Vor zehn Jahren startete Rottenburg sein gesamt-städtisches „Handlungsprogramm Wirtschaftsflächen“. Mittlerweile setzt man eher auf Nachverdichtung als auf neue Gewerbegebiete.
Die allgemeine Wirtschaftskrise erreicht allmählich auch Rottenburg. Der städtische Wirtschaftsförderer Andreas Lanio führt eine Art persönliches Konjunkturbarometer: Er zählt die Betriebe, die sich bei ihm nach einem Gewerbegrundstück erkundigen. Noch vor wenigen Jahren verzeichnete Lanio rund 60 solche Anfragen im Jahr: Die allermeisten musste er absagen, weil die Stadt keine passenden Bauplätze anbieten konnte. Doch seit 2022 (Ukraine-Krieg) geht diese Zahl stetig zurück. 2024 fragten noch 25 Firmen nach Grundstücken für Erweiterungen oder Neubauten. 2025 waren es nur noch 17.
Damit ist Lanio zumindest das Problem los, dass er so viele Absagen aussprechen muss. Vor zehn Jahren war dieser Druck so groß, dass die Stadt eine „Gewerbeflächenstrategie“ in Auftrag gab. Los ging es mit einer Gemeinderatsklausur im Sommer 2016. Damals befürwortete eine breite Mehrheit die Schaffung eines neuen „kernstadtnahen“ Gewerbegebiets „Herdweg“ bei Kiebingen (auch „Galgenfeld“ genannt, aber dieser alte Gewann-Name wäre marketing-mäßig suboptimal gewesen).
Bürgerentscheid stoppt „Herdweg“
In Kiebingen regte sich sofort Protest, woraufhin die Stadt im Sommer 2017 bei der Aalener Imakomm-Akademie ein detailliertes Gutachten bestellte. Auf 155 Seiten untersuchte das Büro eine lange Liste von möglichen Gewerbe-Standorten in ganz Rottenburg. Manche wurden gleich abgehakt, unter anderem das Gewann „Hölle“ gleich neben der Sülchenkirche und dem dortigen Wasserschutzgebiet (auch hier hätte man einen besseren Namen finden müssen). Die anderen wurden einem detaillierten Punktesystem unterzogen, hinzu kamen statistische Hochrechnungen zu Einwohner-Entwicklung, Branchenmix und Ähnlichem.
Auf Platz 1 landete erneut der Kiebinger „Herdweg“. Allerdings scheiterte das Projekt an einem gesamt-städtischen Bürgerentscheid im Oktober 2018.
Das „Flugfeld“ bleibt Getreidefeld
Daraufhin nahm sich die Stadtverwaltung 2020 die nächstbesten Gebiete vor. Schon vor vielen Jahren hatte man den ehemaligen Militärflugplatz bei Baisingen erworben: 40 Hektar direkt an der Markungsgrenze zu Eutingen, mit erstklassiger Verkehrsanbindung (Bahn und B14/B28). Eutingen wollte weitere gut 20 Hektar zu einem „interkommunalen Gewerbegebiet“ beisteuern.
Mit dem Rückenwind aus dem „Herdweg“-Bürgerentscheid regte sich allerdings sogleich auch dort Protest, wegen der Frischluftzufuhr für Ergenzingen und dem Schwerlastverkehr auf der ohnehin überlasteten Eutinger Ortsdurchfahrt. Die Pläne für ein Gewerbegebiet „Flugfeld“ werden aktuell „nicht weiterverfolgt“, sagte Lanio auf Nachfrage dieser Zeitung. Die Stadt werde die 40 Hektar allerdings „als Option“ behalten (und weiter an Landwirte verpachten), ergänzte die Rottenburger Finanzbürgermeisterin Manuela Beck.
Das Gutachten hatte auch das „Obere Feld“ (bei der ehemaligen Gärtnerei Staudenmaier) als „kernstadtnahes“ Gewerbegebiet empfohlen. Es sollte an ein neues Wohngebiet oberhalb des Schelmen anknüpfen, was sich aber nicht umsetzen ließ. Ohne eine solche „Anbindung“ an bestehende Bebauung ist ein neues Gewerbegebiet jedoch nicht erlaubt. Ohnehin wäre die Zufahrt von der Osttangente (B28) her kompliziert und teuer geworden. Nun bleibt auch das „Obere Feld“ der Landwirtschaft erhalten.
„Höllsteig“-Erweiterung ist fertig
Damit blieb nur die Option übrig, die bestehenden Gewerbegebiete besser zu nutzen oder zu erweitern. Im Oberndorfer „Leimengrüble“ beispielsweise ist dies in den vergangenen Jahren gut gelungen, wie eine Gewerbeschau am vergangenen Sonntag gezeigt hat. Freie Bauplätze gibt es hier aber praktisch keine mehr, ähnlich wie in den anderen dezentralen Gewerbegebieten.
Am meisten Bewegung gibt es am Ergenzinger Höllsteig. Das dortige Gewerbegebiet wurde um drei Hektar erweitert. Es ist für kleinteilige Bebauung vorgesehen. Die Erschließung ist fertig, nun prüft der Ortschaftsrat die eingegangenen Bewerbungen. Laut Wirtschaftsförderer Lanio haben sich vor allem ortsansässige Handwerksbetriebe gemeldet.
Gleich daneben befindet sich die ehemalige Dräxlmaier-Halle samt riesigen Stellplatzflächen. Die Stadt verhandelt seit Jahren mit dem Eigentümer über eine intensivere Nutzung – ohne Erfolg. Das Gewerbegebiet „Ergenzingen-Ost“ ist von großflächigen Betrieben (Industrie, Logistik) geprägt. Hier warten noch acht Hektar entlang der Autobahn auf einen Investor.
Noch keine Trendwende in Siebenlinden
Bleibt noch das Gebiet Siebenlinden in der Kernstadt. Es ist mittlerweile etwa 50 Jahre alt, und das sieht man ihm auch an. Die Stadt hat schon mehrmals Projektfördermittel an Land gezogen, um neue Konzepte auszuarbeiten: Verdichtung, bessere Bausubstanz, höhere Aufenthaltsqualität. Umgesetzt ist davon: noch nichts. Im Gegenteil: Es häufen sich die Leerstände, auch an prominenten Stellen. Das Gelände der ehemaligen Entsorgungs-Firma Dr. Steger an der Siebenlindenstraße liegt seit vier Jahren brach. Und an der Wilhelm-Maybach-Straße hat die Firma Neuman Aluminium auf Ende 2025 die Produktion eingestellt – bisher ohne Nachfolger.
Gewerbesteuer-Einnahmen bisher stabil
Weiterhin ganz
gut steht Rottenburg bei den Einnahmen aus der Gewerbesteuer da. Knapp 21 Millionen Euro kassierte die Stadt im vergangenen Jahr, das liegt nur zehn Prozent unter dem bisherigen Rekordjahr 2024. Für 2026 sind 20 Millionen Euro eingeplant.
Die Gewerbesteuer
wird auf die realen Gewinne einer Firma erhoben. Sie schlägt immer mit einem Verzug von etwa zwei Jahren bei der Stadt auf. Die Ukraine-Krise (seit 2022) hat sich also bisher noch nicht auf die Gewerbesteuer ausgewirkt. Und die aktuelle (Kraftstoff-)Krise wird erst 2027 durchschlagen.