Vanessa Killmaier-Fischer, Ernährungs- und Sportwissenschaftlerin, erklärt, worauf Frauen achten sollten.
Female Health, also die Gesundheit der Frau, gewinnt zunehmend an Bedeutung. Auch Vanessa Killmaier-Fischer aus Balingen hat darin ihre persönliche Leidenschaft gefunden.
Als Ernährungs- und Sportwissenschaftlerin kann sie insbesondere ihren Kundinnen in den Bereichen zyklusbasierte Ernährung und zyklusorientiertes Training besondere Kenntnisse vermitteln. Im Gespräch mit unserer Zeitung beantwortet sie zentrale Fragen.
Wie sind Sie in dem Bereich gelandet?
Vor zwölf Jahren habe ich angefangen, CrossFit zu machen und war von klein auf schon im Leistungssport aktiv. Über den Sport bin ich automatisch zur Ernährung gekommen, weil ich immer das Maximum aus dem herausholen wollte, was ich gerade mache. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass meine Leistung stagniert und meine Regeneration schlechter wurde. Durch mein Studium der Ernährung und einem Coach aus Amerika hat sich dann sehr vieles verändert – Athletik, Leistung, aber auch im Hinblick auf Wohlbefinden und Energie. Da bin ich dann zum kompletten Nerdy geworden und habe gesagt: Irgendwann werde ich das für andere machen und ihnen helfen, egal ob beim Gewichtsmanagement, der Prävention oder der Leistungsoptimierung.
Gab es Entscheidungen in dem Kontext, die als ungewöhnlich radikal wahrgenommen werden?
Ich habe zum Beispiel keinen Alkohol mehr getrunken. Der Alkohol enthält viel Zucker, hat keinerlei Nährstoffe, ist schädlich für die Gehirnentwicklung, für das Immunsystem, die Regeneration und die Organe. Der Körper braucht dadurch länger, um zu regenerieren und die bisherige Leistung wiederzubringen – oder sich gar zu verbessern. Es bremst dich einfach aus. Und der Schlaf ist unglaublich schlecht. Die Kalorien, die ich da hab, ess’ ich lieber.
Wie hängen Sport und Ernährung zusammen?
Sport und Ernährung sind untrennbar miteinander verbunden. 80 Prozent davon ist Ernährung und das musst du umsetzen, wenn du auf Leistungsniveau etwas bewegen willst, sonst bleibst du stehen. Im Training bist du katabol, es ist also ein abbauender Prozess, weil man den Körper beansprucht. Die Nährstoffe werden verbraucht und das muss man durch Ernährung wieder zuführen. Wenn wir das nicht tun, regenerieren wir schlecht und die Energie fehlt, ebenfalls schlecht für das hormonelle System. Dafür gibt es auch eine Bezeichnung: Red S.
Was sind typische Phänomene bei dauerhafter Unterversorgung?
Bei Frauen kommen häufig Amenorrhoe, also das Ausbleiben der Regelblutung, und Osteoporose vor, wobei der Knochen dabei schleichend abbaut, was das Risiko für Brüche im späteren Leben deutlich erhöht. RED-S (Relative Energy Deficiency in Sport) ist die weiter gefasste medizinische Folge davon. Das Syndrom betrifft nicht nur den Zyklus, sondern unter anderem auch Stoffwechsel, Hormonhaushalt, Knochengesundheit, Immunsystem, Leistungsfähigkeit und mentale Gesundheit – bei Frauen wie bei Männern.
Wer sind denn Ihre Kunden?
Alle – vom Profi über das Kind bis hin zum Menschen, der nur präventiv etwas für sich tun will, unabhängig von Geschlecht oder Leistungsniveau. Ich habe die Leute hier, die von sich aus etwas ändern wollen. Im Leistungssegment ist es die Optimierung mit Ernährung, Regeneration und Nahrungsergänzung. Präventiv kommen viele, weil sie sich von der klassischen medizinischen Betreuung nicht ausreichend gesehen fühlen. Blutbilder werden oft nur oberflächlich ausgewertet, Symptome behandelt statt Ursachen gesucht. Das ist nicht pauschal gegen Ärzte gerichtet, aber es ist die Erfahrung vieler meiner Kunden – und die ist erschreckend. Die Menschen fangen an Selbstverantwortung zu übernehmen.
Wie sieht die Zusammenarbeit aus?
Wir arbeiten sehr individuell und eins zu eins. Was einem hilft, hilft nicht gleich dem anderen. Ich schreibe zum Beispiel keine Ernährungspläne, sondern vermittle Wissen und Struktur. Sobald der Mensch weiß, worum es geht, kann er es viel besser umsetzen, als wenn er einfach nur irgendetwas ablesen muss. Wir entwickeln eine individuelle Ernährungsstrategie langfristig für den Alltag.
Worauf müssen besonders Frauen achten?
Frauen und Männer funktionieren hormonell völlig unterschiedlich. Der weibliche Menstruationszyklus besteht aus verschiedenen Phasen mit jeweils unterschiedlicher Hormonlage: der Follikelphase – vom ersten Tag der Blutung bis zum Eisprung – und der Lutealphase – vom Eisprung bis zur nächsten Blutung. In der Follikelphase steigt das Östrogen an, in der Lutealphase dominiert Progesteron. Viele Frauen fühlen sich in der Follikelphase leistungsfähiger, während die Lutealphase oft als gedämpfter wahrgenommen wird. Interessanterweise fallen in Unternehmen genau in dieser Phase viele Krankheitsausfälle an – darüber wird nur kaum gesprochen.
Nehmen Sie das Thema als Tabu wahr?
Es wird offener darüber gesprochen als früher, aber eine gewisse Scham ist immer noch da. Dabei gehört der Zyklus einfach zum Frausein dazu – und er kann mit sehr starken Symptomen einhergehen. Lange Zeit wurden Frauen in Studien kaum berücksichtigt, weil sie als „zu komplex“ galten. Heute rückt Female Health stärker in den Fokus, und das ist enorm wichtig, denn jede Frau ist davon betroffen. Ich finde, das Thema gehört bereits in den Schulunterricht.
Inwiefern hilft es Frauen, ihren Körper besser zu kennen?
Die Forschung zeigt, dass hormonelle Schwankungen im Menstruationszyklus Einfluss auf Leistungsfähigkeit, Regeneration und Belastbarkeit haben können. Gleichzeitig variieren diese Effekte nicht nur von Frau zu Frau, sondern auch von Zyklus zu Zyklus. Deshalb gibt es keine allgemeingültigen Trainingsregeln für einzelne Zyklusphasen. Während manche Frauen in der Follikelphase leistungsfähiger sind, berichten andere – oder dieselbe Frau in einem anderen Zyklus – in der späten Zyklusphase oder sogar während der Blutung von hoher Leistungsfähigkeit. Wer eigene körperlichen Muster kennt, kann Training und Alltag gezielter und sinnvoller anpassen und wir erörtern das.
Wie kann eine Frau dabei den Überblick behalten?
Ich empfehle jeder Frau einen Tracker, in den man den Beginn der Blutung sowie auftretende Symptome eintragen kann. Dafür habe ich für meine Female-Health-Kunden eine eigene App. Da stehen auch Trainingspläne und Ernährungsübersichten drin. Dadurch sehen wir dann: Wie lang ist der Menstruationszyklus, ändert er sich, was für Symptome begleiten mich während welcher Phase und wann bin ich am leistungsfähigsten im Training? Anhand dieser Struktur entwerfen wir ein Muster. Aber dieses Muster kann abweichen – und das ist die Frau. Man muss auch das berücksichtigen, was man vielleicht nicht erwartet. Mit Ernährung, Bewegung und gewissen Nahrungsergänzungsmitteln kann man vorbeugen.