Der Schock in Albstadt sitzt tief: Unter den Getöteten, die am Sonntag in Lautlingen gestorben sind, ist Felix Gminder, Kreisvorsitzender der Jungen Liberalen Zollernalb-Sigmaringen und FDP-Europakandidat.
Begriffe wie „Schockzustand“ beschreiben nur unzureichend die Gefühle der Albstädter nach der Familientragödie in Lautlingen. Besonders schockiert sind all jene, die Felix Gminder kannten: Eines der größten politischen Talente Albstadts lebt nicht mehr.
Felix Gminder aus Lautlingen ist 24 Jahre alt geworden. Er starb am Sonntag in Lautlingen wie auch seine wohl durch Schüsse seines Vaters, der ebenfalls starb. Die 26-jährige Schwester und die 59-jährige Mutter sind schwer verletzt worden.
Felix Gminder ging es um die Sache
Ein „echter Freund“ sei der stellvertretende Kreisvorsitzende FDP Zollernalb gewesen, schreiben seine Parteifreunde auf der Internetseite. „Ein großer Liberaler und ein besonderer Mensch, den wir sehr geschätzt haben und unglaublich vermissen werden. Uns eint unsere tiefe Trauer, unsere Herzen sind schwer.“
Tatsächlich fiel der junge Lautlinger, Student der Politik- und Geschichtswissenschaft an der Universität Tübingen, stets durch sein optimistisches Wesen, seine Tatkraft, seinen Willen zum Handeln und zur Zusammenarbeit, auch mit anderen Parteien, auf. Felix Gminder ging es um die Sache – zuletzt im Kommunalwahl- und Europawahlkampf vor dem 9. Juni. Als Kandidat für den Gemeinderat Albstadt war er zusammen mit jungen Kandidaten der CDU und der SPD an Haustüren unterwegs und warb um Stimmen für junge Bewerber quer über die Listen.
Er brannt für seine Heimat, wollte Menschen fürs Mitmachen gewinnen
Für seine Heimatstadt Albstadt brannte er ebenso wie für seinen Heimat-Landkreis, kandidierte nicht nur für den Gemeinderat Albstadt, sondern auch für den Kreistag des Zollernalbkreises und wollte Veränderungen anstoßen, Menschen fürs Mitmachen gewinnen, was ihm als Kreisvorsitzender der Jungen Liberalen Zollernalb-Sigmaringen schon seit Jahren gelungen war.
So viel Engagement belohnte die FDP, indem sie Felix Gminder als ihren Kandidaten für die Europawahl nominierte: mit 100 Prozent der abgegebenen Stimmen des Kreisverbands.
Gminder war nicht nur ein erklärter, sondern auch ein begeisterter Europäer, studierte im politikwissenschaftlichen Masterstudiengang „Demokratie und Regieren in Europa“ und war gleichwohl nicht unkritisch gegenüber der EU. Bei seiner Nominierung hatte er zum Beispiel den Wegfall des ständigen und teuren Pendelns des Europaparlaments zwischen Brüssel und Straßburg gefordert.
Mit Sachkenntnis und Charme hat er Menschen überzeugt
Seine Standpunkte vertrat Felix Gminder mit Sachkenntnis, mit Nachdruck, aber auch mit Charme, fiel durch gute Manieren und Höflichkeit ebenso auf wie durch sein stets strahlendes Lachen.
Philipp Kalenbach, Urgestein der FDP im Gemeinderat Albstadt, berichtete im Gespräch mit unserer Redaktion von der Hoffnung, die seine Partei auf Felix Gminder gesetzt hatte: Bei der Gemeinderatswahl hatte Gminder nur knapp den Einzug ins Kommunalparlament verpasst und wäre der erste Nachrücker gewesen.
„Im Gemeinderat Albstadt wollte er in erster Linie mitarbeiten“, berichtet Nils Maute, Vorsitzender der SPD Albstadt, der zusammen mit Gminder und Julia Alt von der CDU im Haustürwahlkampf unterwegs war und erlebt hat, wie Gminder sich auch schwierigen Gesprächspartnern stellte, sie mit Sachargumenten zu überzeugen versuchte.
„Da merkte man, wie viel in ihm steckte“, sagt Maute, der die weltoffene, freiheitlich orientierte Art Gminders ebenso an ihm schätzte wie seinen „scharfen Verstand und sein enormes Wissen über Albstadt und die Kommunalpolitik“.
Gminder wollte auch nach seinem Studium in Albstadt bleiben, weiß Nils Maute. „Wir hatten noch einiges vor. Es war spürbar, wie wichtig ihm die Demokratie und wie wichtig ihm seine Heimat war.“
„Er hat sich zur Not auch alleine auf den Wochenmarkt gestellt“
„Mit ihm hätte man etwas reißen können“, sagt auch Steffen Conzelmann, Vorsitzender des CDU-Stadtverbands, der – wie Maute – den Einzug ins Kommunalparlament geschafft hat. „Mit Felix Gminder konnte man ‚gut g’schirren‘, er war sehr engagiert und stellte sich zur Not auch alleine auf den Wochenmarkt, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen – ein wirklicher Hoffnungsträger der Albstädter Kommunalpolitik.“
Oberbürgermeister Roland Tralmer geht sogar noch weiter: „In spätestens fünf bis zehn Jahren habe ich ihn in einem Parlament gesehen“, sagt er mit Blick auf die Landes- und Bundespolitik.
Dass Felix Gminder in allen politischen Gesprächen höchst interessiert gewesen sei und „vor allem keine ideologischen Diskussionen“ geführt habe, hat Tralmer, dessen politische Karriere ähnlich begann, für den jungen Lautlinger besonders eingenommen. „Mit ihm konnte man wunderbar diskutieren, es ging immer um die Sache.“
„Die Nachricht hat uns komplett den Boden unter den Füßen weggezogen“
Umso tiefer sitzt der Schock bei den Freien Demokraten, für die Felix Gminder einer der größten Hoffnungsträger in der Region war. Kreisvorsitzender Stephan W. Link saß bei einer Veranstaltung in der vergangenen Woche noch neben seinem Stellvertreter. Die Nachricht von dessen Tod habe ihm und allen Parteifreunden „komplett den Boden unter den Füßen weggezogen“, so Link. „So etwas hat von uns ja noch nie jemand erlebt.“
Zwischen Funktionieren und Ausblenden schwanke er noch, beschreibt Link seine Gefühle. „Doch immer wieder kommt die Gewissheit schubweise zurück.“ Als Veronika Sordon 2022 den FDP-Stadtverbandsvorsitz von Philipp Kalenbach übernommen habe und Gminder auch ihr Stellvertreter wurde, sei von der „nächsten Generation“ die Rede gewesen: „Damit war auch er gemeint.“
Die Bedeutung seines Namens – Felix, „der Glückliche“ – habe der junge Lautlinger auch ausgestrahlt, habe Spaß verstanden und Humor bewiesen – auch wenn es um das Klischee über FDP-Funktionäre ging, wie ein anderer Bekannter berichtet. „Er sagte dann: Ich bin ein typischer FDPler – ich komme aus einer guten Familie“, damit habe er augenzwinkernd kokettiert.
Dass sich nun gerade in seiner Familie diese Tragödie ereignet hat, macht viele auch deshalb so traurig, weil Felix Gminder ein Wechsel auf die Zukunft war, der nun nicht mehr eingelöst wird. Steffen Conzelmann bringt auf den Punkt, was wohl viele denken: „Das ist einfach nicht fair.“
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