Die neue Gesprächsgruppe in Schliengen soll Betroffenen dabei helfen, besser mit der Situation umzugehen. „Der Bedarf ist groß“, sagt Pfarrerin Bettina von Kienle.
Kein Anruf zum Geburtstag. Kein Besuch zu Weihnachten. Briefe, die ungeöffnet wieder zurückkommen. Kein Lebenszeichen vom eigenen Kind, und das vielleicht über viele Jahre.
Wenn die erwachsenen Kinder den Kontakt abbrechen, ist das für Eltern schwer zu ertragen. Sie leiden oftmals unter quälenden Fragen („Haben wir etwas falsch gemacht?“) und diffusen Schuldgefühlen.
Verlust und Trauer
Die neue Gesprächsgruppe für verlassene Eltern, die im Oktober in Schliengen gestartet ist, soll Betroffenen dabei helfen, besser mit der Situation umzugehen. „Die monatlichen Treffen geben verlassenen Müttern und Vätern einen Raum, wo sie über ihren Verlust und ihre Trauer sprechen können“, sagt Pfarrerin Bettina von Kienle, die die Gruppe gemeinsam mit Supervisorin Susanne Teichmanis leitet. Mit im Boot ist außerdem Pastoralreferentin Isabell Röser.
Großer Bedarf
Ein Kontaktabbruch zwischen Eltern und Kind – davon seien mehr Menschen betroffen als man ahnt, weiß die evangelische Pfarrerin aus ihrer langjährigen Erfahrung. Der Bedarf für eine solche Gruppe sei dementsprechend groß – das Gleiche gelte für den Leidensdruck, den viele Betroffene haben. Bei manchen könne dieser bis zur Depression führen, sagt von Kienle. Erschwerend komme für viele Betroffene hinzu, dass sie durch den Kontaktabbruch auch die Beziehung zu ihren Enkeln verlieren.
Besonders belastend sei die Situation, wenn es auf das eigene Ende zugehe. Denn das bringe weitere Fragen auf den Tisch – unter anderem, was das Erben angeht.
Leiden und hoffen
„Zu unserem ersten Termin im Oktober kamen auf Anhieb ein Dutzend Leute – Tendenz steigend“, hält die 63-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung fest. „Die, die kommen, leiden, haben aber auch die Hoffnung, dass sich wieder etwas an der Situation ändert“, sagt von Kienle, die seit 33 Jahren Pfarrerin ist. Bevor sie im Herbst 2024 ins Markgräflerland wechselte, war sie 20 Jahre im Schwarzwald tätig. Bereits in ihrer vorherigen Wirkungsstätte im Villinger Süden hatte sie eine Gesprächsgruppe für verlassene Eltern geleitet.
Die Gründe sind vielfältig
Bettina von Kienle: „Viele Betroffene sagen, dass sie gar nicht wüssten, weshalb ihre Kinder den Kontakt abgebrochen haben.“ Das sei ein weit verbreitetes Phänomen. Wobei die Pfarrerin anmerkt: In jedem Fall gebe es eine Vorgeschichte. Die Bandbreite der Gründe und Faktoren, warum sich Kinder von ihren Eltern abwenden, sei groß.
Sprachlosigkeit überwinden
Eine zusätzliche Belastung für die Betroffenen sei, dass es sich nach wie vor um ein Tabuthema handelt. Oftmals werde im privaten Umfeld geschwiegen, oder die Eltern machen die Erfahrung, dass sie im Freundes- und Bekanntenkreis auf Unverständnis stoßen. Viele würden sich auch aus Scham zurückziehen, weichen aus, wenn nach den Kindern gefragt werde und fühlten sich zunehmend isoliert. Ziel der Gruppe sei es, diese Sprachlosigkeit zu durchbrechen, sagt von Kienle.
Die eigene Geschichte
Die Gruppe biete einen geschützten Raum, um über den Verlust und die eigene Geschichte zu sprechen, sagt die Geistliche, die dabei auf die geltende Verschwiegenheit verweist. Das Prinzip der Gruppe basiere auf Vertrauen und Vertraulichkeit.
Das Schöne entdecken
„Ich kann die Kinder nicht wieder herzaubern“, macht Pfarrerin von Kienle im Gespräch mit unserer Zeitung deutlich. Die Gruppe könne den Betroffenen jedoch dabei helfen, besser mit der Situation umzugehen und „zu entdecken, was trotz allem das Leben lebenswert und schön macht“.
Nicht alles in der Hand
Der Austausch könne dabei helfen, den Boden zu bereiten, falls es doch wieder zu einer Annäherung kommt, aber auch unterstützen und trösten, falls dies vielleicht niemals geschehen wird. Dabei macht die Pfarrerin deutlich: „Wir haben nicht alles in der Hand.“
Gesprächsgruppe für verlassene Eltern
Die Treffen
finden jeweils am ersten Montag eines Monats von 16 bis 17.30 Uhr im Gemeindehaus der Prälat-Hebel-Kirche in Schliengen (Bellinger Straße 12) statt. Nächster Termin ist am 1. Dezember. Die Gruppe ist offen, Interessierte können jederzeit ohne Anmeldung dazukommen.
Weitere Infos
im Pfarramt Auggen/Schliengen, Tel. 07631/2589, E-Mail: auggen@kbz.ekiba.de.