Riccardo Schmitt ist einer der jungen Hoffnungsträger beim WFC Nagold. Foto: WFC Foto: Schwarzwälder Bote

Gewichtheben: Medaillenregen, DM-Ausrichter, Mitglieder-Höchststand: Boom nach nur einem Jahr. Mit Interview

Es kommt Großes auf Nagold zu: Gleich zwei der insgesamt fünf deutschen Meisterschaften wird der Weightlifting- und Fitness-Club im kommenden Jahr ausrichten.

Ohnehin hat der junge Verein, der sich vor knapp einem Jahr aus dem VfL Nagold herausgelöst hat, einen regelrechten Gewichtheben-Boom in der Stadt ausgelöst und feiert derzeit einen historischen Mitglieder-Höchststand. Mit Ralf Schumacher, Vorsitzender und Trainer des WFC Nagold, haben wir über die erfreuliche Entwicklung des Vereins, die zwei deutschen Meisterschaften 2020 und und die am heutigen Freitag in Thailand zu Ende gehende Gewichtheben-WM gesprochen.

Herr Schumacher, in Pattaya läuft derzeit eine Weltmeisterschaft, die als Problem-WM gilt. Gastgeber Thailand darf nach einer erneuten Doping-Affäre gar nicht antreten, auch Ägypten ist gesperrt. Nervt Sie die Diskussion rund um die WM oder sind diese strikten Sanktionen sogar eine Chance für Ihre Sportart?

Mich nervt das Grundsätzliche bei der Doping-Problematik. Wir sind in Deutschland auch da wieder richtig Vorreiter, wie wir vorgehen und wie wir darauf achten, dass unsere Sportler sauber sind – mit unglaublich exakten Trainingskontrollen. Und dann gibt es halt Länder, die machen das angeblich auch, aber es gibt dort unglaublich viele Doping-Vorfälle. Und das ist das Nervige: Unsere Sportler arbeiten wie die Verrückten, aber werden ihres Lohnes beraubt, weil die anderen mit unfairen Mitteln arbeiten.

Im Vorfeld wurde überlegt, Thailand die WM zu entziehen. Wäre das die richtige Entscheidung gewesen?

Ich denke, das wäre ein gutes Signal gewesen. In einem Land, in dem offensichtlich gerne mit den Mitteln gearbeitet wird, sollte dann nicht noch das Highlight dieser Sportart stattfinden. Die WM hätte nicht in Thailand stattfinden dürfen.

In Nagold sorgen die Gewichtheber hingegen für positive Schlagzeilen: Silber für Riccardo Schmitt bei der internationalen deutschen Jugendmeisterschaft, Silber für Uwe Brettschneider und Ralf Klink bei der Masters-EM in Rovaniemi. Wann wird es einen WM-Starter aus Ihren Reihen geben?

So wie es momentan ausschaut und wie es sich entwickelt, gehe ich davon aus, dass wir bei den Masters – das sind die Heber über 35 Jahre – nächstes Jahr mit Uwe Brettschneider einen WM-Starter haben werden. Ob er eine Medaille gewinnt, wage ich noch zu bezweifeln, aber er wird sich qualifizieren. Am 23. November findet der Qualifikationswettkampf in Eisenbach statt. Ralf Klink wird es mit Sicherheit auch versuchen. Mal schauen, wie sich das, was wir da jetzt im Training so machen, durchschlägt. Bei unseren jüngeren Hebern haben wir natürlich Riccardo Schmitt. Der hätte dieses Jahr die Qualifikation für die Jugend-EM schaffen können, aber der muss mit seinen 16 Jahren unbedingt mehr Körpergewicht entwickeln und vorwärts kommen. Er soll dieses Jahr die Entwicklungsphase nutzen und fährt dann nächstes Jahr zur Jugend-EM fahren. Er wird mit Sicherheit 2021, 2022 an der Junioren-WM teilnehmen.

Das erste Jahr als eigentständiger Verein geht bald zu Ende. Was läuft jetzt anders als unter dem Dach des VfL Nagold?

Die Wege sind kürzer, wir müssen uns nicht mehr mit dem Vorstand vom VfL Nagold abstimmen. Dieser Zick-Zack, dieses Hin und Her haben wir nicht mehr. Wir haben ein tolles Team, sportlich und verwaltungsmäßig, das super harmoniert. Man merkt das auch an der Entwicklung der Mitgliederzahl. Wir hatten gehofft, dass wir mit 60, 70 Mitgliedern in das neue Jahr starten. Jetzt sind wir 97.

Das ist ein historischer Höchststand für das Gewichtheben in Nagold. Wie ist dieser Boom zu erklären?

Jeder, der bei uns reinkommt, freut sich, dabei zu sein. Und auch in der Gesamtheit erfreut sich Gewichtheben mittlerweile einem höheren Interesse als noch vor ein paar Jahren. Das hilft uns natürlich. Im Freizeitsport, in den Studios versuchen sich viele an so einem Abklatsch von Crossfit. Das sind verschiedene Kraftsport-Disziplinen und einige Elemente wurden dabei auch vom Gewichtheben übernommen. Wir sehen immer wieder, dass Leute, die das gemacht haben, zu uns kommen. Dann gibt es auch noch Kooperationen von unserem Bundesverband mit verschiedenen anderen Sportarten, zum Beispiel dem Handball, dem Leichtathletik-Verband und dem DFB. Als Ergänzung ist Gewichtheben eine echte Größe geworden. Sogar die U23-Fußballmannschaften von Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt machen Gewichtheben.

Aber ist denn Gewichtheben wirklich als Breitensport geeignet?

Breitensport kann man überall ausüben. Für Gewichtheben braucht man mindestens eine Hantel und Fläche, auf die man sie fallen lassen kann. Das ist natürlich schon die erste Hürde. Aber mit einer kleinen Anleitung kann man im Gewichtheben schon viel machen.

2020 werden Sie zwei der fünf deutschen Meisterschaften ausrichten. Was bedeutet das für den Gewichtheben-Standort Nagold?

Das ist unglaublich. Wir hatten uns dafür beworben, in diesem Jahr die deutsche Jugendmeisterschaft auszurichten, verloren aber in einer Kampfabstimmung um eine Stimme gegen Berlin. Wir haben dann direkt nachgelegt und uns für 2020 beworben. Der Bewerbung wurde direkt stattgegeben, weil wir so knapp gegen Berlin verloren hatten. Daraufhin hat eine Abordnung vom Bundesverband unser Training in der Iselshauser Halle besucht, bei der auch der Masters-Referent dabei war. Weil wir jetzt zweimal sehr erfolgreich die baden-württembergischen Meisterschaften durchgeführt haben und da schon viele gesagt hatten, dass Nagold auch ein toller Standort für die deutsche Meisterschaft wäre, wurden wir einfach locker-flockig gefragt, ob wir die auch ausrichten wollen. Wir haben dann noch vor Ort in der Halle eine Mini-Vorstandssitzung gemacht und einstimmig beschlosssen, dass wir das machen. Damit war klar: Wir richten 2020 zwei deutsche Meisterschaften aus. Ich kenne keinen Verein in Deutschland, der das schon mal gemacht hat.

...weil das ja mit Sicherheit einen imensen Kraftakt bedeutet.

Natürlich. Wir brauchen bei den Masters mindestens acht bis zehn Leute, die sich da komplett Urlaub, Überstunden oder Freischicht nehmen, weil das über vier Tage geht. Bei der deutschen Meisterschaft der Jugend werden wir das relativ einfach hinbekommen. Das wird zwar auch eine große Herausforderung, aber die werden wir stemmen. Davon bin ich total überzeugt.

Wie viele Zuschauer kommen zu einer deutschen Meisterschaft?

Ich fürchte, dass die Zuschauer zu einem Problem werden könnten, weil wir ja nur eine gewisse Anzahl an Personen in die Halle lassen können. Wir schleusen da am Tag allein rund 100 Gewichtheber durch. Die Bude wird mit Sicherheit voll werden.

Steht zur Diskussion, die beiden deutschen Meisterschaften nicht in der Iselshauser Halle durchzuführen, sondern die Halle zu wechseln?

Nein, wir bleiben in Iselshausen. Das ist unser Standort und mit dem haben wir uns beworben. Wir haben es lieber voll und kuschelig als eine Riesenhalle, die nur zur Hälfte gefüllt ist.

Auch bei Ihren eigenen Wettkämpfen könnte es in Zukunft etwas voller werden. Sie haben als mittelfristiges Ziel die 2. Bundesliga ausgegeben. Bleibt es dabei?

Auf jeden Fall. Wir waren schon in dieser Saison etwas weiter oben als geplant und haben im letzten Wettkampf plötzlich um die Meisterschaft gekämpft. Wir dachten eigentlich, deutlich auf dem zweiten Tabellenplatz zu landen und die Meisterschaft in der kommenden Saison anzuvisieren. Jetzt waren wir vor dem letzten Wettkampf sogar Favorit. Der Gegner Oberböbingen konnte uns dann nur stoppen, weil sie sich kurzfristig für diesen letzten Wettkampf einen neuen Sportler geholt haben, was ja bei uns während der Saison möglich ist. Wenn nicht Leute bei uns ausfallen, dann rechne ich nächste Saison mit dem Aufstieg in die Oberliga. Es wird ja auch eine Neustrukturierung der Landesliga geben. Statt acht sind jetzt nur noch fünf Mannschaften dabei und es wird einen Hin- und Rückkampf geben. Wenn also etwas schief geht, hat man im Rückkampf noch einmal eine Chance. Ich bin somit sehr zuversichtlich, dass wir es packen. Wir haben vier eigene U20-Heber dabei, von denen drei noch extrem in der Entwicklung sind –­ und die holen bei jedem Wettkampf noch mehr raus.  

Die Fragen stellte Tim ­Geideck.