In einer Kirche im ukrainischen Lwiw kommen die Menschen zusammen, um der getöteten Soldaten des Krieges zu gedenken. Unser Autor Franz Feyder ist vor Ort und hat sie besucht.
Lwiw - Marija weiß nicht mehr, wie viele Tränen sie vor der gekrönten Mutter Gottes vergossen hat. Und vor den Fotos der jungen Männer auf den großen Stellwänden, die den Weg zum goldenen Marienbildnis flankieren. Links im Seitenschiff der Lwiwer (deutsch: Lemberger) Garnisonskirche Peter und Paul, der Kirche, die den ukrainischen Streitkräften gewidmet ist.
Duplikate der Fahnen der Heeresdivisionen sind zu beiden Seiten des Altars aufgereiht. Seit 392 Jahren ist das so. 64 Jahre lang unterbrochen: weil 1946 der sowjetische Diktator Josef Stalin die Jesuiten und die gekrönte Gottesmutter vertrieb. Die Kirche verfiel, auch dann, als sie zum Lagerraum der Universitätsbibliothek von Lwiw wurde. Durch das Dach schien die Sonne und fiel der Regen. Aber im kommunistischen Machtzentrum Moskau interessierte das niemanden. Als 1991 die Sowjetunion zerfiel und die Ukraine unabhängig wurde, waren viele farbenfrohen Fresken zerstört, der Rest in erbärmlichem Zustand. 2010 wurde das Gebäude dann wieder zur Kirche.
Vor 2940 Tagen begannen die russischen Angriffe auf die Ukraine
Immer noch geht die Lehrerin Marija Mezentseva durch eine Lücke in den mannshohen, grauen Wellblechwänden und Gerüsten, um zur Kirchentür zu kommen. Die öffnet sie oft. „Ich muss zu meinen Jungs“, sagt sie und schämt sich ihrer Tränen nicht. Etlichen der „Jungs“, deren Fotos zu Hunderten an Stellwänden kleben, hat sie einst Lesen und Schreiben beigebracht. Vor den 2940 Tagen, vor denen die russischen Angriffe auf die Ukraine begannen. Damals, im Osten des Landes, im Donbass und auf der Halbinsel Krim.
Viele junge Männer, einige in den dreißiger oder vierziger Jahren, schauen die Betrachter an. Mit wachem Blick, in den sich bei vielen auch Stolz mischt. Die Brust haben die meisten herausgestreckt, um den Fotografen auch ihre Uniformen zu präsentieren. Viele lächeln. Wenige schauen so, wie sie glauben, dass Soldaten schauen müssten, um als richtige Kerle durchzugehen. „Sie sind alle tot. Seit Februar 2014 im Kampf gegen Russland gestorben“, sagt Marija leise.
Mehr als 2000 Zivilisten sollen getötet worden sein
In diesen Tagen kommt der Militärkaplan der ukrainisch-katholischen Kirche nicht mehr nach, neue Stellwände mit den Bildern getöteter Soldaten aus der Region Lwiw aufzustellen. Und eigentlich müssten sowieso mehr Bilder hier zu sehen sein: Mehr als 2000 Zivilisten sollen seit Beginn der neuen russischen Offensive vor einer Woche getötet worden sein. Vor allem in der Millionenstadt Charkiw, deren Stadtzentrum von russischer Artillerie und Luftwaffe beschossen wird. In Cherson, dem Hafen am Schwarzen Meer. Der Stadt, die die Russen in der Ukraine in der Nacht zum Donnerstag erobert haben. Die erste in der seit nunmehr einer Woche andauernden Offensive.
In der nordukrainische Stadt Tschernihiw, wo laut dem dortigen Gouverneur am Donnerstag neun Menschen bei einem russischen Luftangriff getötet wurden. Zwei Schulen und Wohngebiete sind betroffen gewesen. Und auch in der Hauptstadt Kiew, die in derselben Nacht von heftigen Explosionen erschüttert wird.
Luftangriffe auf Mariupol
Ungeachtet der Verhandlungen zwischen den Delegationen aus der Ukraine und aus Russland verstärkte Russland am achten Tag der Offensive die Luftangriffe. Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs setzten sich russische Truppen nördlich und nordwestlich von Kiew in 20 bis 30 Kilometer Entfernung von der Stadtgrenze fest und errichteten Feldlager. Die südukrainische Hafenstadt Mariupol mit rund 440 000 Einwohnern ist laut örtlicher Behörden nach Luftangriffen ohne Wasser, Heizung und Strom. Nach russischen Angaben ist Mariupol inzwischen eingeschlossen. Die Vereinten Nationen sprechen derweil von mehr als einer Million Menschen, die auf der Flucht sind.
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Der UN-Verantwortliche für humanitäre Hilfe, Martin Griffiths, hat eindringlich den Schutz der Zivilbevölkerung in der Ukraine angemahnt und von Russland gefordert, Hilfslieferungen zu ermöglichen. Humanitäre Hilfe dürfe nicht behindert werden: „Schützen Sie um Gottes willen die Zivilisten.“
Ein Stoßgebet, dass an diesem Mittwoch auch in der Lwiwer Garnisonskirche oft gesprochen wird. Die Menschen geben sich die Klinke des schweren Portals in die Hand. Junge, Alte, Frauen, Männer, sie alle suchen Trost in der Kirche. Schließt sich die braune Eichentür, umfangen die leisen Töne von Bachsonaten die Besucher.
Bitten werden auf weiße Zettel geschrieben
„Was für ein Kontrast zu den Parolen, dem Kriegslärm und Kanonendonner, den wir im Moment unentwegt hören“, sagt Julija. Setzt sich auf einen der Stühle und schließt die Augen. Minutenlang, bevor die 23-Jährige wieder geht, um in ihrer Softwarefirma zu verschwinden.
Andere setzen sich an einen kleinen Tisch, um Bitten auf weiße Zettel zu schreiben. Frieden herbeizuflehen, nicht den ukrainischen Sieg über die Russen. Zumindest sagt das niemand offen, wo sich doch die Menschen draußen auf den Straßen Lwiws und im ganzen Land längst mit „Slavo Ukraini! – Hoch lebe die Ukraine!“ statt mit dem gebräuchlichen „Dobre! – Hallo!“ begrüßen.
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In der Peter-und-Paul-Kirche hat so etwas ohnehin keinen Platz. Dreimal schlagen die Menschen das Kreuz: den gekrümmten rechten Zeigefinger erst zu Stirn, zum Bauchnabel, zur rechten, zu linken Schulter. Sie werden still, atmen sichtbar flacher. Sie entzünden schmale, honiggelbe, linealhohe Kerzen. Manche Lippen bewegen sich. Manche Hände sind im Schoß gefaltet. Sie bleiben für Minuten, auch für halbe Stunden.
Wie Marija. „Das ist Oleksandr“, zeigt sie auf einen 18-, vielleicht 20-Jährigen in der Uniform der Fallschirmjäger. Ein Lausbub sei der gewesen. Faustdick habe er es hinter den Ohren gehabt, immer Blödsinn im Kopf. Wadym, mit der Stimme einer Nachtigall. Und Dmytro, der rechnen konnte wie der Teufel; lange bevor seine Mitschüler überhaupt das kleine Einmaleins aufsagten.
Der Schrecken des Krieges ist plötzlich wieder greifbar
62 ist Marija jetzt. Ihr Vater hat ihr von einem anderen Krieg erzählt, in dem er gegen die Deutschen kämpfte. Bis nach Dresden marschierte. Zähneknirschend nach Lwiw in die Sowjetunion zurückkehrte. Der jubelte, als die 1992 zerbrach und sein Heimatland Ukraine ein souveräner Staat wurde. Sechs Jahre vor seinem Tod. Der seine Tochter fest in dem Glauben bestärkte, es dürfe, es werde nie wieder Krieg geben: „Weil das gegen jede Vernunft ist.“
Seit 2940 Tagen bricht für Marija jeden Tag diese Welt aufs Neue zusammen. Der Schrecken des Krieges ist für sie greifbar, erlebbar, konkret. Ihre Schultern zucken, ihre Hände zittern, ihre Wangen glänzen im Licht der Sonne, die durch die Fenster strahlt. Menschen können Marija kaum noch trösten. Das schaffe nur noch die gekrönte Gottesmutter hier im Herzen Lwiws. Eine Mutter, die ihr Kind auf dem Schoß hält. Dem Kind, das Marija, seinem Betrachter zugewendet ist, sie mit großen Augen anschaut – und mit weit geöffneten Armen.
Vor Ort
Franz Feyder (58)
ist für unsere Zeitung in die Ukraine gereist und berichtet aktuell aus dem Kriegsgebiet. In Lwiw (Lemberg) hat er eine Kirche besucht, in der der gefallenen ukrainischen Soldaten gedacht wird. Er erzählt die Geschichte der 62-jährigen Marija, die jeden Tag in diese Kirche kommt – viele der jungen Männer, die ihr Leben verloren haben, hat die Lehrerin einst unterrichtet.