Anna Pajdakovic mit ihrem Tutor Gabriel Stängle freuen sich über den Landespreis.  Foto: Schule

Geschichte – für manche Schüler ein Albtraum, für andere das Lieblingsfach und pure Leidenschaft. Zu letzteren gehört Anna Pajdakovic vom Wirtschaftsgymnasium Nagold. Mit ihrem Beitrag für den renommiertesten Geschichtswettbewerb Deutschlands gewann sie einen Landespreis.

Nagold/Haiterbach -In mehr als 100 Arbeitsstunden ist ein Projekt entstanden, das seinesgleichen sucht. "Sie hat unglaublich viel Arbeit hineingesteckt und etwas geleistet, das noch kein Schüler vor ihr gemacht hat", sagt ihr Tutor Gabriel Stängle, der die Arbeit betreute. Mit Geschichtslehrer Stängle traf sich Anna Pajdakovic in der sechsmonatigen Entstehungsphase nur zwei Mal, der weitere Kontakt erfolgte ausschließlich via Telefon und E-Mail. "Der restliche Teil war selbstständiges wissenschaftliches Arbeiten auf hohem Niveau", betont Stängle. Schon bei der vorherigen Ausgabe des Geschichtswettbewerb vor zwei Jahren machte die Elftklässlerin mit einer Stadtführung zum Thema Nationalsozialismus auf sich aufmerksam und gewann einen Förderpreis.

Das Motto des diesjährigen Wettbewerbs lautet: "Bewegte Zeiten. Sport macht Gesellschaft." Anna Pajdakovic entschied sich dabei für ein Thema aus ihrem persönlichen Umfeld. Die Arbeit trägt den Titel "Komušina mischt in Haiterbach mit – die Rolle des Sports in der Zuwanderungsgesellschaft einer schwäbischen Kleinstadt." Die Schülerin begab sich dabei auf Spurensuche in der Vergangenheit – zum Teil auch in der Historie ihrer eigenen Familie. Da ihre Großeltern im Jahr 1971 als Gastarbeiter von Kroatien nach Deutschland eingewandert sind, hat sie selbst Migrationshintergrund. Sie führte Interviews mit Zeitzeugen – zum Teil auf kroatisch – die sie verschriftlichte und selbst übersetzte. "Schon eine Nummer", lobt Stängle. Neben einer wissenschaftlichen Arbeit, die ganze 40 Seiten fasst, erstellte Anna Pajdakovic auch selbstständig einen Podcast. Ihr Vater half ihr dabei, die Interviews mit den Gastarbeitern nachzusprechen.

Arbeit dreht sich um Basketballverein

Der Basketballverein Komušina Haiterbach, um den sich die Arbeit dreht, begann seine sportliche Aktivität im Jahr 1971 – damals noch als Fußballverein unter dem Namen FK Proleter. Der Klub spielte zunächst ausschließlich in jugoslawischen Ligen. Doch mit dem Zerfall Jugoslawiens wechselte der Verein nicht nur die Sportart, sondern nahm auch an lokalen Wettbewerben teil, was durchaus zu kulturellen Reibungspunkten mit den sportlichen Konkurrenten führte.

Anna Pajdakovics Arbeit beschäftigte sich daher mit der Frage, ob der Sport die Menschen verbindet oder trennt. Eines ist geschichtlich jedenfalls belegt: Ein Duell der beiden Fußballclubs Dinamo Zagreb und Roter Stern Belgrad offenbarte den Zerfall Jugoslawiens. Mit Fanklubs, die aufeinander losgingen, begannen gewaltvolle Konflikte, die später mit den Jugoslawienkriegen ihren Höhepunkt erreichten. "Plötzlich war es wichtig, ob man Kroate, Serbe oder Bosnier war", erzählt Geschichtslehrer Stängle. Anna Pajdakovics Fazit: Der Sport habe mit Beginn des Krieges die Leute zunächst getrennt, aber auch einen großen Teil zur Integration beigetragen. "Gastarbeiter aus dem Verein sprechen heute viel besser Deutsch", stellt die Schülerin fest. Auch Geschichtslehrer Stängle ist "völlig fasziniert" von der Integrationsarbeit des Sports – Komušina sei heute ein fester Bestandteil in Haiterbach.

Anna Pajdakovics intensive Forschung wurde mit einem Landespreis belohnt. Und damit nicht genug: Dank ihrem Erfolg darf sie am Bundeswettbewerb teilnehmen, bei dem eine weitere Jury die Arbeit im Herbst erneut bewertet. Die Erstpreisträger auf Bundesebene werden ins Schloss Bellevue eingeladen und vom Bundespräsidenten höchstpersönlich ausgezeichnet. So weit möchten Anna Pajdakovic und ihr Tutor noch nicht denken. Allerdings könnte "schon etwas rausspringen", sagt die Schülerin – und gibt sich dennoch bescheiden: Sie sei auf ihr Schaffen genauso stolz gewesen, wenn sie nichts gewonnen hätte, betont die Elftklässlerin. "Aber Bestätigung tut jedem gut", sagt sie. Stängle jedenfalls ist total begeistert von ihrer "hochkarätigen Arbeit" und bezeichnet den Landessieg als ein "Riesending." Auch, weil Anna Pajdakovic eigenständig forschte – und sich nicht wie viele andere Teilnehmer für eine Gruppenarbeit entschieden hatte. "Es ist toll zu sehen, wie Schüler selbstständig arbeiten", sagt Stängle. Auch die Zeitzeugen waren begeistert, dass sich eine junge Schülerin für ihre Geschichte interessiert.

"Blick auf die eigene Geschichte"

"Aber auch die Öffentlichkeit bekommt einen ganz anderen Blick auf die eigene Geschichte. Das steht in keinem Buch", betont Stängle. Er bezeichnet Anna Pajdakovics Werk daher als "Pionierarbeit" und zeigt sich beeindruckt von ihrer Forschung: "Sie hat es geschafft, auf jede erdenkliche Art und Weise alle verfügbaren Quellen aufzutreiben." Egal ob beim Verein aus Haiterbach selbst oder dem Archiv der katholisch-kroatischen Kirchengemeinde Nagold – die Schülerin nutzte jede Gelegenheit, um mehr über die Rolle des Sports bei der Integration jugoslawischer Gastarbeiter herauszufinden. Ein Kraftakt. Für Anna Pajdakovic allerdings eine große Leidenschaft. Sie bezeichnet sich als eine sehr ehrgeizige Person, die sich nie zufrieden gibt. Geschichte macht ihr nicht nur großen Spaß, sie fasziniert sich auch für deren Bedeutung: "Es ist beeindruckend zu sehen, wie sich Dinge aus der Vergangenheit wiederholen und wie wir aus der Geschichte für die Zukunft lernen können." Beim Bundeswettbewerb im Herbst könnte sich auch die Erfolgsgeschichte von Anna Pajdakovics wissenschaftlicher Arbeit wiederholen.

Der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten findet seit 1973 alle zwei Jahre statt und wird durch die Körber-Stiftung ausgerichtet. Teilnehmen dürfen alle Personen bis 21 Jahre. Dabei darf Einzeln oder in einer Gruppe gearbeitet werden, klassen- oder schulübergreifende Projekte sind erlaubt. Beiträge dürfen in jeglicher Form eingereicht werden, die Teilnehmer müssen sich jedoch an ein vorher ausgeschriebenes Wettbewerbsthema halten. Bundesweit werden in diesem Jahr 245 Landessiege und 250 Förderpreise vergeben. Die Bundessieger werden im November durch den Bundespräsidenten geehrt.