Die Pressesprecher Lukas Bleier (links) und Nicolaus Wegele (rechts) sowie der stellvertretende Leiter der Staatsanwaltschaft Tübingen Thomas Trück sind mit den Zahlen des letzten Jahres zufrieden. Foto: Felix Biermayer

Die Staatsanwaltschaft Tübingen präsentiert die Statistik des vergangenen Jahres. Die Zahl der Verfahren stagniert. Doch in einigen Bereichen steigt sie an. Der Überblick.

Der Kreis Calw gehört zum Landgerichtsbezirk Tübingen. Damit ist auch die dortige Staatsanwaltschaft für den Nordschwarzwald zuständig. Zudem deckt die Ermittlungsbehörde die Landkreise Tübingen und Reutlingen ab.

 

40 Staatsanwälte, fast die Hälfte davon weiblich, sind in den drei Kreisen tätig. Bei einer Pressekonferenz am Montag informierte die Staatsanwaltschaft über ihre Arbeit im vergangenen Jahr.

„Die Kriminalität steigt an“

58 288 Fälle bearbeitete die Behörde 2024. Das sind etwa 1500 weniger als im Vorjahr. 2014 waren es aber nur rund 48 000 Fälle. „Die Kriminalität steigt an“, ist sich der stellvertretende Behördenleiter und Oberstaatsanwalt Thomas Trück sicher. Trotz der hohen Zahl der Fälle brauche die Staatsanwaltschaft nur rund 38 Tage, um ein Verfahren zu erledigen. Das liegt weit unter dem Landesschnitt. Dabei wurde gegen fast 31 500 Beschuldigte ermittelt.

Besonders Gewalttaten nehmen zu. 3132 Körperverletzungsdelikte zählte Trück im vergangenen Jahr. Knapp 200 mehr als 2023. „Wir sind auf einem Zehn-Jahres-Hoch“, sagte Trück. Auch bei Jugendlichen gelte das. Hier gab es 2024 mehr als 1000 solcher Delikte. Die Zahl der Diebstähle sei mit 3433 weiterhin hoch, so Trück. Auch für Kapitaldelikte – hierzu zählt Mord – gelte das. 27 Fälle in dem Bereich gab es.

Die Zahlen der Jugendkriminalität seien mit 4673 Verfahren unverändert hoch. Einen leichten Anstieg auf 4745 verzeichnet die Staatsanwaltschaft bei Betrugsfällen. Pressesprecher Nicolaus Wegele verweist hier auf den Enkeltrick. Die Schadensummen pro Fall könnten hier mehr als 100 000 Euro erreichen. Auch Geldwäsche nehme bei Delikten im Internet zu. Mit 1112 Verfahren hat sich deren Zahl in zehn Jahren mehr als verfünffacht. Ermittlungen seien hier oft langwierig, so Trück, weil die Täter im Ausland sitzen.

Cannabis-Gesetz zeigt Wirkung

Positive Nachrichten hatte Trück auch. Bei den Sexualdelikten gebe es „in der Tendenz einen Rückgang“. 323 Verfahren seien es 2024 gewesen, 2020 noch 367. Auch die Verbreitung pornografischer Schriften sinke. Beim Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte sieht Wegele eine gute Entwicklung. 243 Fälle habe es vergangenes Jahr gegeben – rund 40 weniger als 2023. „Das tut der Polizei gut“, sagte der Pressesprecher. Drastisch gesunken ist die Zahl der Betäubungsmitteldelikte. 1139 waren es 2024, also 40 Prozent weniger als im Vorjahr. Wegele führt das auf das 2024 eingeführte Konsumcannabisgesetz zurück. Das erlaubt den Besitz und den privaten Gebrauch der Droge. Für die Staatsanwaltschaft habe das zuerst mehr Arbeit bedeutet, so Wegele. Denn in dem Gesetz gab es eine Amnestie-Regelung. Die Behörde musste ihre Fälle durchschauen. Perspektivisch würden aber weniger Fälle bei der Staatsanwaltschaft landen, meint Wegele. Trotzdem kritisiert er das Gesetz. Denn es schränke auch die Ermittlungsmöglichkeiten, zum Beispiel in der Telefonüberwachung, ein. Zum anderen zeige die Zahl der Verfahren auch, dass es trotz Legalisierung noch immer einen Schwarzmarkt gebe.

Statistische Ungenauigkeiten

Wichtig bei all den Zahlen ist, dass es sich hier um Verfahren der Staatsanwaltschaft handelt – nicht um Urteile der Gerichte. Über Letzteres führt die Staatsanwaltschaft keine Statistik.

Wegele aber präsentiert Zahlen, nach denen etwa drei Viertel der Verfahren durch seine Behörde eingestellt werden und damit gar nicht erst vor Gericht landen. Und vor Gericht könnte ja auch ein Freispruch herauskommen. Die Zahlen der Staatsanwaltschaft lassen also nur mittelbar auf die Entwicklung der Kriminalität schließen.

Besondere Fälle

Wegele erinnert sich an zwei besondere Fälle, die im vergangenen Jahr den Kreis Calw beschäftigten. Einmal war da der Totschlag einer Frau in Bad Liebenzell. Der Mann fuhr mit der Leiche auf die A 81 und verursachte in Suizidabsicht einen Unfall. Die Staatsanwaltschaft hatte den Mann wegen Mordes angeklagt. Er wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt.

Zum anderen wurde im September im Wald bei Zavelstein eine Frauenleiche gefunden. Ihr Lebensgefährte ist des Totschlags angeklagt. Ein Verhandlungstermin steht noch nicht. Der Mann sitzt nicht mehr in Untersuchungshaft, so Wegele. Der Tatverdacht sei nur noch „hinreichend“ und nicht „dringend“, erklärte er diesen Vorgang.

Einführung der E-Akte

Für Wegele war es das letzte Pressegespräch. Er kümmert sich nun um die Einführung der E-Akte, welche Strafverfahren digitalisieren soll. Im Landkreis Calw wird das aber noch dauern. Denn das Polizeipräsidium Pforzheim ist für die Umstellung noch nicht bereit. Lukas Bleier wird Wegeles Nachfolger. Die Leitung der Staatsanwaltschaft ist nachdem Weggang von Matthias Grundke weiterhin vakant, so Stellvertreter Trück. Aktuell laufe das Bewerbungsverfahren.