Yasmin Fahimi soll die Führung des Deutschen Gewerkschaftsbundes übernehmen. Vor allem die Industriegewerkschaften freuen sich über diesen Aufstieg. Foto: dpa/Daniel Karmann

Der Bundesvorstand des Gewerkschaftsbundes hat Yasmin Fahimi als künftige Vorsitzende auserkoren. Weil Chemiegewerkschaftschef Vassiliadis nicht durfte, muss nun seine Lebensgefährtin ran.

Stuttgart - Nach einer quälenden Suche, die zuletzt sogar in einen öffentlich Konflikt mündete, ist der Deutsche Gewerkschaftsbund fündig geworden: Die SPD-Linke Yasmin Fahimi soll im Mai vom DGB-Bundeskongress zur neuen Vorsitzenden und Nachfolgerin von Reiner Hoffmann gewählt werden. Die 54-jährige Bundestagsabgeordnete aus Hannover wird damit die erste Frau an der Spitze des Dachverbands. Fahimi gehört wie Hoffmann der Gewerkschaft Bergbau-Chemie-Energie (IG BCE) an.

 

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„Mit Yasmin Fahimi gewinnen wir eine ausgesprochene Arbeitsmarkt- und Ausbildungsexpertin, die über langjährige Erfahrungen in den Gewerkschaften verfügt“, teilte der DGB nach dem entsprechenden Bundesvorstandsbeschluss am Mittwoch mit. Und IG-Metall-Chef Jörg Hofmann lobte Fahimi als „eine außerordentlich erfahrene, in den Belangen der Arbeitswelt sehr versierte und gut vernetzte Expertin“. Fahimi selbst zeigte sich „überwältigt von der einstimmigen Nominierung des Bundesvorstandes“ – sie sei „der festen Überzeugung, dass der DGB als Gemeinschaft und mit dem Prinzip der Solidarität wichtige Orientierung geben kann, um unsere Gesellschaft zusammenzuhalten“.

„Richtige Kandidatin zur richtigen Zeit“

Ihre Heimatgewerkschaft, die IG BCE, twitterte wohlwollend: „Yasmin Fahimi ist eine Gewerkschafterin mit Herz, Verstand und großer Erfahrung.“ Zudem kenne sie nicht nur die Herausforderungen der Transformation für Industriearbeit im Detail, sondern auch die in der Pflege, in der Nahrungsmittelbranche und im öffentlichen Dienst. Sie sei „für den DGB-Vorsitz die richtige Kandidatin zur richtigen Zeit“.

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Somit ist IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis als Vorsitzender der Findungskommission, die im Sommer ihre Arbeit aufgenommen hatte, doch noch fündig geworden – im eigenen Haushalt. Denn Fahimi ist seine Lebensgefährtin. Anfang voriger Woche hatte der 57-Jährige öffentlich gemacht, dass er „aus Verantwortung gegenüber der Gewerkschaftsbewegung“ zur Kandidatur im DGB bereit gewesen wäre – dass sich der Kreis der acht Vorsitzenden aber nicht auf ihn als Hoffmann-Nachfolger geeinigt hätte. Zugleich warf er den Amtskolleginnen und -kollegen vor, die Suche wie eine „Schiedsrichter-Wahl auf dem Rasenplatz“ – also nicht mit dem gehörigen Nachdruck – zu behandeln. Verhindert wurde Vassiliadis wohl in erster Linie von Verdi – die beiden Gewerkschaften pflegen seit vielen Jahren eine große politische Distanz bis hin zur persönlichen Abneigung, unter anderem weil die IG BCE seit Langem einen industrie- und regierungsfreundlichen Kurs fährt. Nun hat auch Verdi eingelenkt – eine weitere Uneinigkeit hätte vermutlich einen großen Flurschaden für den DGB zur Folge gehabt.

Lange Zeit keine geeignete Frau gefunden

Vassiliadis hatte erst den Finger gehoben, nachdem sich die Gewerkschaftschefs nicht auf eine Frau an der Spitze verständigen konnten. Insbesondere die IG Metall – der wegen des Wandels in der Industrie das Vorschlagsrecht für den DGB-Vorsitz eingeräumt worden war – konnte keine mehrheitsfähige Alternative bieten, nachdem die lange favorisierte Zweite Vorsitzende Christiane Benner den DGB-Vorsitz abgelehnt hatte. Sie sieht ihre Zukunft in der IG Metall, wenngleich nicht unbedingt als Vorsitzende, wie sie andeutete.

Gewerkschaftsmacht in einem Haushalt vereint

Kennengelernt hatten sich die diplomierte Chemikerin Fahimi und Vassiliadis bei der IG BCE, wo sie bis Ende 2013 als Abteilungsleiterin beim Hauptvorstand tätig war. Anfang 2014 nahm ihre Parteikarriere Fahrt auf: Auf einem Sonderparteitag wählten die Sozialdemokraten die Parteilinke als Nachfolgerin von Andrea Nahles zur neuen Generalsekretärin. Lange bliebt sie nicht auf dem Posten, denn schon Ende 2015 wurde sie von Katarina Barley abgelöst. In der Folge wechselte Fahimi als Staatssekretärin ins Bundesarbeitsministerium, wo sie zahlreiche Reformen für bessere Arbeit und mehr soziale Gerechtigkeit mit auf den Weg brachte – und wo ihre Chefin wiederum Andrea Nahles hieß.

Phase massiver Unsicherheiten

Als Bundespolitikerin habe sie „immer im engen Austausch mit den Gewerkschaften“ daran gearbeitet, die Rechte der Arbeitnehmer zu festigen, betont Fahimi. Den Dachverband übernimmt sie in einer Zeit massiver Mitgliederverluste sowie erheblicher Umwälzungen durch den Wandel in Industrie und Dienstleistungsgesellschaft. Da werden auch die Forderungen nach einem Gegensteuern durch die Politik immer lauter. Fahimis politische Vernetzung dürfte dabei den Einfluss des DGB sicherstellen.

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Nur die Vorsitzende ist neu im Amt

Führungsteam
 Neben Yasmin Fahimi hat der DGB-Bundesvorstand die bisherige Stellvertreterin Elke Hannack erneut für diesen Posten nominiert. Auch Anja Piel und Stefan Körzell sollen als Mitglieder im geschäftsführenden Bundesvorstand weiterarbeiten. Die Wahl folgt beim 22. Bundeskongress im Mai.

DGB
 Der Gewerkschaftsbund hat knapp 5,8 Millionen Mitglieder – Tendenz fallend. Die aktuellen Zahlen für 2021 sind noch nicht bekannt. Die führende der acht Organisationen ist die IG Metall (knapp 2,2 Millionen) vor Verdi (unter 1,9 Millionen) und der IG BCE (weniger als 600 000).