Werbung in Lettland für den Nordschwarzwald: Bernhard Kraft mit den Mitarbeiterinnen der Touristik von Dobele bei der Übergabe des Dobel-Prospektes. Foto: Bernhard Kraft

Der Heimatforscher aus dem Nordschwarzwald bereist das Baltikum. Die Region hat kulturhistorisch betrachtet einiges zu bieten.

Dass es im fernen Lettland, in der Region, einen Ort gibt, dessen Name wie die Verniedlichung desjenigen seines Heimatortes klingt, darauf ist der Dobler Heimatforscher Bernhard Kraft schon bei seiner Recherche zu den ersten Kurärzten der Sonneninsel gestoßen.

 

Parallele bei Herkunft des Ortsnamens Jetzt hat er Dobele, deutschbaltisch Doblen, besucht. Ein Ort, 70 Kilometer südwestlich von Riga, erstmals 1254 als Dobelene urkundlich erwähnt. Verblüffend, so Kraft, die Parallele der Herkunft des Ortsnamens von semgallisch duobe, was auf die Lage der Siedlung in einer kleinen Talsenke, duobele, hinweist, zu Dobel – oder Tobel -, was Schlucht oder steiler Taleinschnitt bedeutet.

Reise beginnt im litauischen Klaipeda, dem früheren Memel Krafts Reise ins Baltikum startete im Ostseehafen Memel, heute Klaipeda, in Litauen. Das Memelgebiet, jahrhundertelang Deutschordensland, später Teil des Königreichs Preußen, hat landschaftlich wie kulturhistorisch vieles zu bieten, zählt Kraft auf: In Memel selbst das Denkmal für Ännchen von Tharau, das anstelle einer Stalinbüste wieder aufgestellt wurde; den Nationalpark Kurische Nehrung mit endlosem Bernsteinstrand und Elchwäldern; Nidden, heute Nida, mit Thomas-Mann-Museum. Über das Kurische Haff und den Grenzfluss Memel hinweg reicht der Blick hinüber in die russische Oblast Kaliningrad, das frühere ostpreußische Königsberg.

Mit Dobel-T-Shirt Dobele erkundet Dort angekommen, hat Kraft, wie er erzählt, „das Dobel-T-Shirt angezogen und das Tourismusbüro besucht. Die beiden Frauen staunten nicht schlecht über die Gäste aus „Dobel in Vacija“, also „Dobel in Deutschland.“ Und weiter: „Prospekte von Dobel und Broschüren aus Dobele wurden getauscht. Eine der beiden Damen konnte etwas Deutsch. Es entspann sich ein netter Informationsaustausch auf Deutsch-Englisch-Lettisch.“

Zentrum des Widerstands

Es folgte ein Ortsrundgang mit viel Geschichte: „Über Dobele thront die Ruine der im Nordischen Krieg 1710 von den Schweden zerstörten Ordensburg, die 1335 vom Deutschen Orden anstelle einer älteren Wallburg erbaut worden war. Die Wallburg war Zentrum des Widerstands der ansässigen Semgallen gegen die Zwangs-Christianisierung. 1289, nach mehrmaliger Belagerung, zogen sich die Aufständischen nach Litauen zurück. Vorher brannten sie die hölzerne Burg nieder. Dobeles Ortswappen mit Schwert erinnert an diesen Widerstand gegen die Kreuzritter.

Kirche am Marktplatz

Sehenswert ist auch die 1495 erbaute Kirche am Marktplatz. Dobele hatte vor der Zwangsumsiedlung 1939 und Vertreibung 1945 eine deutschbaltische, evangelische Gemeinde.

Sprache und Kultur erforscht

Deren bedeutendster Pastor August Bielenstein hat fast 40 Jahre von 1867 bis 1906 in dieser Kirche gewirkt. Er erforschte Sprache und Kultur des lettischen Volkes. Noch heute gibt es in Dobele einen deutschbaltischen Kulturverein und deutschsprachige Gottesdienste.“

Forschungen zu Kurarzt Woldemar von Harff Krafts eigene ortshistorische Forschungen zur Villa des Kurarztes Woldemar von Harff in seinem Heimatort Dobel, dem späteren Turnerheim des Badischen Turnerbundes, und heute Standort der Sporthalle, haben diesen fernen Ort in Lettland ins Blickfeld gerückt.

Von Harff, ab 1905 Dobler Kurarzt, Spross deutschbaltischer Adelsfamilien, hat vielleicht Dobele und Pastor Bielenstein gekannt. Seine Familie hatte in Goldingen, Kurland, heute Kuldiga, ihren Wohnsitz.

Weite Reise

Vater Georg von Harff, siebte Generation derer von Harff in Kurland, und seine Mutter Mathilde von Lutzau aus Mietau, hatten kurz nach ihrer Heirat 1860 eine weite Reise ins sibirische Blagoweschtschensk am Amur angetreten, wo Georg von Harff unter Zar Alexander dem Zweiten Vizegouverneur der Oblast Amur werden sollte.

Woldemar wurde 1869 in Blagowetschensk als sechstes Kind der Eheleute geboren.

Ende 1873 ging es zurück nach Lettland, nach Riga. In der Zeit kam Woldemar in der Pferdekutsche von Mitau zur Verwandschaft in Goldingen auch durch Dobele - und vielleicht bei Pastor Bielenstein vorbei.

Regierungsauftrag des Zaren

1880 oder 1881 zog die Familie von Harff nach Kazan in Südwestrussland, wo Georg von Harff einen Regierungsauftrag des Zaren in Tatarstan antrat. Er starb dort 1886. Seine Witwe Mathilde lebte noch bis 1921 in Kazan und wurde sogar noch Patin für Enkelin Charlotte, die 1906 im fernen Dobel in Deutschland getauft wurde.

Wann Woldemar von Harff nach Deutschland kam, wo er Medizin studierte, ist nicht bekannt. Im März 1905 kam er mit Ehefrau Therese von München als Kur-, Orts- und Armenarzt in den aufstrebenden Luftkurort Dobel. Er erwarb ein Grundstück von Schultheiß Karl Allinger.

Wohnhaus und Arztpraxis

1907 fertiggestellt, diente die Villa als Wohnhaus und Arztpraxis. An Kurgäste wurden Zimmer vermietet. Im August 1908 wurde Töchterchen Charlotte geboren. In dieser Zeit wurde auch die Blutbuche gepflanzt, die noch lange das Grundstück prägte.

Von Harff selbst war nicht lange auf dem Dobel. Mit der Villa hatte er sich finanziell übernommen, und auch die Gemeinde war mit seiner Tätigkeit nicht zufrieden, sie kürzte ihm sein „Wartungsgeld“ von 1000 auf 600 Reichsmark. Im Oktober 1911 zog das Ehepaar von Harff bereits nach Chemnitz, wo er wiederum eine Arztpraxis eröffnete.