Mehr als zwei Jahre lang war Äthiopiens Provinz Tigray von der Außenwelt abgeschottet – die Grenzen verriegelt, das Telefonnetz gekappt, von jeglicher Versorgung abgeschnitten. Zum Vorschein kommen nun ein geschundener Landstrich und gepeinigte Menschen.
Als das Flugzeug auf der Landebahn von Mekele aufsetzt, verwandelt sich die Kabine in einen Kessel überschwänglicher Gefühle: Frauen stoßen schrille Trillerschreie aus, Männer klopfen sich lachend auf die Schultern, eine Mutter von zwei Kindern bricht in unkontrolliertes Schluchzen aus. Sie habe ihre Eltern seit drei Jahren nicht mehr gesehen und vor zwei Wochen erstmals wieder mit ihnen gesprochen, sagt die junge Frau: Zum Glück seien sie wohlauf, einer ihrer Cousins habe den Krieg jedoch nicht überlebt.
Mehr als zwei Jahre lang war Äthiopiens Provinz Tigray von der Außenwelt abgeschottet – die Grenzen verriegelt, das Telefonnetz gekappt, von jeglicher Versorgung abgeschnitten. Bis Äthiopiens Regierung mit der Volksbefreiungsfront Tigray (TPLF) Anfang November in Südafrika einen Friedensvertrag schloss: Seitdem sollten die Kämpfe eigentlich beendet, die Grenzen geöffnet und die Provinz wieder Teil der äthiopischen Bundesrepublik sein.
Vor zehn Tagen nahm auch Ethiopian Airlines seine Flüge in die Provinzhauptstadt Mekele wieder auf. Wenige Tage vor dem orthodoxen Weihnachtsfest ist der Andrang dermaßen stark, dass die Fluglinie statt täglich einer Maschine gleich drei hintereinander einsetzen muss. Die Bewegungsfreiheit gilt allerdings nicht für alle: Journalisten verwehrt die Regierung in Addis Abeba nach wie vor den Zugang zur Bürgerkriegsprovinz – vor allem wenn sie aus dem Ausland kommen. Ein illegaler Besuch in Tigray werde ernste Folgen haben, warnt der Verantwortliche im Akkreditierungsbüro Addis Abebas. Was hat die Regierung in Tigray zu verbergen?
Mekele wirkt wie ein Schatten seiner selbst. Sogar während ihrer Besetzung durch äthiopische Regierungstruppen war die eigentlich knapp eine halbe Million Einwohner zählende Provinzhauptstadt belebter. Heute sitzen Verkäuferinnen oder Verkäufer vor fast leeren Geschäften und starren mit ebenso leerem Blick in die Ferne. Auf den Straßen sind höchstens mit Passagieren vollgestopfte dreirädrige Tuk-Tuks, klapprige Minibusse oder Eselgespanne auszumachen. Erstere schalten bei einer Talfahrt ihre Motoren aus, um Sprit zu sparen. Letztere ziehen einen Autoreifen hinter ihrem Karren her, auf dem ein Mann als Bremse steht. Ein Liter Benzin kostet umgerechnet derzeit mehr als vier Euro: Für fast jeden unerschwinglich. Mekeles Tankstellen sind ausgestorben: Der Sprit wird literweise in Plastikflaschen verkauft.
Die meisten Banken sind noch geschlossen – die wenigen geöffneten geben ihren Kunden pro Woche höchstens 1500 Birr aus, weniger als 30 Euro. Die längsten Schlangen haben sich vor den Läden für Telefonkarten gebildet: Weil zwei Jahre lang kein Handy ging, sind die alten Karten abgelaufen.
Gleich hinter dem Hotel Northern Star werden Nahrungsmittel verteilt – seit Mitte vergangenen Monats ist das Welternährungsprogramm (WFP) der UN wieder in der Provinz aktiv. In Reih und Glied sitzen Dutzende vor allem älterer Menschen auf dem Boden und warten geduldig, bis sie dran sind.
Leere Geschäfte – Sprit unerschwinglich
Seit fast drei Jahren ist die Schule wie sämtliche Bildungseinrichtungen in der Provinz geschlossen – erst wegen Covid, dann wegen des Kriegs. Wer es sich leisten kann, hat für seine Kinder einen Privatlehrer engagiert oder versucht, ihnen selbst etwas beizubringen. „Unter den Folgen des jahrelangen Schulausfalls wird Tigray noch jahrzehntelang leiden“, sagt Samuel. Er war früher selbst Lehrer und zieht jetzt seine zehn- und 16-jährigen Söhne alleine auf. Seine 41-jährige Frau sei vor wenigen Monaten gestorben: an einer Entzündung, die mit Antibiotika ohne Weiteres hätte geheilt werden können. Wegen der Blockade gab es in Tigray jedoch keine Medikamente mehr.
Unterernährte Kinder
Unterdessen sitzt Yibrah Asmelash in dem ehemaligen Klassenzimmer der ältesten Grundschule Mekeles und wartet, dass auch er an die Reihe kommt. Der 37-Jährige hat in den vergangenen vier Monaten nur einmal Hilfe erhalten: 15 Kilogramm Mehl, 1,5 Kilogramm Bohnen und drei Viertelliter Pflanzenöl. Mehr war nicht drin, weil selbst die Konvois des WFP nicht in die blockierte Provinz gelassen wurden. Yibrah floh im September von seinem rund 150 Kilometer entfernten Dorf Adi Nevri zu Fuß nach Mekele – während der zweiten großen Flüchtlingswelle des Bürgerkriegs. Beim Beschuss seines Dorfs durch eritreische Truppen habe er in dem Tumult seine Frau verloren, erzählt der Kaufmann: Inzwischen erfuhr er, dass auch sie überlebt hat. Allerdings wurde sein Geschäft geplündert und zertrümmert.
Täglich kämen mehrere unterernährte Kinder in seine Station, berichtet derweil ein Arzt in der Pädiatrie des Ayder-Hospitals: Doch das wirkliche Problem seien diejenigen, die nicht auftauchen. Ausgehungerte Kinder in ländlichen Regionen, die wegen fehlender Transportmittel und fehlenden Geldes niemals in ein Krankenhaus kommen. In ihrem Dorf seien schon mehrere Kinder verhungert, berichtet die Mutter des sechs Monate alten Getenet; dessen Haut ist runzlig wie die eines Greises.
Massaker, Vergewaltigungen und Plünderungen
Fast der gesamte Norden und Westen Tigrays ist weiterhin von eritreischen Truppen besetzt, die Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed vor zwei Jahren zur Unterstützung seiner Invasion gerufen hatte. Bei den Friedensgesprächen in Südafrika war Eritrea nicht vertreten: Das ließ die Befürchtung aufkommen, der eritreische Diktator Isaias Afwerki könne zum Friedensverderber werden. Tatsächlich befinden sich seine Truppen auch zwei Monate nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags noch immer in Tigray und werden – wie schon während der ersten heißen Phase des Kriegs – zahlreicher Massaker, Vergewaltigungen und Plünderungen bezichtigt. Seit der Unterzeichnung des Friedensvertrags seien schon mehr als 4000 Menschen getötet worden, heißt es. In einer der beiden TV-Stationen Tigrays sind Bilder von einer Karawane vollbepackter Kamele in den Straßen der Provinzstadt Shires zu sehen. Sie transportierten Beutegut nach Eritrea ab, sagt der Sprecher: von Baumaterialien über Möbel bis zu Töpfen und Löffeln. Afwerkis Absicht sei die „totale Zerstörung“ Tigrays, meint der politische Analyst Muez Gidey.
Bei der Vereinbarung von Pretoria handele es sich um keinen Friedensvertrag, sondern um eine Kapitulationserklärung, fährt Muez fort: Der TPLF sei nichts anderes übrig geblieben als aufzugeben. Der strategische Kopf der Verteidigungskräfte Tigrays (TDF) – der schon in früheren Kriegen legendäre General Tsadkan Gebretensae – rechnet damit, dass allein in den letzten zweieinhalb Kriegsmonaten mehr als 150 000 Soldaten fielen. Noch heute seien die Schlachtfelder von den Überresten nicht beerdigter Gefallener übersät.
Tsadkan wirkt keineswegs kriegslüstern: Der etwa 70-Jährige sitzt im Trainingsanzug auf der Terrasse seiner Villa in einem schmucken Stadtteil von Mekele, trinkt äthiopischen Kaffee und spricht mit sanfter Stimme. Die TDF habe zu den Waffen gegriffen, um die Bevölkerung zu schützen, sagt der General: Welchen Sinn hätte es gemacht, dafür die Bevölkerung zu opfern? Schließlich hätten die Gegner keinen herkömmlichen, sondern einen „totalen Krieg“ geführt, von dem die Zivilbevölkerung nicht ausgeschlossen blieb. In Mekele kursieren Zahlen, wonach in den vorigen zwei Jahren eine Million der gut sieben Millionen Tigray starben.
Wiederaufnahme des Kriegs unvermeidlich?
Tsadkan ist überzeugt davon, dass inzwischen auch Premierminister Abiy den Frieden brauche: Ohne ihn werde sein wirtschaftlich schwer angeschlagenes Land nicht wieder auf die Beine kommen. „Wir sind zur Kooperation mit Abiy bereit“, sagt der Vier-Sterne-General.
Vor eineinhalb Jahren hatte TPLF-Sprecher Getachew Reda noch jede Verständigung mit dem Friedensnobelpreisträger ausgeschlossen. „Wir haben jedes Vertrauen in ihn verloren“, so Getachew damals. Heute setzt der einstige äthiopische Informationsminister alle Hoffnung auf Abiy – vor allem wenn es darum geht, die Eritreer aus Tigray zu komplimentieren. Abiy habe die Nachbarn zu Hilfe gerufen, jetzt müsse er sie auch wieder loswerden. Gelinge ihm das nicht, sei eine Wiederaufnahme des Kriegs unvermeidlich. Selbst bei einem Abzug der Eritreer ist jedoch längst nicht geklärt, ob Tigray tatsächlich Teil der äthiopischen Bundesrepublik bleibt. Äthiopiens Verfassung räumt jeder Provinz ausdrücklich das Recht zu Abspaltung ein.
Eine um Jahrzehnte zurückgeworfene Provinz
Kinfe Hadush, Sprecher der oppositionellen Partei der Dritten Revolution in Tigray, glaubt zu wissen, wie ein Volksentscheid über die Unabhängigkeit ausgehen würde: „Mehr als 95 Prozent der Bevölkerung werden dafür stimmen.“ Vermutlich ist das nicht übertrieben: Kaum ein Tigray kann sich derzeit noch ein Zusammenleben mit „den Äthiopiern“ vorstellen. Noch schwieriger könnte es für die Bevölkerung allerdings nach einer Sezession werden: Denn die auf allen Seiten von Feinden umgebene Provinz müsste sich auf eine Blockade wie in den vergangenen zwei Jahren gefasst machen, nur eben ohne Ende.
Wie das aussehen könnte, hat die Regierung in Addis Abeba bereits durchblicken lassen. Nach dem orthodoxen Weihnachtsfest in der vorigen Woche untersagte sie allen zwischen 18- und 50-jährigen Tigray die „Einreise“ nach Addis Abeba: Als ob man auf das Minderheitenvolk (gut fünf Prozent der 120 Millionen Äthiopier) gar keinen Wert mehr lege. In Mekele ist schon heute abzulesen, wie Tigray in zehn Jahren aussehen könnte: Eine um Jahrzehnte zurückgeworfene Provinz, die zwar mit knapper Not den Krieg überlebte, aber vollends am Frieden scheiterte.