Im Wartezimmer des Tierarztes geht es ganz anders zu als beim Hausarzt, hat unsere Autorin festgestellt. Tierbesitzer kommen miteinander ins Gespräch. Und ob man will oder nicht, man erfährt alles über Krankenschicksale, tierische Heldentaten und Hundefrisuren.
Im Wartezimmer des Hausarztes sitzen Patienten eng nebeneinander auf harten Stühlen, schauen nicht nach rechts oder links. Lieber will man das Krankenschicksal des anderen nicht wissen, das Schnäuzen des Nebenmannes nicht sehen – nie käme man auf die Idee, sich zu unterhalten.
Ganz anders beim Tierarzt. Dort tut keiner so, als sähe er die anderen nicht. Im Gegenteil, man kann nicht verhindern, in 30 Minuten Wartezeit die Schicksale aller anwesenden und früheren Haustiere zu erfahren – von deren redseligen Besitzern. Die Patienten sitzen in Boxen und an Leinen auf dem Boden vor ihren Herrchen und Frauchen. Eine ältere Dame erzählt erst ihrer Nebensitzerin, bald allen im Raum von ihrem früheren Hund, zwanzig Jahre lang war er an ihrer Seite, „noch in der Wohnung in Mannheim, wissen Sie“. Alle nicken, und keiner weiß, warum. „Der Hund liebte nichts so sehr wie das Feuerwerk zum Jahreswechsel, das stelle man sich mal vor!“
Der Hund genießt das Feuerwerk vom Balkon aus
Als es nur so donnerte und die Funken sprühten, ist er mit raus auf den Balkon, hat sich mit den Vorderbeinen auf dem Geländer abgestützt, sein Fell wehte im Wind, und er hat majestätisch in den Himmel geschaut wie die Royals. „Dann hat er aber eingeschläfert werden müssen, es war das Rheuma.“ Wie der silvesterliebende Hund hieß, können wir nicht verstehen, da die wuschelige Katze neben uns nun ununterbrochen schreit wie ein Baby. Ach je, was die Arme denn habe, will die Hundeerzählerin wissen. – „Sie muss operiert werden, ein Geschwür. Sie hat solche Schmerzen.“
Ein Mädchen hält einen kleinen braunen Karton auf dem Schoß – was sich darin wohl versteckt? Das Schaf vom kleinen Prinzen? Neben ihr beugt sich eine Frau zum Boden und streichelt ihre Katze im Korb, murmelt: „Ja, was hast du denn da? Hast du jetzt Flöhe?“
Wo das Vieh denn genau drin stecke, will eine wissen
Wir rücken unauffällig etwas ab, da stürmt ein Yorkshire Terrier an der Leine einer Frau das Zimmer. Wie ein selbstbewusster Aufschneidertyp checkt er jede Ecke, kläfft ein paarmal, kann nicht still sitzen, auf seinem Kopf trägt er zwei imposante Zöpfchen. „Entschuldigung, gell“, sagt die Besitzerin, die mit roten Haaren und bunter Hose beinahe so extravagant aussieht wie ihr Hund. „Er hat eine Zecke in der Pfote oder eine Dorne. Das weiß ich halt nicht. Jetzt ist er ganz durcheinander.“ Wo das Vieh denn genau drin stecke, will eine andere wissen.
Man stelle sich mal vor, das fragte man einander beim Hausarzt: Wo ist denn der Furunkel? Zeigen Sie mal her Ihr Geschwulst! „Na, in der Pfote, da fummel ich nicht selbst drin rum“, sagt die Frau. „Muss man dem eigentlich die Haare schneiden?“, will die andere noch wissen. – „Ja, doch, da schneide ich hier und da mal was weg. Der sieht ja sonst nichts mehr.“
Sich im Wartezimmer des Tierarztes zu unterhalten hat etwas Erleichterndes: Nicht wir sind die Patienten, aber doch aus Betroffenheit da, wir leiden mit. Ähnlich wie unter Eltern tauscht man wissende Blicke.
„Warum ist Ihre Katze so dick?“
Jetzt fragt das Mädchen mit dem Karton auf dem Schoß den Mann nebenan: „Warum ist Ihre Katze so dick?“ Als habe er nur auf sein Stichwort gewartet, antwortet der Mann freundlich: Die Katze leide an einer schrecklichen Krankheit, die dazu führe, dass sie immer weiter wachse und außerdem ihren eigenen Schwanz aufgefressen habe. „Eine Nervenkrankheit!“ Das Mädchen reißt die Augen weit auf. „Und was ist in deinem Karton?“ fragt er es. – „Ein Igel. Er ist krank.“
Lauschangriff In loser Folge erzählen wir in unserer Serie von Gesprächen aus dem Alltag, die nicht zu überhören sind.