Moderatorin Gertje Treiber (links)unterhielt sich mit Rosmary Lizardo de Hummel, die von traditionellen Gerichten aus Venezuela berichtete. Foto: Decoux

Beim zweiten Heimatabend in Ettenheimmünster drehte sich alles um die Kulinarik.

Auch der zweite Heimatabend geriet in Landelins Garten nach der Premiere Ende Juni zum Publikumserfolg. Als Unterthema hatten dieses Mal die Veranstalterinnen Linda Dortje und Gretje Treiber „Essen und Trinken – Rund ums leibliche Wohl“ gewählt.

 

Dass ausgerechnet die geborene Ettenheimmünsterin Mathilde Ohnemus kurzfristig wegen Krankheit absagen musste und drum als Erzählerin nichts von ihren heimischen Küchenkultur-Kenntnissen berichten konnte, überspielte Gesprächsmoderatorin Treiber souverän. Auch ohne „Oma Ohnemus“ lauschten nahezu 100 Besucher auf dem grünen, ehemaligen Klostergelände gebannt – denn Rosmary Lizardo de Hummel berichtete als zweite Protagonistin von Koch- und Essgewohnheiten ihres Heimatlandes Venezuela. Dort war sie nämlich 1985 in der Millionenstadt Valencia geboren und aufgewachsen, später recht weit in der Welt herum gekommen. Ausgerechnet in einer venezolanischen Mühle hatte sie den jungen Andreas Hummel als Nachkomme der traditionsreichen Ettenheimmünsterer Mühlenfamilie im Dörlinbacher Grund kennen gelernt. Nach zweijähriger beruflicher Stippvisite in Thailand wurde geheiratet. In der Schweiz und Italien kamen dann zwei Kinder zur Welt, bis die komplette Familie schließlich 2019 ihren nächsten Wohnsitz in Ettenheimmünster genommen hatte. Das sieht Rosmary mittlerweile als neue Heimat, auch wenn ihr Venezuela im Herzen geblieben ist. Denn: „Man soll sein Leben mit anderen teilen, wo man gerade ist.“

Auch Zuhörer aus dem Publikum teilen ihre Erinnerungen

Die Küche im nördlichen südamerikanischem Land ist seit jeher historisch bedingt indigen, europäisch und afrikanisch geprägt. Ob portugiesischer Bacalhau-Trockenfisch samt dortigen sehr süßen Backwaren, spanisch gezupftes Rindfleisch, afrikanische Kochbananen oder Nudeln aller Art: Da bleibt kein Geschmackserlebnis aus.

Rosmarys schönste Erinnerung: Flachrunde Arepas aus vorgekochtem Maismehl mit allerlei spannenden Füllungen. Oder Obst und Gemüse, insbesondere spezielle Mangos oder Avocados, die es hier leider so nicht zu kaufen gebe. Kalte Wurst – wie sie hier gerne zum Vesper gegessen wird – ist hingegen in Venezuela wenig bis gar nicht angesagt. Drei Mal am Tag wird dort warm gegessen – und das schon zum Frühstück. Etwa Empanadas als frittierte Maismehl-Teigtaschen mit Kartoffeln, Hühnchen, Käse und mehr gefüllt. Rosmarys Oma hatte in Venezuela übrigens noch einen Bauernhof bewirtschaftet mit Kühen, Schweinen, Pferden sowie Mais- und Ananasanbau. Sie selbst vermisst in Deutschland vor allem den venezolanischen Käse, hat aber im deutschen „Bibeleskäs“ einen schönen Ersatz gefunden, wurde hier auch von badisch-saurer Leber positiv überrascht.

Die Zuhörer lauschten gespannt und kamen auch selbst zu Wort. Viele von ihnen erinnerten sich an die Zeit, als noch Selbstversorgung angesagt war. Foto: Decoux

Angesichts derart faszinierender Schilderungen ließ sich auch die Zuhörerschaft per herumgereichtem Mikro erzählmäßig nicht lumpen. Früher sei man „vor der Generation Kaufland“ noch Selbstversorgung gewohnt gewesen, mit winterlicher Kellerwirtschaft von eingemachtem Obst und Gemüse über Topf-Sauerkraut bis zu dunkel gelagerten Kartoffeln und in Sand verbuddelten Karotten. Klar: Wer konnte, betrieb überdies einen eigenen Garten zur möglichst kompletten Selbstversorgung. Eine geborene Steiermärkerin, längst ebenfalls im Münstertal zuhause, erinnerte sich, dass man dort neben eingemachtem Selchfleisch sogar Kerzen noch selbst aus tierischem Fett herstellte. Ein anderer Senior rief sich ins Gedächtnis, dass früher im Dorf Schweine noch quasi auf der Straße geschlachtet wurden, mit anschließend frisch gekochtem Kesselfleisch oder Metzelsuppe-Wurstbrühe.

Info – Hungersnot und Diktatur

Vor fünf Jahren habe es in Venezuela eine besondere Hungersnot gegeben, erzählt Rosmary auf Nachfrage. Das bestätigt auch die Caritas International: Derzeit seien rund 300 000 Kinder unter fünf Jahren in Venezuela unterernährt. Genauere Zahlen dazu gebe es nicht, weil der Staat sie nicht veröffentliche. Zu dem heiklen politischen Thema in ihrer alten Heimat hatte sich Rosmary zuvor nur kurz geäußert: In Venezuela herrsche leider eine kriminelle Diktatur. Fakt ist: Nikolás Maduro ließ sich mit seiner sogenannten „Sozialistischen Einheitspartei“ nach vorherigem Scheitern im vergangenen Jahr nochmals unter höchst umstrittenen Umständen erneut zum Staatspräsidenten wählen. Es handele sich bei Venezuela jetzt um einen autoritär-mafiösen Willkürstaat. Mit dieser Meinung steht Rosmary nicht alleine: Auch die Europäische Union hat Maduros höchst dubiose Wiederwahl nicht anerkannt, und die USA haben mittlerweile sogar die Belohung für Informationen, die zur Festnahme von Maduro führen, auf satte 50 Millionen Dollar erhöht.