Ein Termin beim Frauenarzt zur Vorsorge? Das könnte im Januar klappen – allerdings im Jahr 2023. Die Vorlaufzeiten bei Fachärzten sind enorm. Einen neuen Arzt zu finden ist fast aussichtslos. Wie groß ist der Mangel im Kreis? Die Kassenärztliche Vereinigung gibt erstaunliche Auskünfte.
Kreis Rottweil. - Folgende Szenerie – typisch für die derzeitige Situation – spielt sich jüngst am Empfang einer Arztpraxis in Rottweil ab: Von Wartezimmer aus ist zu hören, wie das Telefon fast ununterbrochen klingelt. Die Antworten der Praxismitarbeiterin sind fast immer dieselben: "Nein, tut mir leid. Wir nehmen keine neuen Patienten auf. Nein, wirklich nicht, wir sind absolut voll. Tut mir leid. Nein, ich kann da gar nichts machen."
Kein Termin frei
Das Ganze wiederholt sich im Fünf-Minuten-Takt – im Wechsel mit: "Nein, in den nächsten Monaten ist kein Termin frei. Nein, ich kann nichts mehr dazwischen quetschen. Ende 2022 vielleicht? Aber da ist vormittags auch schon alles voll." Die Mitarbeiterin kann einem da ebenso leid tun wie die Menschen am anderen Ende des Hörers. Arzt verzweifelt gesucht – wie kann das sein?
Wer dieser Frage auf den Grund gehen will, landet sehr schnell bei langen Listen und Zahlenkolonnen. Denn ein "Mangel" ist traurigerweise noch lange nicht gegeben, wenn Bürger vor Ort kaum irgendwo einen Termin bei einem Arzt bekommen. Vielmehr gibt es Quoten, mit denen festgelegt ist, wo es wieviele Ärzte geben darf. Und für den Kreis Rottweil sieht es da teilweise gar nicht gut aus.
Zahl der Arztsitze steht fest
Ein Anruf beim Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Baden-Württemberg gibt Aufschluss über das komplizierte Regelwerk. Dort weiß mal wohl von den Nöten mancher Bürger, die verzweifelt einen Arzt suchen oder ewig auf einen Termin warten müssen. Aber: "Die Zahl der Arztsitze für jede Region wurde in den 90er-Jahren kontingentiert, und dabei ist es bis heute geblieben", erklärt Kai Sonntag. Dies sei eine politische Entscheidung gewesen mit dem Ziel, die Beitragssätze der Krankenkassen stabil zu halten. Zugrunde lag die Annahme: Je mehr Ärzte es gibt, desto häufiger gehen die Leute zum Arzt. Die KV hat das also nicht erfunden, ist aber für die Einhaltung der Quoten zuständig.
Zulassungen oft gar nicht möglich
Sonntag weist durch einen Dschungel an Tabellen der "Bedarfsplanung", Stand Juni 2021; mit grünen und weißen Feldern. Grün heißt: Hier darf sich noch ein Arzt des Fachbereichs niederlassen. Weiß heißt: Dieser Fachbereich ist gesperrt – Zulassungen für weitere Ärzte können nicht erteilt werden. Die erste Erkenntnis: Im Kreis Rottweil ist ziemlich viel weiß. "Gesperrt" ist der Kreis aktuell für weitere Augenärzte, Chirurgen und Orthopäden, HNO-Ärzte, Hautärzte, Psychotherapeuten, Urologen sowie in der spezialisierten fachärztlichen Versorgung für Anästhesisten, Internisten und Radiologen. Selbst wenn sich also ein Arzt aus diesem Fachbereich im Kreis Rottweil niederlassen wollen würde – es könnte ihm keine Zulassung erteilt werden. "Es darf in diesem Fall auch kein neuer Arzt in einer bestehenden Praxis dazukommen", so Sonntag.
Ein Frauenarzt ginge noch
Die Frauenarzt-Quote im Landkreis liegt bei 100,7 Prozent. Da der "Puffer" bis 110 Prozent geht, steht dieses Feld auf grün. Generell könnte also noch ein Frauenarzt zugelassen werden – wenn es einen gäbe. Ein deutlicher "Mangel" zeigt sich bei den Kinderärzten: Hier liegt die Quote lediglich bei 83,2 Prozent. Eltern aus dem Kreis dürften bestätigen, dass es bei den Kinderärzten rappelvoll ist. Auch bei Kinder- und Jugendpsychiatern ist noch Luft nach oben. Ebenso bei Nervenärzten.
Verhältniszahl maßgeblich
Zugrunde liegt eine "Verhältniszahl", erklärt der KV-Sprecher. Die besagt, dass auf 6237 Patientinnen ein Frauenarzt kommt – dann sind 100 Prozent erfüllt. Erstaunlich. Dies erklärt dann wohl auch die Terminknappheit. Der Sprecher betont, dass nicht die Kassenärztlichen Vereinigung sich dies ausgedacht hat, sondern dass es die Vorgaben bundesweit gebe. Regionale Besonderheiten würden ebenfalls bei der Berechnung einbezogen, weshalb sich die Verhältniszahl sogar erhöhen kann. Unter anderem wird die Möbilität der Bevölkerung miteinbezogen und der Faktor, wie "krank" die Menschen in der jeweiligen Region sind. "Je kränker, desto mehr Arzt, je gesünder, desto weniger Arzt", erklärt Sonntag.
Ziemlich grün ist die Karte Baden-Württembergs, in der die die Kassenärztliche Vereinigung die Bedarfsplanung für jeden Kreis nach Arztgruppen online abbildet, bei den Hausärzten. Auch im Kreis Rottweil lautet der Status "offen". In der verlinkten Ärztebörse wird ein "Teamplayer" für eine hausärztliche Praxis in Sulz ab Januar gesucht. In der weiteren Region ist nur im Bereich um Freiburg der Bedarf an Hausärzten erfüllt.
Stundenzahl wir nicht berücksichtigt
Dass anhand von Zahlen und Berechnungen nicht die tatsächliche Situation abgebildet werden kann, daraus macht der KV-Sprecher keinen Hehl. Nicht zuletzt weil die Stunden, die jeder Arzt arbeitet, nicht wirklich berücksichtigt sind. "Wenn ein Arzt 50 Stunden die Woche tätig ist und sein Nachfolger dann nur noch 25, gilt das weiterhin als ein Arzt in dem Landkreis", so Kai Sonntag. Und: Die Basis für die Berechnungen sei eben nicht die Nachfrage nach Terminen von den Patienten, sondern die Frage: Wie viel Geld kann reingesteckt werden, um den Beitragssatz trotzdem noch stabil halten zu können. Die Systematik sei vorgegeben, die KV sei das ausführende Organ. Mitunter also ein undankbare Aufgabe. Allerdings: Oft spiele die Bedarfsplanung auch keine große Rolle. Das zeige der Bereich der Kinderärzte. Es könne sich ja durchaus ein weiterer Arzt niederlassen, doch es gebe keinen. Tendenziell gebe es viel mehr angestellte Ärzte als früher, zudem spiele laut Sonntag natürlich auch eine Rolle, dass es viel mehr Frauen in dem Beruf gibt, die dann nur Teilzeit arbeiten.
Nummer 116117 gilt
Was kann der Sprecher den Menschen nun raten, die im Kreis Rottweil nicht fast ein Jahr lang auf einen Arzttermin warten wollen – oder erst gar keinen Facharzt finden, der sie aufnehmen will? "Es bleibt oft nichts anderes übrig, als den Suchradius massiv zu erweitern", sagt Sonntag. Er weist außerdem auf die Möglichkeit der zentralen Terminvergabe unter der Nummer 116 117 hin. Dass viele mit dieser Nummer zuletzt weniger gute Erfahrungen gemacht haben, soll nun kein schlechtes Omen sein – dürfte aber den ein oder anderen abschrecken.