Das „Almosenbrot“ ist ein Stück Schiltacher Armen- und Sozialgeschichte. Durch Spenden wurde Menschen in Not geholfen.
Als 1871 vier Schiltacher Flößer, die sich nach Siebenbürgen (heute: Rumänien) verdungen hatten, bei einem Hochwasser ums Leben kamen, war, wie Zeitung schrieb, „der Jammer der Angehörigen ergreifend“. Ihnen, Ehefrauen, unmündigen Kindern und alten Eltern, galt der Wunsch, dass „Gott und gute Menschen sich der Verlassenen erbarmen wollen“.
Appelle an die mitmenschliche Solidarität gingen auch von der evangelischen Pfarrei aus. So, als beim Rückmarsch württembergischer Truppen aus Frankreich 1871 der Soldat Heinrich Kiesel aus Wüstenrot hier durch Pferdeschlag getötet wurde. Er war der einzige Sohn seiner armen Mutter, was Stadtpfarrer Eduard Böckh zu einer Kollekte veranlasste, die 127 Gulden (circa 790 Euro) erbrachte. 1881 verletzte sich im Sulzbächle der junge Konrad Eßlinger beim Retten seiner Schultasche aus dem brennenden Haus so schwer, dass er behindert wurde. Auch hier rief Böckh zu Spenden auf, 600 Mark, fast 6000 Euro, kamen zusammen.
Überhaupt war, beim Fehlen staatlicher Sozialhilfe, die Pfarrei in Notlagen zuständig. Dafür besaß sie den „Armenfonds“, ein Geldkapital, das aus Spenden gespeist wurde. Aus den Zinsen flossen Unterstützungen, vor allem Brot, genannt „Almosenbrot“. Dafür stifteten 1851 Matthias Röck (Bohmen), die Witwen Henriette Trautwein (Ochsen) und Margarethe Haas (Handelshaus) sowie der Rotgerber Georg Trautwein jeweils 5 Gulden (circa 31 Euro).
Ein Signal für wirkliche Not
1785 ist erstmals belegt, dass man „in der Kirch Brot an Hausarme austeilte“. „Bettelarm“ war Gottlieb Bühler, der 1805 in strenger Kälte und schlechter Kleidung erfror. 1832 fand man Conrad Schneider, der „auf ebener Erde ohne Bretterboden wohnte, durch schlechte Nahrung entkräftet“. 1843 wies der Armenfonds 1986 Gulden an Kapital auf (12 400 Euro). Es verringerte sich so, dass es keine Zinsen mehr gab, ein Signal für die wirkliche Not, vor allem unter Taglöhnern und armen Handwerkern. Der Kirchengemeinderat beschloss, statt vier- nur noch zweipfündige Laibe auszugeben und bestimmte Personen auszuschließen.
Manchmal gaben Bürger direkt Geld für den Kauf von Brot. So notierte Robert Vayhinger, Kaufmann und späterer Bürgermeister, 1860 in sein Kassenbuch: „An Herrn Pfarrer Längin 7 Gulden 5 Kreuzer für Armenbrote“, womit dieser 50 Laibe kaufen konnte. Dass die ärmsten der Familienväter ihr Brot im Gottesdienst nach der Predigt vor versammelter Gemeinde in Empfang nehmen durften, zeigt, dass auch eine erzieherische Wirkung beabsichtigt war.
Die Inflation vernichtet das Kapital
Das eher in protestantischen Orten übliche „Armenbrot“ galt im Kinzigtal als „einmaliger Brauch“, der, wie es 1899 hieß, „fast jeden Sonntag von wohlhabenden Leuten“ ausgeübt wird, die „dadurch ihre Dankbarkeit gegen Gott zum Ausdruck zu bringen“. Sein Ende kam mit der Einführung der Brotkarten im Ersten Weltkrieg. Danach vernichtete die Inflation das Kapital des „Armenfonds“, das auch nicht mehr angesammelt werden konnte.
Ging es darum, dass „gute Menschen sich erbarmen wollen“, so ist dies auch für die Familien der 1871 verunglückten Flößer zu berichten: Kaiser Franz Joseph II. von Österreich bewilligte höchstselbst den beiden Witwen lebenslang und den acht Waisen bis zum 14. Lebensjahr eine jährliche Rente von je 50 Gulden, was in Schiltach noch lange anerkennend erzählt wurde.