Lange Zeit galten Apotheken als wahre Goldgruben. Seit bundesweit fast täglich eine verschwindet, bekommt das Bild erste Risse. Foto: dapd

- In Deutschland verschwinden jede Woche rechnerisch sechs Apotheken. Der Dachverband ABDA rechnet Ende 2012 mit 20.922 Filialen, im Juni waren es 21.080. Der Medikamenten-Verkauf ist nicht mehr so lukrativ wie früher – zwei Pharmazeuten erklären, warum

Lange galten Apotheken als wahre Goldgruben, seit bundesweit fast täglich eine verschwindet, bekommt das Bild erste Risse. Nach Zahlen der Steuerberatungsgesellschaft Treuhand Hannover hat der Umsatz einer typischen Apotheke zwischen 2004 und 2011 um 23 Prozent zugelegt, das Betriebsergebnis vor Steuern ist um 15 Prozent zurückgegangen. Von durchschnittlich 1,3 Millionen Euro Nettoumsatz einer Apotheke bleiben 2012 nach Prognosen vor Steuern 66.000 Euro übrig. Zwei Apotheker mit über 30 Jahren Berufserfahrung – einer auf dem Land, der andere in der Stadt – haben ihre Nöte und ihre Bilanzen offengelegt.

Die Land-Apotheke

Es gibt viele Gründe, warum Menschen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen wollen. Die Begründung des einzigen Apothekers in einem 6000-Seelen-Dorf im Speckgürtel Stuttgarts – er soll Max S. heißen – ist eher ungewöhnlich: „Wenn die Leute meinen Verdienst erfahren, denken sie, die Apotheke macht demnächst zu. Dann kommt gar keiner mehr.“

An diesem Tag summt die Türklingel ­28-mal – das ist normal. Früher kamen 80 Kunden täglich, doch das ist lange her. 33 Jahre, fast sein halbes Leben lang, führt Max S. die Apotheke an einer Hauptverkehrsstraße im Ort. Der „Absturz“ begann vor circa zehn Jahren: Da wechselte der Inhaber der Arztpraxis im Haus, mit ihm verlor S. die ersten Kunden. Dann eröffnete in der Nähe ein Einkaufszentrum samt Apotheke – weitere Kunden wanderten ab. In Zahlen liest sich das so: 2000 hat Max S. rund 870.000 Euro umgesetzt, davon blieben vor Steuern 102.000 Euro übrig. Fünf Jahre später waren es noch 685.000 Euro Umsatz und 70.000 Euro Betriebsüberschuss vor Steuern, den bisherigen Tiefpunkt markiert das Jahr 2011: Da erwirtschaftete die Apotheke 364.000 Euro Umsatz und 14.000 Euro Ertrag – Steuern fallen darauf keine mehr an.

Unter 1,3 Millionen Euro Jahresumsatz gilt eine Apotheke in Deutschland als nicht wirtschaftlich. Damit er die volle Rente bekommt, will Max S. trotzdem bis 65 hinter dem Tresen seiner Ein-Mann-Apotheke stehen, „danach sperre ich für immer zu“. Statt für die Übergabe der Filiale ein zusätzliches Polster fürs Alter zu kassieren, „muss ich wahrscheinlich noch zahlen, um meine ­Chemikalien zu entsorgen“.

Statistisch verschwinden bundesweit sechs Apotheken pro Woche

Wie Max S. geht es vielen Apothekern auf dem Land, rechnerisch verschwinden in Deutschland sechs Filialen pro Woche. 21 080 waren es Ende Juni, fürs Jahresende prognostiziert der Apotheker-Dachverband ABDA noch 20 922. In Baden-Württemberg gibt es erstmals seit Jahrzehnten weniger als 2700 Apotheken, nämlich 2684. Branchenlobbyisten sprechen bereits von einem Massensterben: „Nach dem Ärztemangel wird ein Apothekermangel in ländlichen Regionen unvermeidbar sein“, warnt ­Magdalena Linz, Präsidentin der Apothekerkammer Niedersachsen.  

Die Apotheke von Max S. stirbt jeden Tag ein bisschen. Werbung für Diätmittel oder fürs Blutdruckmessen sucht man vergebens, ebenso großzügige Auslagen mit Drogerieartikeln. Damit es weniger karg aussieht, hat der Pharmazeut Blumen aufgestellt, im Nebenraum lagern ein Computer und Literatur wie das „Europäische Arzneibuch“. Gebraucht habe er den 250 Euro teuren Wälzer noch nie, sagt S., auf andere Utensilien verzichtet er inzwischen gänzlich. Zum Beispiel auf ­Reagenzien für Salben, die viel kosten, aber fast nie nachgefragt werden. Vorgeschrieben ist die Herstellung von Rezepturen sehr wohl. Ein Qualitäts-Management-System zur Geschäftsoptimierung empfiehlt die aktuelle Apotheken-Betriebsordnung ebenfalls. „Daraus lerne ich dann vielleicht, wie ich besser die Tür aufschließe“, sagt S.. An seiner Bilanz sieht er schon heute, dass „2012 noch schlechter wird“.

Die Schuld sucht der Apotheker beim Gesetzgeber: Dieser bürdet der Branche im Zuge verschiedener Gesundheitsreformen immer neue Belastungen auf, in der Folge steigt der Arbeitsaufwand, der Ertrag hingegen sinkt. Größtes Übel sind aus Sicht von Apothekern die Rabattverträge, die Krankenkassen mit Generikaherstellern aushandeln: „Bei dem bürokratischen Verwaltungsaufwand, der bei der Abgabe von Medikamenten notwendig geworden ist, bleibt absolut keine Zeit mehr für die Beratung der Patienten“, klagt der Verein Freie Apothekerschaft.

Die Stadt-Apotheke

Die Stadt-Apotheke

„Im Gesundheitswesen geht es primär nur noch um Kostensenkung. Da bleibt der Verstand irgendwann im Hintertreffen.“ Apotheker fallen selten durch Politikerschelte auf. Mit Rabattverträgen und neuer Betriebsordnung hat der Gesetzgeber aus Sicht des Stuttgarter Apothekers – er soll Uwe K. heißen – aber überzogen. „Die Rabattverträge kosten mich 20 Prozent Zeit zusätzlich“, klagt K., „das bezahlt uns Apothekern niemand.“ Seit 2007 haben rund 150 Kassen 16.400 Rabattverträge mit Pharmafirmen abgeschlossen und damit Milliarden gespart. Den Apotheken bescheren die Verträge nur Arbeit: Bei jedem Rezept prüft ein Mitarbeiter im Computer, ob die Kasse des Kunden für die Verordnung eine Rabattarznei vorsieht, fast jedes zweite an gesetzlich Versicherte abgegebene Arzneimittel ist heute ein Rabattmedikament. Kompliziert wird es, wenn dieses nicht lieferbar ist – dies muss der Apotheker dokumentieren, Ersatz suchen und dem Kunden erklären, warum er schon wieder ein neues Präparat bekommt. „Das ständige Hin und Her verwirrt die Patienten“, schimpft K. Manche Rabatt-Arznei sei wochenlang nicht lieferbar, bei einer steigenden Zahl von Verträgen erwartet er künftig noch mehr Chaos.

Im Schnitt erwirtschaften Apotheken eine operative Marge von 25 Prozent

Der Apotheker hat vor 50 Jahren als Praktikant angefangen, seit 40 Jahren betreibt er eine eigene Filiale, neuerdings zwei. Die Leidenschaft für seinen Beruf umgibt K. wie eine Aura, stolz präsentiert er Besuchern seine jüngste Investition, einen sogenannten Kommissionier-Automaten. Nur jede zehnte Apotheke besitzt einen solchen Roboter, der in einem Nebenraum selbstständig Medikamente sortiert, lagert und diese auf Knopfdruck des Apothekers wieder im Verkaufsraum ausspuckt. Statt in Schubladen nach Arzneien zu wühlen, kann sich K. in dieser Zeit dem Patienten widmen. Der Service hat seinen Preis, allein der Roboter hat 120.000 Euro gekostet und verschlingt jeden Monat 500 für Wartung. Ohnehin entspricht die Filiale in zentraler Lage, die sich mit mehreren Arztpraxen das Gebäude teilt, modernsten Standards: K. und elf Angestellte bedienen fünf Kunden gleichzeitig, es gibt eine abgeschiedene Beratungsecke, Bänke zum Ausruhen und eine Behindertentoilette. Mit täglich 220 bis 300 Besuchern kommen zehnmal so viele wie in der Filiale von Max S., der Jahresumsatz beträgt 2,5 Millionen Euro.

Auch in der Apotheke in der Stadt bleibt ­davon wenig übrig: 2012 werde er rund 70.000 Euro Gewinn vor Steuern erwirtschaften, schätzt K., „eigentlich müsste es bei einer Apotheke dieser Größe doppelt so viel sein“. Auch K. sieht sein Einkommen von Sparzwängen und überbordender Bürokratie bedroht, „in diesem schönen Beruf hat sich sehr viel zum Negativen verändert“, sagt er. Seit 2012 zwingt die neue Apothekenbetriebsordnung Pharmazeuten bei der Herstellung von Rezepturen zu noch mehr Papierarbeit – für das 30-minütige Anrühren einer Salbe bekommen sie aber nach wie vor nur rund fünf Euro. Im Schnitt erwirtschaften Apotheker laut Statistik heute eine operative Marge von 25 Prozent. Davon gehen bis zu 80 Prozent für fixe Kosten wie Miete und Personal ab. K. bezahlt neben seinen Angestellten auch einen Fahrer, der Arznei nach Hause liefert. „Wenn ich diesen Service nicht anbiete, macht es jemand anders.“

Die Zukunft

Die Zukunft

Ab 2013 verdienen Apotheker 25 Cent mehr je verschriebener Arznei – bei seinen wenigen Kunden könne er diese Honorarerhöhung „in der Pfeife rauchen“, sagt Land-Apotheker Max S. Bei Kollege Uwe K. in der Stadt macht das Plus rund 1250 Euro im Monat aus, „davon wird der Kohl aber auch nicht fett“. K. hat das Rentenalter bereits überschritten, will aber noch so lange arbeiten, bis seine Apotheken schuldenfrei sind. Vielleicht interessiert sich eine Angestellte dafür – seine drei Kinder haben andere ­Berufe erlernt.

Max S. hat kurz erwogen, die eigene Filiale aufzugeben, dafür Kollegen in besser laufenden Apotheken zu vertreten. „Dann hätte ich mehr Geld in der Tasche“, sagt er, wollte sich nach über 30 Jahren Selbstständigkeit dann aber doch nicht von anderen „sagen lassen, wie Apotheke geht“. Seinen Gewinn hat der Staat zum großen Teil aufgezehrt. Seinen Stolz nicht.

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