So soll Meßstettens Gesundheits- und Sozialzentrum einmal aussehen – stambulante Pflege wird allerdings nicht geben. Zumindest nicht so bald. Foto: Link Architekten

Im Frühjahr schien die „stambulante Pflege“ auf der Zielgerade zur flächendeckenden Umsetzung zu sein – und Meßstetten auf bestem Weg, Pioniergemeinde zu werden. Jetzt heißt es: Kommando zurück!

„Stambulante Pflege“ wollte der Pflegedienstleister BeneVit im geplante Meßstetter Gesundheits- und Sozialzentrum praktizieren – was ist das? Im Jahre 2012 hatte die Bundesregierung in einer Gesetzesnovelle die Forderung formuliert, neue Formen der Pflege zu entwickeln, die einerseits den Bedürfnissen der Beteiligten – Pflegebedürftige, Pflegende, Träger, Kassen – eher als die bestehenden entsprechen, andererseits unaufwendiger, flexibler und nicht zuletzt kostengünstiger sein sollten.

 

Kaspar Pfister, Geschäftsführer von BeneVit, nahm die Herausforderung an und entwickelte im Dialog mit dem baden-württembergischen Sozialministerium und den Kassen ein Konzept, das er „stambulant“ nannte. Es sollte die Vorzüge der stationären Pflege – Infrastruktur und geschultes Personal – mit denen der ambulanten – Flexibilität, Individualität, das vertraute Umfeld – verbinden; der Grundgedanke war, die Angehörigen der Pflegebedürftigen im Rahmen ihrer Möglichkeiten in die – immer noch stationäre – Pflege einzubinden und dadurch das Personal vor Ort zu entlasten. Wohlgemerkt nicht für Gottes Lohn – die Arbeitsersparnis der einen Seite wurde in eine Kostenersparnis der anderen umgemünzt; die Angehörigen konnten auf diesem Wege 700, 800, womöglich gar 1000 Euro an Pflegekosten einsparen.

Eine Win-Win-Situationfür alle Beteiligten

2016 wurde ein Pilotprojekt gestartet, und zwar im südbadischen Wyhl. Wie Kaspar Pfister berichtet, erwies sich sein Konzept als durchaus zukunftsträchtig, und natürlich hätte Pfister es gern auch andernorts umgesetzt, etwa in Meßstetten, wo er offene Ohren für seine Ideen fand. Allerdings wollten seine potenziellen Partner in den Behörden und Kassen sich bei der Beurteilung seines Erfolgs nicht auf seine Erfahrungsberichte verlassen und ließen das Wyhler Pilotprojekt zwei Jahre lang vom Berliner IGES-Institut evaluieren. IGES kam zum nämlichen Ergebnis wie Pfister: eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten – also ab in die Fläche!

Das gute Zeugnis war nichts wert

Ein halbes Jahr haben sich Kaspar Pfister und Meßstettens Bürgermeister Frank Schroft der Vorfreude und dem Glauben daran hingegeben, grünes Licht für die stambulante Pflege in Meßstetten zu haben. Jetzt kommt das böse Erwachen: Der Gesetzgeber in Berlin ist ungeachtet des guten IGES-Zeugnisses nicht gesonnen, dem BeneVit-Modell als solchem den amtlichen Segen und Pfister die Möglichkeit zu geben, auch andernorts als in Wyhl stambulant zu pflegen – , vielmehr überlässt er es den üblichen Verdächtigen, den Kassen, Trägern, Kommunen, Gemeindetagen und so weiter, jetzt gemeinsam „Details“ auszuarbeiten. Von denen sind jedoch viele Bedenkenträger, einige auch Gegner des Konzepts – auf eine Einigung unter ihnen und das Ende der zu erwartenden kakophonischen Debatte, urteilt Pfister, könne man getrost bis zum St.-Nimmerleinstag warten.

Hatte sich von Berlin mehr erhofft: Kaspar Pfister. Foto: BeneVit/Haug

Das wird er nicht. Er hat das Angebot aus Berlin, das Wyhler Experiment fortzusetzen, dankend abgelehnt und wird das Haus in Südbaden vom kommenden Jahr an wieder nach dem sogenannten Hausgemeinschaftsmodell führen, wie es in 28 weiteren BeneVit-Heimen, darunter dem Haus Raichberg in Onstmettingen praktiziert wird. Sein Meßstetter Engagement will er fortsetzen: Er hat sechsstellige Summen in die Vorbereitung und Planung investiert; er bleibt am Ball – und gibt die Hoffnung nicht auf, dort eines Tages doch noch vom Hausgemeinschaftsmodell aufs stambulante Konzept umsteigen zu können. „Wir werden flexibel planen. Irgendwann ist es so weit – so wie bisher können wir in Deutschland nicht weiter machen.“