Wer führt künftig den Deutschen Gewerkschaftsbund, wenn Reiner Hoffmann im Mai abtritt? Nach gut einem halben Jahr der intensiven Suche gibt es noch keine Lösung. Nun wird gar auf offener Bühne gestritten.
Stuttgart - Etwas weniger als 5,8 Millionen Mitglieder hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) – davon sind gut ein Drittel Frauen. Bisher findet sich darunter jedoch kein Mitglied, das dazu auserkoren werden könnte, Mitte Mai den Vorsitz des DGB in der Nachfolge von Reiner Hoffmann zu übernehmen. Je länger die Suche andauert, desto mehr Verlierer produziert dieser Prozess.
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Geleitet vom dienstältesten Gewerkschaftschef Michael Vassiliadis (IG Bergbau-Chemie-Energie) hatte die Suche im Sommer Fahrt aufgenommen. Die acht Vorsitzenden einigten sich darauf, eine Frau ins höchste Amt des DGB zu bringen, um damit ein wichtiges politisches Signal zu senden. Der IG Metall kam praktisch das Vorschlagsrecht zu, weil sie es in erster Linie mit dem technologischen Wandel zu tun bekommt.
„Dann muss es einer von uns machen“
Doch die von ihrem Chef Jörg Hofmann dafür in Betracht gezogene Zweite Vorsitzende Christiane Benner will den Job nicht. Weil sie stark von der Industriegewerkschaft geprägt sei, traue sie sich nicht so richtig zu, die Heterogenität der Gewerkschaften an der DGB-Spitze zusammenzuführen, argumentierte sie jüngst im Gespräch mit unserer Zeitung. Alternativen konnte Hofmann nicht anbieten. Daraufhin änderte die Findungskommission ihren Fokus: „Wir haben gesagt: Leute, dann muss es einer von uns machen“, schilderte Vassiliadis am Montag. Dies sei vor ganz vielen Jahren mal üblich gewesen und sollte nun „den Fußabdruck des DGB deutlich machen, dass wir die Transformation, die Gestaltung und die neue Bundesregierung extrem ernst nehmen“. Der Vorschlag, der dann auf dem Tisch gelegen hätte, sei er selbst gewesen. Für ihn sei das eine „Frage der Verantwortung gegenüber der Gewerkschaftsbewegung gewesen“, denn „wir verlieren alle Mitglieder, und wir sind alle in der Transformation“.
„Man muss nachher zusammenarbeiten können“
Allerdings hatte der 57-Jährige, der seit 2009 der IG BCE vorsteht, zur Bedingung gemacht, dass sich der Kreis der acht Vorsitzenden auf ihn einigen könne. „Man muss ja nachher auch zusammenarbeiten können“, so die Begründung. Es brauche eine „Grundlage, in schwierigen Themen das Vertrauen zu genießen“. Zudem hätte er seiner eigenen Organisation, die ihn gerade erst Ende Oktober erneut im Amt bestätigt hatte, mit dem Wechsel einiges zugemutet. Doch das einheitliche Bekenntnis blieb aus – womöglich hatte die der IG BCE seit Langem in Abneigung verbundene Dienstleistungsgewerkschaft Verdi das Wohlwollen versagt. „Da hätte man sich mehr Mühe geben können in dem Sinne, dass man das Ding in dieser grundsätzlichen Bedeutung behandelt und zum Erfolg führt“, lautet die diplomatische Bewertung von Vassiliadis. „Man darf das nicht behandeln, als suchen wir auf dem Rasenplatz denjenigen, der den Schiedsrichter spielt.“ Wegen der unterschiedlichen Einschätzungen habe sich dieser Vorschlag „als nicht durchsetzbar“ herausgestellt. „Das muss ich zur Kenntnis nehmen, dann geht es eben auch nicht.“ Das halte er „nicht für eine superattraktive Nachricht“, könne aber damit leben und sei „nicht beleidigt“.
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Bis Anfang März muss eine Lösung her
Nachdem mit der DGB-Jahresklausur vorige Woche eine gute Gelegenheit für eine Präsentation der neuen Führung verpasst wurde, wird die Zeit nun eng. Am 2. März muss im Bundesausschuss die Nominierung erfolgen, bevor dann beim Bundeskongress vom 8. bis 12. Mai in Berlin die Krönungsmesse ansteht. Aus dem Rennen ist damit offenbar auch DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel, die ebenso als Kandidatin gehandelt wurde. Vassiliadis wird sich jedenfalls nicht mehr für den Job hergeben: „Ich hätte die Verantwortung übernommen – jetzt ist das Thema für mich erledigt.“ Nun suche man weiter – „manchmal braucht man den Druck dafür“.
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