Der Verein „Frauen helfen Frauen“ eröffnet im Januar in Offenburg die interaktive Dauerausstellung „Rosenstraße 8a“. Sie soll zum Thema häusliche Gewalt sensibilisieren.
Drei Zimmer, Küche, Bad – eine normale Wohnung mitten in Deutschland. Eine durchschnittliche Familie, ein scheinbar idyllisches Leben. Alles wirkt gewöhnlich und alltäglich – beinahe zumindest: Ihr blaues Auge hat Stephanie mit einer dicken Schicht Make-up bedeckt. Niemand darf es bemerken.
„Stephanie“ ist keine echte Person, steht aber stellvertretend für das oft stille Leid vieler Frauen. Die sogenannte häusliche Gewalt hat in Deutschland 2024 einen neuen Höchststand erreicht. 265 942 Menschen – Frauen aber auch Männer – wurden als Betroffene erfasst, so viele wie noch nie seit Beginn der bundesweiten Erhebung.
Schutz der Kinder steht auch immer im Fokus
Darauf möchte der Verein „Frauen helfen Frauen“ mit der Dauerausstellung „Rosenstraße 8a“ aufmerksam machen. Die Adresse ist fiktiv. Sie steht symbolisch für all jene Orte, an denen Gewalt passiert. Die Hausnummer 8a ist eine Assoziation mit dem Paragrafen 8a des Sozialgesetzbuches, der als Schutzauftrag für Kindeswohlgefährdung steht. „Bei häuslicher Gewalt sind Kinder immer betroffen, auch wenn sie nicht selbst geschlagen oder verletzt werden“, erklärt Eva Sold, Pressesprecherin des Vereins, „denn sie sind erheblichen psychischen Belastungen ausgesetzt“.
Jahrelang hatte der Verein die Ausstellung geplant. Bereits seit 2012 gibt es eine Wanderausstellung von der Organisation „Brot für die Welt“ , die allerdings in die Jahre gekommen war. „Führen Sie das Projekt in die Zukunft“, sagte der damalige Kurator zu Petra Fränzen, Geschäftsführerin des Vereins „Frauen helfen Frauen“. Damit meinte er, das Konzept zu modernisieren und zu digitalisieren. So befinden sich QR-Codes an Möbelstücken der Wohnung, die man über Handy oder Tablet scannen kann.
Es erscheint ein kurzer, zur dargestellten Situation passender Text. Eine weibliche Stimme liest ihn vor. Der Besucher erhält Hintergrundinformationen zu Formen der Gewalt und kann sich in die Gefühlswelt von Betroffenen einfinden. Neben Offenburg gibt es zwei weitere Städte, Osnabrück und Braunschweig, die das Konzept umsetzen. Niedersachsen und Baden-Württemberg sind somit die einzigen Bundesländer mit solch einer Ausstellung.
Verein will mit Stereotypen aufräumen
Mit der Wohnung „Rosenstraße 8a“ möchte der Verein mit Stereotypen aufräumen. „Viele Menschen denken, dass häusliche Gewalt nur in bildungsfernen Familien mit Migrationshintergrund, mehreren Kindern, patriarchischen Strukturen und Alkohol- oder Drogenmissbrauch vorkommt“, so Fränzen. „Man möchte das Thema gerne so weit wie möglich von seinem eigenen Leben entfernt wissen.“
Dies entspreche jedoch nicht der Realität. „Häusliche Gewalt kann genauso in bürgerlichen und akademischen Familien vorkommen. Auch Polizisten, Ärzte oder Richter können Täter sein“, ergänzt Sold. „Die Dunkelziffer ist hoch.“
Gewalt hat viele Gesichter. Neben körperlicher Gewalt gibt es weitere, häufig subtilere Erscheinungsformen. Das möchten die Verantwortlichen mit der Ausstellung darstellen. So hängt am Schrank im Schlafzimmer ein geblümtes Sommerkleid. Auf den ersten Blick ist keine Gewaltsituation zu erkennen. Öffnet man jedoch den QR-Code, erfährt man, dass „Stephanies“ Mann ihr verboten hat, das Kleid anzuziehen – es sei zu freizügig.
Auch finanzielle Kontrolle gilt als Form der Gewalt
Eine weitere Szene zeigt einen Schreibtisch, auf dem ein Haushaltsbuch liegt. Jede Ausgabe ist genau notiert. Darin kleben Post-it-Zettel mit Bemerkungen, warum Einkäufe so teuer waren und dass Belege fehlen. So ein Verhalten wird als finanzielle Gewalt bezeichnet: Der Mann bestimmt über die Finanzen der Frau. Er entscheidet, ob sie arbeiten darf, wie viel Geld sie zur Verfügung hat und wofür sie es ausgeben darf. Alle dargestellten Situationen haben die vom Verein betreuten Frauen und Kinder selbst erlebt.
Die Ausstellung wird mindestens fünf Jahre dauern, der Verein wünscht sie sich komplett ohne zeitliche Begrenzung. Ziel sei es, so Fränzen, dass alle Schulklassen der Ortenau ab Klassenstufe 8/9 die „Wohnung“ besuchen. Auch Polizisten, Hochschulabsolventen und Fachkräfte möchten die Verantwortlichen mit dem Projekt sensibilisieren.
Drei Ausgänge hat die Ausstellung
Darüber hinaus ist jeder Bürger eingeladen, die kostenfreie Ausstellung zu ergründen und auf Spurensuche zu gehen. Für den Fall, dass das dargestellte Leid für einen Besucher schlicht zu viel wird, und er schnell hinaus möchte, gibt es drei separate Ausgänge aus der Ausstellung. „Wir lassen niemanden in seiner Emotion gehen“, sagt die Geschäftsführerin. Es gebe einen Beratungsraum, in den sich die traumatisierte Person gemeinsam mit einer Fachkraft zurückziehen und über ihre Gefühle sprechen könne.
„Häusliche Gewalt ist keine Privatsache, auch wenn sie im häuslichen Umfeld geschieht“, stellt Fränzen klar. „Es ist unsere gesellschaftliche Plicht, uns dagegen aufzustellen und das Thema dauerhaft präsent zu halten“. Die Menschen müssten verstehen, welche Facetten Gewalt hat.
Besuch
Die Ausstellung eröffnet am 26. Januar 2026. Bis zum 31. Januar können Besucher ohne Voranmeldung zum Verein „Frauen helfen Frauen“ in die Lange Straße 47 in Offenburg kommen. Die Öffnungszeiten sind in dieser Zeit am Dienstag, Mittwoch und Freitag von 9 bis 17 Uhr, am Donnerstag von 9 bis 19 Uhr und am Samstag von 12 bis 17 Uhr. Ab dem 1. Februar ist eine Anmeldung erforderlich. Weitere Infos gibt es beim Verein „Frauen helfen Frauen“ unter Telefon 07821/10 03 07.