Kitsch absichern.

„Du bist vielleicht die einzige Person auf der Welt, die beides abonniert hat, das Journal of Consciousness Studies und die Vogue“, hat Paul Auster ihr gegenüber einmal bemerkt. Und so fundiert auch in dem Erinnerungsbuch tiefenpsychologische Essayistik die darin enthaltene Love-Story. Bei dem französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty findet Siri Hustvedt das Konzept der „Zwischenleiblichkeit“, um es für die enge Verflechtung zwischen sich und dem Geliebten fruchtbar zu machen. „Ja, ich trauere um Paul, aber meistens trauere ich um Siri und Paul. Ich trauere um das UND.“

Kein Glied dieser Künstlersymbiose war je der Berühmtheit des anderen untergeordnet, auch wenn die öffentliche Wahrnehmung noch lange dazu tendierte, Intellekt und Gefühl zwischen beiden nach Geschlecht aufzuteilen. Dagegen Paul Auster: „Siri ist die Intellektuelle in der Familie, nicht ich.“ Und so berührend wie die anhaltende Gemeinschaft mit dem Toten, so verblüffend sind die unbewussten Spuren wechselseitiger Beeinflussung in beider Werk.

Am Anfang steht die Musik des Zufalls, die sie zusammenführt. Die Hochzeit findet am Bloomsday statt, dem Tag an dem der moderne Odysseus aus James Joyces’ „Ulysses“ Dublin durchstreift hat. „Wir lebten beide in den Seiten von Büchern“. In Melvilles stoisch-sturem Alles-Verweigerer, dem Schreiber Bartleby, Kafkas „Hungerkünstler“, Andersons „Prinzessin auf der Erbse“ konfigurieren gegensätzliche Charaktereigenschaften. Im organischen Wachstum ihrer großen Liebe bewegen sich beide aufeinander zu: „Wenn wir noch hundert Jahre länger zusammenlebten, würden wir zu ein und derselben Person werden.“

Passage durch die Zeitgeschichte

Dass es dazu nicht kam, hat sicher mit den Schimmelpennincks zu tun, aber auch mit den „schrecklichen Dingen“, die der Krebsdiagose unmittelbar vorausgingen: die medial ausgeschlachtete Affäre um Austers drogensüchtigen Sohn aus früherer Ehe, Daniel, er verschuldete den Tod seiner Tochter und starb darauf selbst an einer Überdosis.

Hustvedts „Ghost Stories“ erzählen eine Geschichte der Melancholie, sie führen durch Mythologie und Totenkult, durchqueren das gemeinsame Schaffen ebenso wie die Zeitgeschichte: die Proteste gegen den Vietnam-Krieg, Nine-Eleven am ersten Schultag der gemeinsamen Tochter Sophie, das Attentat auf den befreundeten Salman Rushdie und natürlich alles, was mit dem zusammenhängt, dessen Name Paul nie nennen wollte – dem 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten, der als 47. gerade die Welt in Schrecken versetzt.

Dass das Private politisch sei, gilt auch für die Trauer. Dem Schmerz über den verstorbenen Mann gesellt sich die Sorge um die sterbende Demokratie. Auch da spielen Erinnerung und Wiederholung eine Rolle: In den Maga-Marodeuren erkennt Hustvedt die grinsende Fratze des rassistischen Lynch-mobs zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder, in ihren strategischen Maximen das Vorbild Goebbels. Hustvedt zitiert eine frühere Prophezeiung ihres Vaters: „Wenn der Faschismus nach Amerika kommt, werden sie ihn Amerikanismus nennen.“

Angesichts der Fülle des Materials und der seelischen Zerrissenheit der Trauernden erstaunt die stupende Kunst der Komposition, in der die geisterhaften Bruchstücke gemeinsamer Geschichten korrespondieren. Man kann es als einen letzten, bewegenden Vollzug jener Zwischenleiblichkeit begreifen, wie hier das Vermächtnis eines großen Autors und Menschen auf eine Weise gewürdigt wird, die nur einer ebenbürtigen Autorin zu Gebote steht. Schön und schmerzlich zugleich.

Buchcover Foto: Verlag

Siri Hustvedt: „Ghost Stories“. Übersetzt von Uli Aumüller und Grete Osterwald. Rowohlt Verlag. 400 Seiten. 25 Euro.