Warum sehe ich diesen Hinweis?

Sie sehen diesen Hinweis, weil Sie einen Adblocker eingeschaltet haben oder im privaten Modus surfen. Deaktivieren Sie diesen bitte für schwarzwaelder-bote.de, um unsere Artikel ohne diesen Hinweis lesen zu können.

Mehr zum Thema Adblocker / Privater Modus und wie Sie diesen deaktivieren, finden Sie, indem Sie auf deaktivieren klicken.

Deaktivieren

Gespräche mit Jesidinnen Burladinger Psychologin forscht zu Traumata

Von
Jana Denkinger, hier bei einer Reise in Ladakh (Indien), ist auch Co-Autorin eines wissenschaftlichen Buches über das Hilfsprojekt des Landes Baden-Württemberg. 1000 Jesidinnen kamen so in den Südwesten, mit mehr als 100 davon sprach die Forscherin. Foto: Privat

"Ich habe sehr viele bewegende, teilweise unvorstellbar grausame und tragische Geschichten gehört", sagt die 28-jährige Burladingerin Jana Denkinger. Sie sprach mit mehr als 100 Jesidinnen, die vor Mord, Vergewaltigung und Versklavung flohen. Näheres lesen Sie mit unseren (SB+)Artikel.

Burladingen/Tübingen - Die Jesidinnen wurden 2015 im Rahmen des Sonderkontingents "Nordirak" in Baden Württemberg aufgenommen. "Es waren aber auch enorm starke und inspirierende Frauen, die ich da kennen lernen durfte", erzählt sie uns.

Wer der jungen Frau eine Weile zuhört, der spürt, dass sie etwas hin- und hergerissen ist zwischen akademischem Abstand und Anteilnahme für die furchtbaren Schicksale. Mit denen setzt sich die einstige freie Mitarbeiterin des Schwarzwälder Boten nun als "Projektkoordinatorin der wissenschaftlichen Evaluation des Sonderkontingents Nordirak" und im Rahmen ihrer Doktorarbeit an der Psychologischen Fakultät der Universität Tübingen auseinander. Letztlich gelingt es ihr aber doch immer, Distanz herzustellen zu den Lebensgeschichten, die sie gehört, aufgeschrieben und als Psychologin wissenschaftlich ausgewertet hat.

Aussprachen mit anderen Fachexperten

Wie schafft sie das, mit gerade mal 28 Jahren, und macht das was mit ihr? Mit einer, die es als Journalistin vor allem liebte, über Kultur, Kunst und Musik zu berichten? "Wir haben alle Supervision", sagt sie. Ohne das, ohne Aussprachen mit anderen Fachexperten, bei denen man abgeben und andere Sichtweisen erarbeiten kann, ginge es nicht, macht sie klar.

Vor allem aber ist sie überzeugt von dem, was sie tut. Sie glaubt daran, dass die "wissenschaftliche Begleitung und Bewertung des weltweit ersten durch ein Bundesland initiierten Sonderkontingents wichtig und sinnvoll ist", erzählt sie. Es könnte, das ist ihre und die Hoffnung ihrer Kollegen, für die Entwicklung von zukünftigen Aufnahmeprojekten sehr wertvoll sein.

Aufgewachsen ist Jana Denkinger in Burladingen. Sie besuchte das Progymnasium Burladingen, später das Hechinger Gymnasium. Psychologie studierte sie in Tübingen und San Francisco. Und ja, gereist ist sie viel, bestätigt sie. Diese Reisen und Studienaufenthalte in Australien, Kanada, den USA und an verschiedene Universitäten in Europa haben ihr sicher den Blick geweitet.

"Aus der Gewalt des ›Islamischen Staates‹ nach Baden-Württemberg" lautet der Titel

Sie bekam ein Promotionsstipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung und arbeitet nun am Universitätsklinikum Tübingen in Kooperation mit der amerikanischen Harvard University über die Themen Trauma, Flucht und Resilienz und hat zusammen mit Kollegen ein Buch zu dieser Thematik veröffentlicht. "Aus der Gewalt des ›Islamischen Staates‹ nach Baden-Württemberg" ist der Titel, es erschien im vergangenen Jahr im Beltz Verlag.

Seelische Widerstandskraft

Wenn sie im Gespräch das Wissenschaftsdeutsch verlässt, dann berichtet sie einfach über die Spätfolgen, die so manche dieser Frauen und Kinder mit im Gepäck hatten, als sie im Südwesten ankamen. Aber sie erzählt auch von der seelischen Widerstandskraft, welche diese Jesidinnen entwickeln mussten und darüber, wie es helfen kann, dies zu wissen, wenn man sie oder auch andere traumatisierte Geflüchtete bei der Eingliederung in Deutschland unterstützen möchte.

"Bei manchen jungen Frauen, mit denen ich gesprochen habe, habe ich gelegentlich auch gedacht, dass deren Wünsche und Sichtweisen nicht so viel anders sind als die meinen, obwohl sie aus einer ganz anderen Kultur kommen", betont Denkinger das Stückchen Normalität, das den Frauen geblieben ist und auf dem ihre Sozialbetreuer und Psychologen aufbauen können.

Denn, so hat es die Landesregierung Baden-Württembergs 2015 erkannt: Es handelt sich um "besonders schutzbedürftige Menschen". Die meisten der Frauen kommen aus einer ländlichen Region des Nordiraks, dem Sindschar-Gebirge. Als dieses Gebiet von Truppen des "Islamischen Staates" erobert wurde, töteten diese zuerst die Männer, Frauen und Kinder wurden in großer Zahl entführt.

Das hat diese Frauen in einer männerdominierten Gesellschaft besonders schutzlos gemacht. Sie waren allein auf sich gestellt, wurden oft vergewaltigt, auf Sklavenmärkten verkauft, manchmal von ihren Kindern getrennt, als Dienstmägde gehalten.

Von Verwandten freigekauft

Manche wurden von Verwandten freigekauft, andere konnten fliehen oder wurden zurückgelassen, als der "Islamische Staat" in manchen Gebieten den Rückzug antreten musste. "Manche Frauen fanden sehr kreative und schlaue Möglichkeiten, um zu überleben", sagt Jana Denkinger. Sie erzählt von jener Jesidin, die in dem Haushalt, in dem sie zur Arbeit gezwungen wurde, einen Streit zwischen den Frauen inszenierte. Es ging um eine Shampoo-Flasche. Als die Frauen sich darüber in die Haare gerieten, nutzte die Gefangene die wenigen Minuten, um zu entkommen.

Und – das hatte sie geplant - damit die anderen Frauen ihr nicht folgen konnten, nahm sie unter ihren Gewändern deren Verschleierung mit. Ohne diese durften Frauen in den IS-Gebieten nicht auf die Straße, sonst drohte ihnen die Todesstrafe. Die Jesidin entkam – und lebt jetzt in Baden-Württemberg.

Mit den anderen geflüchteten Frauen habe sie eins gemeinsam, sagt Jana Denkinger. "Sie sind alle sehr, sehr dankbar für die Aufnahme. Viele der Frauen freuen sich gerade darüber, dass ihre Töchter hier zur Schule gehen, Deutsch lernen und vielleicht später sogar studieren dürfen. Sie schätzen das, weil dies für sie als Jesidinnen im Nordirak so gut wie unmöglich wäre. Ausbildung, das ist für sie keine Selbstverständlichkeit und ein hohes Gut".

Dass die meisten der baden-württembergischen Jesidinnen auch längerfristig hier bleiben wollen, dass ihre Kinder inzwischen gut Deutsch sprechen, dass die Integration bei fast allen geglückt ist, das ist auch Menschen wie Jana Denkinger zu verdanken. Es muss sie geben, diese Wissenschaftler, denen es gelingt, mit akademischem Abstand zu forschen, damit es Berater, Sozialarbeiter und Psychologen in der direkten Hilfe für Schutzbedürftige richtig machen können.

Artikel bewerten
4
loading

Sonderthemen

 

Ihre Redaktion vor Ort Burladingen

Ihre Redaktion vor Ort Hechingen

Klaus Stopper

Fax: 07471 9874-21

Top 5

0

Kommentare

Artikel kommentieren

Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.